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Kinderwunsch > Künstliche Befruchtung

In-vitro-Fertilisation (IVF): Ablauf, Chancen, Risiken und praktische Tipps

Nicht alle Paare können auf natürliche Weise ein Baby zeugen. In solchen Fällen kann die In‑vitro‑Fertilisation (IVF) helfen, den Kinderwunsch zu erfüllen. Wie läuft eine solche künstliche Befruchtung ab? Wir geben Einblick ins Verfahren, erläutern Erfolgsfaktoren, mögliche Risiken und geben praktische Hinweise für Paare in der Schweiz.

Eine In-vitro-Fertilisation kann Paaren den Kinderwunsch erfüllen.
In‑Vitro‑Fertilisation kann Paaren mit unerfülltem Kinderwunsch Hoffnung auf ihr Wunschkind machen. Foto: Ibrakovic, iStock, Thinkstock

Wenn alle natürlichen Befruchtungsversuche nicht klappen, bleibt Paaren mit Kinderwunsch häufig die Option einer künstlichen Befruchtung wie der In‑vitro‑Fertilisation (IVF). IVF bezeichnet das Zusammenbringen von Eizelle(n) und Spermien ausserhalb des Körpers, das anschliessende Kultivieren der Embryonen im Labor und das Zurücksetzen eines oder mehrerer Embryonen in die Gebärmutter.

Kurzüberblick: Wann ist IVF sinnvoll?

IVF wird meist empfohlen, wenn weniger aufwändige Methoden (z. B. Intrauterine Insemination) erfolglos blieben oder körperliche Gründe wie verschlossene oder geschädigte Eileiter vorliegen. Bevor du mit einer IVF beginnst, werden du und dein:e Partner:in umfassend untersucht und beraten, weil Ursachen der Kinderlosigkeit, Alter und Begleiterkrankungen die Wahl des Verfahrens und die Erfolgsaussichten beeinflussen.

Wichtige Faktoren, die die Erfolgsaussichten beeinflussen

+ Ursache der Fertilitätsstörung: Die Erfolgschancen hängen stark davon ab, welche Ursache der unerfüllte Kinderwunsch hat (z. B. ovulatorische Störung, Eileiterproblem, männliche Factoren).

+ Alter der Frau: Das Alter ist einer der stärksten Prädiktoren für den Erfolg. Die Wahrscheinlichkeit einer Lebendgeburt sinkt mit zunehmendem Alter durch abnehmende Eizellqualität.

+ Ovarielle Reserve und Hormonwerte: Messwerte wie Anti‑Müller‑Hormon (AMH) und Follikelstimulierendes Hormon (FSH) geben Hinweise auf die Zahl reagierender Eizellen bei der Stimulation und auf die Erfolgsaussichten.

+ Spermienqualität: Beweglichkeit, Konzentration und Morphologie der Spermien beeinflussen Befruchtung und Auswahl zwischen IVF und ICSI.

+ Lebensstilfaktoren: Übergewicht, Rauchen, starker Alkoholkonsum und ungenügende Vitamin‑/Folsäureversorgung können die Chancen senken; positive Veränderungen können die Aussichten verbessern.

Als Orientierung werden pro Embryonentransfer durchschnittliche Schwangerschaftsraten oft im Bereich von rund 25–30 % angegeben; aufgrund früher Fehlgeburten liegt die Wahrscheinlichkeit, pro Versuch ein lebendes Kind zu bekommen, etwas niedriger. Die kumulative Erfolgsrate über mehrere Zyklen ist deutlich höher als die Einzelzyklusrate – sprich: mehrere gut geplante Versuche erhöhen die Gesamterfolgswahrscheinlichkeit.

IVF in der Schweiz: Zahlen und Kontext

In der Schweiz wird über ein Prozent der Geburten mit assistierten Reproduktionstechniken erzielt. Laut Statistik machen Behandlungen mit assistierter Reproduktion einen sichtbaren Anteil an den Geburten aus; die Häufigkeit von Mehrlingsgeburten ist seit Einführung der Praxis des selektiven Einzeltrasfers gesunken, bleibt aber eine relevante Nebenwirkung, die das Risiko für Frühgeburt und Komplikationen erhöht.

Risiken und mögliche Komplikationen

- Nebenwirkungen der Hormonstimulation: Östrogen‑bedingte Beschwerden, gelegentlich das ovarielle Überstimulationssyndrom (OHSS), das in schweren Fällen stationär behandelt werden muss.

- Eingriffsrisiken: Komplikationen bei der Eizellentnahme (sehr selten) wie Blutungen oder Infektionen sowie eine minimale Gefahr der Verletzung benachbarter Organe.

- Eileiterschwangerschaften, Fehlgeburten und Frühgeburten treten bei assistierten Reproduktionstechniken etwas häufiger auf als bei spontanen Schwangerschaften.

- Psychische Belastung: Die wiederholten Zyklen, Wartezeiten und Unsicherheiten belasten viele Paare emotional; Depression, Angst oder Beziehungsstress sind nicht ungewöhnlich und sollten ernst genommen werden.

Der Behandlungsablauf – Schritt für Schritt

1 Vorbereitung und Abklärungen: Vorab erfolgen gynäkologische Untersuchungen, Spermiogramm, Hormonbestimmungen (z. B. AMH, FSH), Ultraschall und Begutachtung der Gebärmutter. Du erhältst eine Beratung zu Chancen, Risiken, Kosten und alternativen Optionen wie ICSI oder Kryokonservierung.

2 Medikamentöse Stimulation: Mit Medikamenten wird die gleichzeitige Reifung mehrerer Eizellen angestrebt. Die Dosis wird individuell angepasst; Ziel ist eine ausreichende Zahl qualitativ guter Eizellen, ohne schweres OHSS zu provozieren.

3 Eizellentnahme (Follikelpunktion): Rund 32–36 Stunden nach dem Auslösen der Vollreife werden die Eizellen unter Kurznarkose per transvaginaler Punktion entnommen. Der Eingriff ist kurz, Nachbeobachtung ist üblich.

4 Befruchtung im Labor: Eizellen und Spermien werden im Brutschrank zusammengebracht. Bei starker Einschränkung der Spermienqualität erfolgt oft ICSI (intrazytoplasmatische Spermieninjektion), bei der eine einzelne Samenzelle in die Eizelle injiziert wird.

5 Embryokultur und Transfer: Embryonen werden 2–5 Tage im Labor kultiviert; je nach Entwicklung und klinischer Strategie wird meist ein Embryo transferiert. Überschüssige Embryonen können kryokonserviert (eingefroren) werden.

6 Wartezeit und Schwangerschaftstest: 10–14 Tage nach Transfer erfolgt ein Bluttest auf Beta‑hCG zur Feststellung einer Schwangerschaft. Ein positiver Test wird durch Ultraschall nach einigen Wochen bestätigt.

Praktische, wissenschaftlich fundierte Tipps für dich

  • Sprich offen mit der Klinik über die Erfolgsraten für dein Altersprofil und die kumulativen Chancen über mehrere Zyklen.
  • Frühzeitiges Checken der ovariellen Reserve (AMH) hilft bei der Planung; falls AMH tief ist, besprecht alternative Optionen wie Eizellspende.
  • Optimiere Lebensstilfaktoren: Normalisiere das Gewicht, höre mit Rauchen auf, reduziere Alkohol und sorge für eine ausgewogene Ernährung sowie ausreichende Folsäurezufuhr vor Konzeption — solche Massnahmen können die Chancen verbessern.
  • Informiere dich über Kosten und Erstattung in deinem Kanton und kläre vor Beginn, welche Leistungen die Klinik und welche die obligatorische Krankenversicherung (OKP) übernimmt.
  • Nutze psychologische Begleitung oder Selbsthilfegruppen; viele Zentren bieten psychosoziale Unterstützung an. Das senkt Stress und hilft bei Entscheidungsfragen (z. B. Umgang mit mehreren Embryonen).
  • Frage nach dem Protokoll für Einzeltransfer: Das bewirkt eine Reduktion von Mehrlingsschwangerschaften und damit verbundenen Risiken.

Psychologische und soziale Aspekte

Die Behandlung ist für viele Paare emotional belastend. Offenheit in der Partnerschaft, klare Absprachen zu maximalen Zykluszahlen und finanzielle Grenzen sowie externe Beratung (Psycholog:in, Paartherapie) helfen, Belastungen zu reduzieren. Wenn du Angehörige einbeziehen möchtest, besprecht vorher, welche Unterstützung gut ist.

Was du die Klinik fragen solltest

  • Wie hoch sind die Erfolgsraten für mein Alters- und Befundprofil?
  • Welche Risiken gibt es in meinem konkreten Fall (z. B. OHSS‑Risiko, Mehrlingsrisiko)?
  • Welche Kosten kommen auf uns zu und welche Leistungen übernimmt die Krankenkasse oder der Kanton?
  • Wie viele Embryonen werden transferiert und wie viele kryokonserviert?
  • Welche psychosoziale Unterstützung bietet die Klinik an?

Wann du eine zweite Meinung einholen solltest

Wenn du unsicher bist, ob die vorgeschlagene Therapie zu deinen Zielen passt, wenn die Erfolgsaussagen nicht klar belegt sind oder wenn die empfohlene Strategie hohe Risiken birgt (z. B. mehrfacher Embryonentransfer), ist eine zweite fachärztliche Meinung sinnvoll. Das gilt auch bei Vorschlägen zu invasiven Zusatzuntersuchungen.

Fazit

IVF kann für viele Paare eine wertvolle Möglichkeit sein, den Kinderwunsch zu erfüllen. Die Erfolgsaussichten hängen vor allem vom Alter, von der Ursache der Unfruchtbarkeit, der ovariellen Reserve und der Spermienqualität ab. Informiere dich umfassend, nutze Beratungs‑ und Unterstützungsangebote und treffe Entscheidungen zusammen mit deinem:r Ärzt:in und deinem Partner/deiner Partnerin, die zu euren Werten, Ressourcen und Zielen passen.

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