Leben > Krisen & HilfeAlkoholsucht bei Eltern: Was du für die Kinder tun kannst Sigrid Schulze Wenn sich die Gedanken der Eltern immer mehr um Alkohol drehen, sind Kinder gefährdet. Sie sorgen sich um Vater oder Mutter, fürchten den Rausch und leiden unter Stimmungsschwankungen, manchmal auch unter Gewalt. Doch Eltern und andere Erwachsene können wirksam helfen – vor allem, wenn sie früh Sicherheit herstellen und Unterstützung organisieren. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken Eltern mit Alkoholsucht wissen, dass ihre Kinder unter der Sucht leiden. Foto: KatarzynaBialasiewicz, iStock, Thinkstock Wenn sich die Festtage ballen, gilt Alkohol auf dem Tisch als normal. Wein, Cognac oder andere alkoholische Getränke zu trinken, kann ein besonderer Genuss sein. Dagegen ist nichts einzuwenden, solange sich auch ohne Alkohol entspannte Tage und Abende verbringen lassen. Doch rund 100’000 Kinder in der Schweiz haben einen Elternteil mit Alkoholsucht, informiert die Stiftung Sucht Schweiz. Das Wichtigste in Kürze: Schutz, Struktur, Gespräch, Hilfe Wenn du merkst, dass Alkohol in deiner Familie zum Risiko für Kinder wird, helfen oft vier klare Schritte: Erstens: Sicherheit im Alltag und im Notfall organisieren. Zweitens: Vorhersehbarkeit schaffen (Routine, verlässliche Betreuung). Drittens: Mit dem Kind altersgerecht sprechen, damit Schuld und Scham weniger werden. Viertens: Hilfe holen – auch dann, wenn die betroffene Person (noch) nicht bereit ist. Merke: Kinder brauchen nicht perfekte Eltern, sondern verlässliche Erwachsene. Schon kleine Veränderungen (Notfallplan, eine Vertrauensperson, ein ehrliches Gespräch) können viel Druck aus dem System nehmen. Sicherheit zuerst – Notfall- und Sicherheitsplan Wenn ein Elternteil abhängig ist oder häufig stark trinkt, ist die grösste Belastung für Kinder oft nicht «der Alkohol an sich», sondern die Unberechenbarkeit: Wird heute gekocht? Gibt es Streit? Wird jemand laut oder schläft weg? Ein Notfall- und Sicherheitsplan macht Situationen planbarer. Er ist keine Drohung, sondern eine kindgerechte Absicherung. Schritt für Schritt: Was dein Kind im Notfall tun kann 1. Warnzeichen erkennen: «Wenn Mama/Papa komisch spricht, schwankt, sehr laut wird, einschläft, nichts mehr mitbekommt oder aggressiv wirkt, ist das ein Warnzeichen.» 2. Abstand schaffen: Das Kind muss nicht beruhigen, vermitteln oder diskutieren. Es darf in ein anderes Zimmer gehen, Musik hören, eine Nachbarin anrufen oder zur vorher vereinbarten Vertrauensperson gehen. 3. Hilfe holen: Übe mit dem Kind konkrete Schritte: Wie entsperrt es das Handy? Wen ruft es zuerst an? Was sagt es am Telefon? (Kurzsatz reicht: «Kannst du mich bitte abholen? Es ist nicht gut zuhause.») 4. Notruf kennen: Wenn Gewalt passiert, jemand bedroht wird oder du Angst hast: Polizei 117. Bei medizinischem Notfall: Sanität 144. Bei Feuer/Rauch: 118. Diese Nummern darf ein Kind auch dann wählen, wenn es «nicht ganz sicher» ist. So machst du den Plan alltagstauglich (ohne dein Kind zu überfordern) 1–2 sichere Erwachsene festlegen: Wer ist in 10–20 Minuten erreichbar? Wer darf das Kind abholen? Wer kann im Notfall die Nachtübernahme organisieren? Nummern sichtbar machen: Liste auf Papier (Kühlschrank/Kinderrucksack) und als Favoriten im Handy. Bei jüngeren Kindern zusätzlich mit Symbolen oder Fotos. Abhol-Codewort: Ein einfaches Wort oder Emoji, das bedeutet: «Bitte komm jetzt.» Das reduziert die Hemmschwelle, Hilfe zu holen. Klare Regel: «Du gehst nie mit ins Auto, wenn jemand Alkohol getrunken hat.» Wenn Fahrten ein Thema sind (z.B. nach Besuchswochenenden), ist das eine zentrale Sicherheitsregel. Kind nicht in die Rolle der Aufpasser:in bringen: Kein Kind soll Flaschen suchen, «kontrollieren», den Elternteil wecken oder Streit schlichten. Das erhöht Stress und das Risiko von Parentifizierung (das Kind übernimmt Erwachsenenaufgaben). Wenn Gewalt im Raum steht oder das Kindeswohl gefährdet ist, ist es wichtig, dass du rasch Unterstützung holst. In der Schweiz können in akuten Situationen Polizei und Sanität helfen; bei anhaltender Gefährdung ist auch eine Abklärung durch die KESB möglich und manchmal nötig, um Schutz und Entlastung zu organisieren. Alkoholsucht der Eltern: Kinder leiden massiv Je mehr der Alkohol das Leben der Mutter oder des Vaters beherrscht, umso stärker prägt er auch das Leben der Kinder. Sie sorgen sich um den betroffenen Elternteil, um seine Gesundheit, seine Freundschaften oder seinen Arbeitsplatz. Sie fürchten den Rausch, der den geliebten Vater oder die Mutter verändert. Sie leiden unter den Stimmungsschwankungen, der unberechenbaren Atmosphäre, die Alkohol und Kater mit sich bringen. Und oft leiden sie auch unter körperlicher oder seelischer Gewalt. «Jedes Mal, wenn ich betrunken nach Hause kam, setzte ich meine Sonnenbrille auf, um meinen Rausch zu verstecken. Mein Dreijähriger Sohn kam immer, um sie mir auszuziehen. Ich konnte das Leid in seinem Blick sehen, wenn er sah, dass ich schon wieder getrunken hatte», berichtet ein Elternteil auf den Internetseiten von Sucht Schweiz. Wichtig zu wissen: Kinder reagieren sehr unterschiedlich. Manche werden still und «pflegeleicht», andere auffällig, wütend oder ängstlich. Beides kann Ausdruck von Stress sein. Häufig versuchen Kinder, die Stimmung zu «lesen», um Konflikte zu vermeiden – das kostet Kraft und kann Konzentration, Schlaf und Verhalten beeinflussen. Wie sich alkoholkranke Eltern fühlen Eltern mit Alkoholsucht lieben ihre Kinder genauso wie andere Eltern. Doch viele wissen auch, dass Kinder unter der Sucht leiden. «Sich überfordert zu fühlen und mit einer Erziehungssituation nicht mehr zurecht zu kommen, passiert allen Eltern», versucht die Stiftung Sucht Schweiz, Schuldgefühle zu nehmen. Dann solltest du dir Unterstützung holen, Alkoholsüchtige zum Beispiel bei der Ärzt:in, einer Alkohol- und Suchtberatungsstelle oder einer Selbsthilfegruppe. Sich Hilfe zu holen, wird zu einem Muss, wenn ein Kind körperliche oder seelische Gewalt erlebt. «Das Wichtigste ist, dass du deine Kinder schützt», so Sucht Schweiz. Was alkoholkranke Eltern tun können Erkläre deinem Kind, dass es nicht sein Fehler ist, dass du ein Problem mit Alkohol oder anderen Drogen hast. Du hast eine Krankheit. Organisiere den Alltag so vorhersehbar wie möglich: Kinder brauchen Strukturen und einen Rahmen, um sich sicher zu fühlen. Wenn es in der Familie zu Gewalt oder starkem Konsum kommt, sorge dafür, dass dein Kind in Sicherheit ist und dass es weiss, wo es Hilfe holen kann. Ab vier oder fünf Jahren kannst du ihm eine Liste mit Telefonnummern geben, die es anrufen kann. Organisiere dir eine erwachsene Vertrauensperson, die über die Situation Bescheid weiss, und die das Kind abholen kann, wenn eine gefährdende Situation besteht. Vermeide es möglichst, dass dein Kind dich berauscht erlebt. (Quelle: Sucht Schweiz) Alkoholsucht ist eine Krankheit, die schambesetzt ist. Zwar lässt sich die Krankheit behandeln und auch überwinden, doch Betroffene wollen sich oft nicht eingestehen, dass sie süchtig sind. «Die Person ist nicht schuld an ihrer Krankheit, aber sie ist es, die bereit sein muss, Hilfe anzunehmen», so die Stiftung Sucht Schweiz. Die Krankheit nicht mehr zu verleugnen, ist ein erster Schritt, gegen sie anzugehen. Dann lässt sich über die Alkoholsucht sprechen wie über jede andere Krankheit, die den Alltag einschränkt. Für viele Familien ist es entlastend, Sucht als behandelbare Erkrankung zu verstehen: Es geht nicht um «Charakterschwäche», sondern um ein Muster, das sich verfestigt hat und mit professioneller Hilfe veränderbar ist. Gleichzeitig gilt: Auch wenn Veränderung Zeit braucht, darf Kindesschutz nicht warten. Mit dem Kind sprechen Kinder spüren sehr früh, dass «etwas nicht stimmt». Wenn niemand es einordnet, füllen sie die Lücken oft mit eigenen Erklärungen – und viele landen bei «Ich bin schuld» oder «Ich muss helfen». Ein offenes, kindgerechtes Gespräch nimmt Druck raus und schützt vor Geheimhaltung. Grundsätze, die Kindern Halt geben Benennen, was ist – ohne Details: «Ich habe ein Alkoholproblem. Das ist eine Krankheit.» Entlasten: «Du bist nicht schuld. Du kannst das nicht lösen.» Sicherheit zusagen – konkret: «Wenn es schwierig ist, gehst du zu … / rufst du … an.» Gefühle erlauben: «Du darfst wütend, traurig oder verwirrt sein.» Beispielsätze nach Alter Kleinkinder (ca. 2–5): «Heute war ich krank, darum war ich komisch. Du bist sicher. Jetzt kümmert sich XY um dich.» Schulkinder (ca. 6–12): «Wenn ich getrunken habe, kann ich mich nicht gut kümmern. Dann gilt unser Plan: du rufst XY an oder gehst zu …» Teenager: «Ich weiss, das ist belastend. Du musst mich nicht decken. Wenn du möchtest, suchen wir zusammen eine Beratung – auch nur für dich.» Wichtig: Versprich nichts, was du nicht sicher halten kannst («Ab morgen trinke ich nie mehr»). Besser sind überprüfbare Schritte («Ich habe am Dienstag einen Termin bei …», «Ich gehe in eine Beratungsstelle», «Wir machen einen Plan, wer dich abholt»). Das stärkt Vertrauen. Vertrauenspersonen für das Kind Viele Betroffene haben Angst davor, dass ihr Kind anderen Menschen von ihrer Alkoholsucht erzählen. Doch Geheimnisse belasten. «Rede mit deinem Kind über deine Angst und wähle mit ihm gemeinsam eine oder zwei Vertrauenspersonen aus, mit denen es sprechen könnte», rät Sucht Schweiz. «Es ist für dein Kind sehr wichtig, dass es sich nicht isoliert fühlt.» Darüber hinaus braucht es Hilfe, genauso, als wenn Vater oder Mutter eine andere gravierende Krankheit hätte. Es benötigt Menschen, die es auffangen, wenn der Vater oder die Mutter getrunken hat oder verkatert ist. Es ist nicht seine Aufgabe, den Haushalt zu übernehmen oder die Geschwister zu erziehen. Das Kind hat ein Recht auf Menschen, die sich um es kümmern. Es darf Spass haben und Freunde besuchen. Hilfreich ist oft auch ein Netzwerk ausserhalb der Familie: Schulsozialarbeit, Klassenlehrer:in, Trainer:in oder eine befreundete Familie. Für Kinder kann es entlastend sein, wenn eine neutrale Person weiss, was los ist, und verlässlich reagiert, ohne zu dramatisieren oder zu bagatellisieren. Wenn der (Ex-) Partner alkoholkrank ist Wenn ein Elternteil ausfällt, ist für das Kind eine stabile Beziehung zu dem anderen Elternteil umso wichtiger. Die grosse Verantwortung kann eine Mutter oder einen Vater schnell überfordern. Allein die Frage, ob das Kind bei dem alkoholsüchtigen Elternteil gefährdet ist, ist oft nicht leicht zu entscheiden. Deshalb brauchen auch die (Ex-)-Partner von Alkoholkranken Hilfe. Beratungsstellen sind nicht nur für die direkt Betroffenen, sondern auch für Nahestehende da. Darüber hinaus gibt es Selbsthilfegruppen für Angehörige. «Das heisst: Auch wenn dein Partner/deine Partnerin nicht zu einer Veränderung bereit ist, kannst du etwas für dich tun und so verhindern, dass du in eine Erschöpfung gerätst», darauf weist Sucht Schweiz hin. «Wenn jemand etwas ändert, ist es oft so, dass das die ganze Familie in Bewegung bringt.» Getrennte Haushalte: Praktische Abmachungen, die Kinder schützen Übergaben planbar machen: feste Zeiten, ruhiger Ort, keine Diskussionen vor dem Kind. Klare Regeln für Konsum und Betreuung: Wenn der andere Elternteil betrunken ist oder stark konsumiert, braucht es eine Alternative (Abholung durch Vertrauensperson, Besuch verschieben). Kind aus der Mitte nehmen: Absprachen werden unter Erwachsenen getroffen. Das Kind soll keine Nachrichten überbringen oder «entscheiden müssen», wo es hingeht, wenn es kritisch wird. Dokumentiere für dich: Wenn du wiederholt gefährdende Situationen erlebst, kann es helfen, Daten und Ereignisse nüchtern zu notieren. Das dient nicht «gegen» jemanden, sondern dem Schutz und der Klärung. Wenn du unsicher bist, was angemessen ist, kann eine Angehörigenberatung helfen, Risiken einzuschätzen und sinnvolle nächste Schritte zu planen, ohne dass du alles allein tragen musst. Wenn der betroffene Elternteil keine Hilfe will Viele Angehörige erleben Ohnmacht: Du siehst das Problem, aber der betroffene Elternteil will es nicht wahrhaben oder bricht Hilfeversuche ab. Dann ist es umso wichtiger, den Fokus zu verschieben: weg von «Wie bringe ich die Person zum Aufhören?» hin zu «Wie schütze und stabilisiere ich die Kinder jetzt?». Setze klare, umsetzbare Grenzen: Zum Beispiel: «Keine Betreuung der Kinder, wenn du getrunken hast.» Oder: «Wenn du angetrunken zur Übergabe kommst, findet sie heute nicht statt.» Hole dir Beratung als Angehörige:r: Angehörigenberatung hilft, Muster zu erkennen, Grenzen zu kommunizieren und einen Sicherheitsplan realistisch zu gestalten. Schütze dein Kind vor Loyalitätskonflikten: Keine Verhöre («Hat Mama getrunken?») und kein «Spionieren lassen». Besser: sachlich beobachten und über Erwachsene klären. Nimm Warnsignale ernst: Gewalt, Drohungen, Fahren unter Alkoholeinfluss, Verwahrlosung, eingeschlossene Kinder oder häufige Ausfälle sind Gründe, rasch professionelle Hilfe und bei Gefahr auch Polizei/KESB einzubeziehen. Du darfst dir dabei Unterstützung holen – auch wenn du Sorge hast, «zu eskalieren». Kindesschutz bedeutet nicht automatisch Trennung, aber immer: Risiken ernst nehmen und Verantwortung auf mehrere Schultern verteilen. Hilfe in der Schweiz – wer kann was? Du musst das nicht allein bewältigen. In der Schweiz gibt es verschiedene, gut etablierte Angebote – für Betroffene, für Angehörige und oft auch speziell für Kinder aus suchtbelasteten Familien. Je früher du Kontakt aufnimmst, desto mehr Optionen hast du. Schweizer Anlaufstellen (Auswahl) – bei Alkoholproblemen in der Familie Suchtberatung in deinem Kanton/Bezirk: Abklärung, Beratung, Therapieplanung, Unterstützung für Angehörige (auch ohne Einwilligung der betroffenen Person möglich, je nach Setting). Blaues Kreuz: Beratung und Unterstützung bei Alkoholproblemen, vielerorts auch Angebote für Angehörige. Ärzt:in (Hausärzt:in) / Kinderärzt:in: medizinische Einschätzung, Überweisung, Unterstützung beim Vorgehen im Alltag (z.B. auch, wenn du dir Sorgen um die Entwicklung oder psychische Belastung deines Kindes machst). Schulsozialarbeit / schulpsychologischer Dienst: niedrigschwellige Unterstützung für Kinder und Eltern, Vernetzung, bei Bedarf weitere Zuweisungen. Bei akuter Gefahr: Polizei 117, Sanität 144, Feuerwehr 118. Bei anhaltender Kindeswohlgefährdung: KESB (Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde) für Abklärung und Schutzmassnahmen. Für viele Familien ist eine Kombination am wirksamsten: medizinische Abklärung, psychologische/psychotherapeutische Unterstützung, Suchtberatung, Angehörigenberatung Alkohol und ein tragfähiges soziales Netz für die Kinder.