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Können behinderte Kinder in der Sonderschule besser gefördert werden?

Können Sie Kritiker verstehen, die sagen, die integrative Schule sei zu schwierig?

Ich verstehe es, wenn die Regelschule wirklich nicht die Ressourcen bekommt. Wenn der Lehrer mit Kindern mit geistiger Behinderung und Verhaltensauffälligkeiten allein in der Klasse steht, vielleicht zwei bis drei Stunden eine Heilpädagogin zu Seite hat, dann geht das nicht.

Deshalb sagen manche das Modell sei zu teuer, wenn es richtig gemacht würde.

Das ist es eben nur, wenn man zwei teure Systeme nebeneinander hat.

Und was ist mit dem Kritikpunkt, dass behinderte Kinder in der Sonderschule besser gefördert werden können als in der Regelschule?

Ich habe Dario, einen Schüler der vierten Klasse in einem Schweizer Bergdorf kennen gelernt. Er hat das Down-Syndrom und war trotzdem in einer Regelklasse. Er war gerade dabei die Buchstaben zu lernen. Vielleicht hätte er in der Sonderschule das Lesen rascher gelernt. Aber mir stellt sich die Frage: Was ist eigentlich das Ziel der Bildung? Ich habe ihn beim Tanzen mit seinen Kameraden gesehen. Er hat von ihnen gelernt, auch viele Verhaltensregeln und Alltagskompetenzen, einfach durch Abschauen und Mitmachen. Das kann eine Sonderschule gar nicht bieten. Dennoch haben sich die Eltern dafür entschieden, Dario nach der Primarschule auf eine Sonderschule gehen zu lassen.

Ist die Integration dann nicht gescheitert?

Nein. Ich will Ihnen ein anderes Beispiel geben. In Schweden am Gymnasium lernen Jugendliche mit Behinderung in extra Klassen, aber sie bleiben im gleichen Haus wie die anderen. Die Schulen schauen, wo Integration noch möglich ist: zum Beispiel bei gemeinsamen Theaterproben, beim Essen in der gemeinsamen Mensa. Diese Unverkrampftheit würde ich mir auch hier in der Schweiz wünschen. Wenn wir einmal ja zur Integration gesagt haben, müssen wir diese nicht stur durchziehen, sondern im Einzelfall schauen, was das Beste für das Kind ist. Wir müssen aber den Mut zur grösstmöglichen Integration haben.

Interview: Angela Zimmerling im Oktober 2012

Peter Lienhard-Tuggener setzt sich für die schulische Integration ein.Zur Person

Peter Lienhard-Tuggener ist Professor an der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik in Zürich. Der Ausgebildete Primarlehrer, Sonderpädagoge und Psychologe hat 2011 zusammen mit Klaus Joller-Graf und Belinda Mettauer Szaday das «Rezeptbuch schulische Integration. Auf dem Weg zu einer inklusiven Schule» veröffentlicht. Das Buch zeigt, wie ein Unterricht aussieht, der möglichst allen Schülern gerecht wird.

Foto: Thomas Burla

 

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