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«Alkoholabhängigkeit ist nach wie vor ein Tabuthema» – und was Kindern hilft

Rund 100 000 Kinder in der Schweiz wachsen mit einem suchtkranken Elternteil auf.[1] Sie spüren die Anspannung zu Hause, schweigen darüber und geben sich oft selbst die Schuld. Kinder- und Jugendpsychologin Renate Gasser leitete bei der Zürcher Fachstelle für Alkoholprobleme eine Gruppe für betroffene Kinder. Im Interview von 2011 erklärt sie, woran Kinder etwas merken und was ihnen hilft. Wo du und dein Kind heute Unterstützung findet, steht am Schluss.

Wenn es jetzt dringend ist

  • 147 – die Nummer für Kinder und Jugendliche. Rund um die Uhr erreichbar, kostenlos und vertraulich; der Anruf erscheint nicht auf der Telefonrechnung.[4] Wer lieber schreibt, erreicht das Beratungsteam auch per WhatsApp und per E-Mail.[4]
  • 143 – die Dargebotene Hand, vor allem für Erwachsene.[5] Das Gespräch selbst ist kostenlos, je nach Telefonanbieter fallen aber Verbindungsgebühren an.[5]
  • Suchtfachstelle Zürich, Telefon 043 444 77 00 – Beratung für Betroffene, für Angehörige und für Eltern.[3]

Schriftliche Anlaufstellen im Netz stehen weiter unten. Wenn es eilt, ist das Telefon der schnellere Weg.

Wenn Eltern eine Alkoholsucht haben, leiden die Kinder.
Leiden Eltern an einer Alkoholsucht, kann das bei Kindern schwerwiegende Folgen haben. Foto: iStock, gashgeron, Thinkstock

Woran Kinder merken, dass etwas nicht stimmt

Wie merken Kinder, dass Eltern ein Alkoholproblem haben?

Renate Gasser: Sie merken schnell, dass etwas nicht stimmt. Sie spüren die Anspannung zu Hause, sie merken, dass sie keine Freunde nach Hause bringen dürfen oder dass es generell weniger Besuch zu Hause gibt. Viele können das Problem aber nicht benennen. Sie müssen dafür schon die Sprache haben und sind darauf angewiesen, dass es von jemandem in ihrem Umfeld benannt wird.

Wie fühlen sich die Kinder?

Oft fühlen sie sich unsicher oder werden von Ängsten geplagt. Der Erziehungsstil ihrer Eltern ist nicht konsequent. Ein betrunkener Vater kann sich beispielsweise am Abend wegen einer Kleinigkeit wie herumstehenden Schuhen wahnsinnig aufregen. Am nächsten Tag interessieren ihn dieselben Schuhe nicht mehr und er realisiert, dass er völlig übertrieben hat und zu streng war. Um sein schlechtes Gewissen zu beruhigen, bringt er seinem Kind ein Geschenk nach Hause. Er verwöhnt es. Das verursacht innerhalb des Kindes ein emotionales Durcheinander. Es weiss nicht mehr, was gilt und welche Konsequenzen sein Verhalten hat.

Wenn die Erziehung unberechenbar wird

Können Eltern ihren Erziehungsaufgaben überhaupt noch gerecht werden, wenn sie so inkonsequent sind?

Das kommt auf den Fall an. Es ist nicht per se so, dass Eltern, die eine Suchterkrankung haben, das nicht können. Man muss jeweils genau anschauen, ob die Eltern ihre Erziehungsaufgaben wahrnehmen, insbesondere ob die kindlichen Bedürfnisse abgedeckt sind.

Ist es nicht die bessere Lösung, die Kinder in ein Kinderheim oder zu Pflegefamilien zu geben, um sie zu schützen?

Generell kann man das so nicht sagen. Ist nur ein Elternteil erkrankt, kann der andere viel kompensieren. Wenn beide Elternteile von einer Suchtbelastung betroffen sind, wird es schwieriger. Sie sind dann sehr stark auf Unterstützung angewiesen. Heute geht die Tendenz dazu, die Familien zu begleiten. Wenn aber das Kindeswohl gefährdet ist, müssen Konsequenzen gezogen werden.

Wer entscheidet das?

Über eine Gefährdungsmeldung wird die Vormundschaftsbehörde eingeschaltet, welche von Fall zu Fall entscheidet. Lehrer, ein getrennt lebender Elternteil und andere Privatpersonen können eine solche Gefährdungsmeldung einreichen. Ist das Kindeswohl gefährdet? Braucht es Kinderschutzmassnahmen, die eine gute Entwicklung sicherstellen? Kommen andere Risikofaktoren hinzu wie beispielsweise Gewalt, schreitet man natürlich schneller ein.

Hinweis der Redaktion: Die Vormundschaftsbehörde, von der Renate Gasser 2011 spricht, gibt es nicht mehr. Seit der Revision des Vormundschaftsrechts ist die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB) zuständig. Sie stützt sich auf Artikel 440 des Zivilgesetzbuchs und ist eine interdisziplinär zusammengesetzte Fachbehörde mit mindestens drei Mitgliedern.[6] Am Verfahren selbst ändert das wenig: Eine Gefährdungsmeldung kann weiterhin jede Person einreichen.

Welche Folgen die Sucht für Kinder hat

Welche Folgen kann die Alkoholabhängigkeit der Eltern auf die Kinder haben?

Das kommt auf den Entwicklungsstand des Kindes an, wie lange das Suchtproblem besteht und welche Mengen der betroffene Elternteil konsumiert. Folgen können sein, dass es für die Kinder sehr schwierig wird, eine tragfähige Beziehung aufzubauen. Das Urvertrauen wird beeinträchtigt. Die Verlässlichkeit fehlt. Hinzu kommt, dass es in der Familie vielleicht mehr Streit gibt oder finanzielle Probleme auftreten können, weil beispielsweise der suchtkranke Elternteil keine Arbeit mehr hat. Wir schätzen, dass rund ein Drittel der Kinder aus suchtbelasteten Familien das Erwachsenenalter recht unbeschadet erreicht, ein Drittel hat häufig einen schwierigen Umgang mit Suchtmitteln und ein Drittel ist anfällig für psychische Erkrankungen. Wird während der Schwangerschaft getrunken, nimmt eine werdende Mutter zusätzliche Schädigungen des Kindes in Kauf.

Warum fühlen sich Kinder häufig schuldig an der Sucht?

Wenn sie klein sind, können sie das Verhalten der Eltern nicht richtig einordnen und stellen einen Bezug zu sich selber her. Kinder beziehen in diesem Alter sowieso viel auf sich selbst. Ich will das so erklären: Erziehungsaufgaben sind eine grosse Herausforderung. Viele Eltern kommen an Grenzen. Alkohol ist etwas, das kurzfristig entspannt – auch nach Auseinandersetzungen zwischen Eltern und Kindern. Da können Kinder schon einmal den Schluss daraus ziehen: Ich bin nicht artig gewesen, meine Mutter hat sich wegen mir aufgeregt, deshalb trinkt sie jetzt.

Nicht jedes Kind aus einer belasteten Familie trägt später Schaden davon. Was Kinder widerstandsfähig macht, welche Rolle verlässliche Bezugspersonen dabei spielen und wie sich das fördern lässt, liest du im Artikel über Resilienz bei Kindern.

Was Kinder tun können – und was nicht ihre Aufgabe ist

Können Kinder ihren Eltern helfen, von der Sucht wegzukommen?

Nein, aber sie können indirekt helfen. Wenn Eltern merken, dass ihr Problem für ihr Kind furchtbar ist, lassen sie sich dem Kind zu Liebe vielleicht helfen. Je nach Situation kann es schon eine Wirkung zeigen, wenn das Kind zu den Eltern sagt: «Der Papi riecht nach Alkohol.» «Ich mag nicht, dass du mich so aus der Schule abholen kommst.» «Nein, ich möchte nicht mit dir ins Restaurant.»

Im Prinzip muss aber derjenige, der das Suchtproblem hat, selbst sagen: «Ich will mir helfen lassen.»

Ja, die Mitmenschen sind nur der Motor. Solange keine Eigenmotivation da ist, wird es schwierig. Ich als Therapeutin kann den Menschen nicht verändern. Aber ich kann seinen Willen etwas verändern zu wollen stärken. Das funktioniert auch bei Kindern. Sie können beispielsweise in unserer Einzeltherapie oder in der Gruppentherapie lernen, was sie tun können, damit es ihnen besser geht. Wie kann ich mich schützen? Wie kann ich nein sagen?

Es ist sicherlich frustrierend für Kinder, dass sie nur etwas für sich tun können und nicht für den alkoholkranken Elternteil.

Frustrierend ja, andererseits lernen sie in unserer Gruppe aber viel für das eigene Leben.

Die Alkoholsucht der Eltern hat auch Einfluss auf die Kinder.
Alkoholsucht ist immer noch ein Tabuthema.

Wie Kinder überhaupt Hilfe finden

Sicher ist es aber ungewöhnlich, dass Kinder selbst Hilfe suchen.

Kinder kommen nicht von selber zu uns. Bei Jugendlichen sieht es etwas anders aus. In den meisten Fällen merken der Schulsozialarbeiter oder Lehrer, dass es einem Kind nicht gut geht und es seine üblichen Leistungen nicht mehr bringt. Über das Elterngespräch wird versucht, herauszubekommen, was in der Familie los sein könnte. Bis es zu einer Anmeldung bei uns kommt, ist es häufig ein sehr langer Weg. Wir kennen aber auch einige Jugendliche, die sich enorm gegen die Situation zu Hause wehren und sich zum Beispiel einem Lehrer anvertrauen. Das ist aber selten. Schon eher kommen Mütter auf uns zu, die sich bereits vom alkoholabhängigen Partner getrennt haben, die realisieren, dass ihr Kind Hilfe bräuchte.

Wie können Kinder besser erreicht werden?

Alkoholabhängigkeit ist nach wie vor ein Tabuthema, obwohl 5 Prozent der Schweizer Bevölkerung davon betroffen sind und 10 bis 15 Prozent einen problematischen Umgang mit Alkohol pflegen. Auch, dass Kinder unter einem alkoholkranken Elternteil leiden, geht oft vergessen. Indem wir einerseits das Angebot für Kinder zur Verfügung stellen und andererseits immer wieder versuchen das mediale Interesse auf dieses Thema zu lenken und wir uns mit den relevanten Institutionen vernetzen, können wir hoffentlich die Hemmschwelle, Hilfe zu beanspruchen, senken.

Hinweis der Redaktion: Die Prozentzahlen stammen aus dem Gespräch von 2011. Heute schätzt Sucht Schweiz die Zahl der alkoholabhängigen Personen in der Schweiz auf 250 000.[2] Etwa eine von 25 Personen trinkt in einem Mass, das als riskant gilt.[2] Die Grössenordnung des Problems hat sich damit nicht verändert, die Schätzungen sind aber genauer geworden.

Was in der Kindergruppe passiert

Deshalb gibt es bei Ihnen, der Zürcher Fachstelle für Alkoholprobleme, eine Gruppe für Kinder aus suchtbelasteten Familien. Was wird in der Gruppe für Kinder gemacht?

Der Vorteil der Gruppe ist, dass ein Austausch untereinander stattfinden kann. Die Kinder erfahren, dass sie nicht allein mit dem Problem sind. Wir schliessen in der Gruppe Informationslücken: Was ist Alkoholsucht? Wie wirkt sie? Die Kinder bringen ihre Erfahrungen ein. Sie setzen sich ausserdem mit einem Thema auseinander, das wir oder sie vorgeben. Anhand von Geschichten setzen sie sich mit Themen wie Scham, Schuld, Angst oder Nein sagen auseinander. So erhalten sie Ideen für ihren Alltag. Es gibt ausserdem Theaterspiele, Rollenspiele oder wir malen. In der Gruppe wird viel gelacht und es gibt Zvieri. Es geht auch darum, es schön miteinander zu haben.

Welchen Erfolg haben Sie mit diesem Angebot?

Ich begleite die Kinder über eine gewisse Zeit und beobachte natürlich deren Entwicklungsschritte. Das ist ein Teil meines Jobs. In Gesprächen mit der Mutter oder dem Vater erhalte ich zusätzliche Rückmeldungen bezüglich der Situation zu Hause und wie sich das Kind darin verhält. Aber auch die Kinder selber teilen sich mit. Auf den Feedbackfragebogen lesen wir zum Beispiel auf die Frage: Was ist das wichtigste, was ich gelernt habe? «Ich kann nichts dafür, dass meine Eltern Alkoholprobleme haben.» «Ich bin nicht schuld, dass mein Papi trinkt.» «Ich habe Sicherheit, dass ich nicht allein bin.» «Ich habe weniger Stress.» Es kann auch sein, dass parallel zum Kurs, den die Kinder machen, der Vater oder die Mutter aufhören zu trinken, was dem positiven Prozess des Kindes natürlich am förderlichsten ist.

Das ist aber sicher selten.

Nein. Wir gehen davon aus, dass Sucht eine Erkrankung ist, die man zum Stillstand bringen kann. Kinder sind ein Lebensinhalt: Mit ihnen will man es sich in der Regel nicht verspielen. Wir erheben zum Beispiel Zahlen zum Alkoholkonsum unserer erwachsenen Klientinnen und Klienten bei Eintritt. Von denjenigen, egal ob Eltern oder kinderlos, die nach vier oder mehr Konsultationen die ZFA wieder verlassen, haben 43 Prozent eine Alkoholabstinenz erreicht und weitere 32 Prozent reduzierten ihre Konsummenge während dieser Zeit um durchschnittlich 70 Prozent.

Renate Gasser war 2011 Kinderpsychologin bei der Zürcher Fachstelle für Alkoholprobleme.

Renate Gasser

Renate Gasser war zum Zeitpunkt des Interviews im Oktober 2011 Psychotherapeutin sowie Kinder- und Jugendpsychologin bei der Zürcher Fachstelle für Alkoholprobleme (ZFA). Sie leitete die Gruppe für Kinder aus alkoholbelasteten Familien und führte auch Einzeltherapien durch. In Bern hatte sie Kinder- und Jugendpsychologie studiert. Danach war sie als Sozialpädagogin, Erziehungsberaterin und Psychologin in verschiedenen Institutionen tätig. Seit September 2010 arbeitete sie bei der ZFA.



Foto: ZFA

 

Aus der ZFA ist die Suchtfachstelle Zürich geworden

Die Zürcher Fachstelle für Alkoholprobleme heisst heute Suchtfachstelle Zürich. Der Verein besteht seit 1912, die Adresse lautet Josefstrasse 91 in 8005 Zürich, die Telefonnummer 043 444 77 00.[3] Das Angebot deckt heute nicht mehr nur Alkohol ab, sondern auch Cannabis, Kokain, Medikamente, digitale Medien und Geldspiel. Die Gruppe für Kinder gibt es weiterhin, sie trägt inzwischen einen Namen.

Gruppe «Wigwam» für Kinder

Sie richtet sich an Kinder von 8 bis 13 Jahren und findet jeden zweiten Mittwoch von 14 bis 16 Uhr statt, ausserhalb der Schulferien.[3] Voraussetzung ist ein Vorgespräch mit dem Kind und einem Elternteil, der Einstieg ist jederzeit nach Absprache möglich.[3] Für Familien aus der Stadt Zürich und aus sechs weiteren Gemeinden ist die Gruppe kostenlos. Auswärtige zahlen 50 Franken pro Familie für zehn Nachmittage, Zvieri und Abschlussgespräch inbegriffen.[3]

Weitere Angebote

Daneben gibt es Gruppen und Einzelberatung für Jugendliche, ein telefonisches Elterncoaching und eine anonyme Online-Beratung. Der frühere «AlcoCheck» unter alcocheck.ch existiert nicht mehr als eigenes Angebot; die Adresse leitet heute auf die Startseite der Suchtfachstelle weiter. Was aktuell läuft und was es kostet, erfährst du am schnellsten am Telefon.

Wohnst du nicht im Raum Zürich, findest du über die kantonalen Suchtberatungsstellen ein ähnliches Angebot. Was du als Elternteil, Grosseltern oder Patin konkret tun kannst, steht im Artikel Alkoholsucht bei Eltern: Was du für die Kinder tun kannst.

Online-Angebote für Kinder aus alkoholbelasteten Familien

  • mamatrinkt.ch und papatrinkt.ch führen zur selben Website von Sucht Schweiz. Sie gehört zum nationalen Programm «Papa trinkt. Mama trinkt.» und hat zwei Bereiche, einen für 8- bis 12-Jährige und einen für 13- bis 20-Jährige.[1]
  • kopfhoch.ch ist eine Online-Beratung von IOGT Schweiz für Kinder und Jugendliche zu allen Sorgen, nicht nur zu Alkohol. Die Antwort kommt in der Regel innert 48 Stunden, Frage und Antwort werden anonymisiert veröffentlicht. Für etwas Dringendes ist deshalb die 147 der bessere Weg.[4]

Wenn im Elternhaus nicht die Sucht, sondern eine psychische Erkrankung belastet, gelten ähnliche Muster. Wie sich diese Kinder auffangen lassen, zeigt der Artikel über Kinder psychisch kranker Eltern.

Quellen

  1. Sucht Schweiz: Prävention – Kinder. Abgerufen am 21.08.2026.
  2. Sucht Schweiz: Zahlen und Fakten – Alkohol. Abgerufen am 21.08.2026.
  3. Suchtfachstelle Zürich: Gruppe «Wigwam» für Kinder. Abgerufen am 21.08.2026.
  4. 147.ch (Pro Juventute): Wir sind für dich da. Abgerufen am 21.08.2026.
  5. Die Dargebotene Hand 143: Häufige Fragen. Abgerufen am 21.08.2026.
  6. KOKES – Konferenz für Kindes- und Erwachsenenschutz: Organisation allgemein. Abgerufen am 21.08.2026.

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