Schneller, besser, klüger: Leistungsdruck in der Schule

Kinder sind in der Schule enormem Leistungsdruck ausgesetzt. Wer nicht mithält, hat ein Problem. Werden diese Kinder voreilig als verhaltensauffällig abgestempelt? Werden Ärzte unter Druck gesetzt, um mit Medikamenten schnelle Lösungen zu finden? Über diese Fragen diskutierten Experten an einer Veranstaltung der Zürcher Paulus-Akademie.

Kinder müssen viel lernen, weil der Leistungsdruck in der Schule hoch ist.

Lesen, lesen, lesen: Der Leistungsdruck in der Schule verlangt Kindern einiges ab. Foto: Hemera, Thinkstock

Sie können sich schlecht konzentrieren, sie haben Probleme mit dem Lesen oder sie können nicht still sitzen. Es sind Kinder, die dem Leistungsdruck in der Schule nicht standhalten können. Mehr als jedes zweite Kind erhält gemäss einer Forsa-Umfrage unter deutschen Eltern im Laufe seiner Schulzeit eine Therapie.

Auch in der Schweiz haben Therapien Hochkonjunktur. Experten schätzen, dass schon im Kindergarten bei 30 Prozent der Kinder eine Abklärung für eine Therapie stattfindet. In der Primarschule erhalten 60 Prozent der Schüler sonderpädagogische Massnahmen, wie der bekannte Kinderarzt Dr. Remo Largo und Lehrer Dieter Rüttimann im Tagesanzeiger schreiben. Das sind beispielsweise Therapien gegen Lese- und Rechtschreibschwäche, gegen Sprachstörungen oder Nachhilfe in Deutsch für Kinder mit Migrationshintergrund. «97 Prozent sind ganz normale Kinder, die der Schule Schwierigkeiten machen, weil sie sehr verschieden sind. Das will die Schule nicht wahrhaben. Deshalb werden sie therapiert», erklärte Remo Largo bereits vor zwei Jahren in der SonntagsZeitung.

Grosse Herausforderung für Lehrer

Dr. Hans-Jürg Keller, Prorektor Ausbildung der Pädagogischen Hochschule Zürich

Dr. Hans-Jürg Keller, Foto: Zimmerling

Dr. Hans-Jürg Keller, Prorektor Ausbildung der Pädagogischen Hochschule Zürich, bat um Verständnis für Lehrer: «Lehrpersonen nehmen es sehr persönlich, wenn ein Kind verhaltensauffällig ist. Das lässt sie an ihren eigenen Fähigkeiten zweifeln. Jeder will so gut wie möglich sein», sagte er an der Veranstaltung «Schneller, besser, klüger? Wenn Kinder mehr leisten sollen» der Paulus-Akademie Ende Juni in Zürich. Natürlich würden Lehrer versuchen Kinder je nach ihrem Entwicklungsstand zu fördern. Bei einer Klasse mit 24 Schülern sei es aber eine grosse Herausforderung allen gerecht zu werden, sagte Keller.

Dr. Oskar Jenni, Leiter Entwicklungspädiatrie am Kinderspital Zürich, spürt einen grossen Druck von Lehrpersonen. «Geben Sie uns etwas, damit wir mit den Kindern arbeiten können», ist eine Bitte, die er und seine Ärztekollegen immer wieder hören. Die Erwartungen der Lehrer an die Ärzte seien sehr hoch. Viele könnten nicht erfüllt werden, erklärte der Mediziner.

Ritalin für gesunde Kinder?

Mit Medikamenten lassen sich die Probleme nicht lösen. Jedenfalls nicht in allen Fällen. Ritalin soll beispielsweise Kindern mit ADHS helfen, sich besser zu konzentrieren. Es steht aber auch im Verdacht an gesunde Kinder abgegeben zu werden, die nur etwas zappelig sind. Eine Studie der Versicherung Helsana ergab, dass im Tessin fünf Mal weniger Ritalin bezogen wird als in der Deutsch- und Westschweiz. Das liege nicht etwa daran, dass es im Tessin weniger ADHS gebe, sondern dass man anders mit dem Krankheitsbild umgehen würde, vermuten Forscher.

Dr. Oskar Jenni, Leiter Entwicklungspädiatrie am Kinderspital Zürich

Dr. Oskar Jenni, Foto: Zimmerling

«Wenn die Leistungsfähigkeit eines Kindes nicht den Erwartungen der Umwelt entspricht, wird es als verhaltensauffällig eingestuft», erklärte Oskar Jenni. Er sprach auch von einem «Misfit». So ist beispielsweise der häufigste Grund für eine Schlafstörung bei Kindern nicht eine körperliche oder psychische Erkrankung, sondern falsche Erwartungen der Eltern. Gehen Eltern beispielsweise davon aus, dass einjährige Kinder nachts zwölf Stunden schlafen sollten, ihr Kind aber nur neun Stunden benötigt, lassen sie es länger im Bett, als es schlafen kann. Das kann zu Schlafstörungen führen.

Mehr zum Thema Misfit gibt es unter www.kispi.uzh.ch

Grosser Leistungsdruck von Eltern

Von zu hohen Erwartungen der Eltern konnte auch Hans-Jürg Keller von der Pädagogischen Hochschule Zürich berichten. «Der Wettbewerb in der Leistungsgesellschaft ist stärker geworden. Das spüre ich vor allem bei den Eltern, die ihren Kindern die bestmöglichen Chancen geben wollen.» Der Leistungsdruck von zu Hause auf die Kinder sei gross. Das könne kontraproduktiv sein und die Lust des Kindes an der Leistung nehmen.

Kinderarzt Oskar Jenni plädierte deshalb dafür, dass sowohl Eltern, Lehrer als auch die Gesellschaft ihre Erwartungshaltungen überdenken sollten. «Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, aber ich habe Zweifel, ob diese ein Bedürfnis von Menschen ist», sagte er.

Spüren Ihre Kinder den Leistungsdruck in der Schule? Welches Verhalten wird in der Schule noch toleriert? Berichten Sie uns über Ihre Erfahrungen! Hier geht es zum Kommentarbereich.

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