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«Und was, wenn ein neue Liebe beginnt?»

Um mit seinen Kindern und seiner neuen Partnerin zusammen zu sein, zog der Schweizer Filmemacher Kaleo La Belle samt Ex-Frau von Luzern in ein gemeinsames Haus in Portland. Konflikte sind ausgemacht. Mit Familienleben sprach der Filmemacher über seine Erfahrungen, die er im Dokumentarfilm «Fell In Love With A Girl» verarbeitet hat.

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Jeder für sich und alle zusammen. Screenshot aus dem offiziellen Filmtrailer «Fell In Love With A Girl». © La Belle Films

Kaleo La Belle, Sie sind in der 68er-Generation mit einem abwesenden Vater aufgewachsen. Deshalb sympathisiert man mit Ihrer Figur sehr, wenn Sie sagen, Sie wollen immer bei Ihren Kindern sein.

Was wir heute in der westlichen Kultur als «Patchwork-Familie» kennen, hat seinen Ursprung in dieser Zeit. Der Zeitgeist der 68er war Freiheit und Normbruch. Die herrschende Moral über Treue und das Zwei-Eltern-Modell wurde in Frage gestellt. Im Fall meines Vaters war die persönliche Freiheit wichtiger als die Verantwortung für seine Kinder. Aber – und ich sage das ohne moralische Anklage – seine Entscheidungen hatten Konsequenzen. Eine davon war, dass sein Kind aufwuchs, ohne ihn zu kennen. Eine andere war, dass auch er ohne seine Familie leben musste.

...ein Junge wächst ohne seinen Vater auf und tut alles, was er kann, um nicht die Fehler seiner Eltern zu wiederholen.

Das Dilemma beginnt, wenn die Beziehung zur Mutter Ihrer ersten drei Kinder endet und Sie sich in eine neue Frau verlieben. Ist möglich alles zu haben: eine glückliche Familie, eine erfüllende Karriere und eine leidenschaftliche Liebe?

Das wird tatsächlich in jeder Hinsicht zu einer griechischen Tragödie – ein Junge wächst ohne seinen Vater auf und tut alles, was er kann, um nicht die Fehler seiner Eltern zu wiederholen. Seine Niederlage ist vorbestimmt. Ich hoffe aber mit dem Film eine tiefere Fragen zu provozieren, als die Frage, ob das Experiment gelungen ist oder nicht. Wie weit geht man für seine Familie? Was muss man für sich selbst tun? Welche Verantwortung hat man für seinen Partner und seine Kinder? Und was ist, wenn eine neue Liebe beginnt?

Kann man beides haben eine glückliche Familie und eine leidenschaftliche Liebe? In «Fell In Love  With A Girl» wagt der Regisseur Kaleo La Belle den Versuch.

Kaleo La Belle mit seiner neuen Partnerin Emma am Anfang der Reise. Bild: La Belle Films

Über Kaleo La Belle

Der Regisseur, Drehbuchautor und Filmproduzent Kaleo La Belle ist 1973 in einer Hippie-Kommune in Maui, Hawai geboren. Mit 23 Jahren zog er in die Schweiz, wo er an der Luzerner Hochschule Design, Kunst und Video studierte. 2011 erschien sein preisgekröntes autobiografisches Debut «Beyond This Place». «Fell In Love With A Girl» ist sein dritter Film.

In der Dokumentation folgen wir Ihrer Patchwork-Familie beim hoffnungsvollen Aufbruch in die Ferne. Dann beobachten wir Sie, wie Sie über das Haushaltsgeld, über im Ofen verbranntes Essen oder die Einrichtung streiten. Gibt es einen Ausweg aus diesen Strukturen und Konventionen?

Das ist der utopische Traum sozusagen. Ich wuchs mit einem starken Gemeinschaftssinn in einer Hippie-Kommune in Maui, Hawai auf. Der Wunsch miteinander auszukommen und eine Gemeinschaft aufzubauen, gründete nicht auf Geldwirtschaft, sondern viel mehr auf Respekt, Solidarität und Freundschaft. Aber so romantisch wie es klingt, das war auch nicht ohne Konflikt. Freie Liebe und Drogen machen die Dinge kompliziert, genauso wie Geld und Geldmangel. Die Probleme waren immer noch dieselben wie überall. 

Das Experiment endet früher als geplant, weil sie es nicht mehr finanzieren konnten. Ihre Ex-Frau Karin verschuldet sich und geht zurück in die Schweiz. Glauben Sie, es hätte klappen können, wenn Geld kein Thema gewesen wäre?

Zu einem gewissen Grad, ja. Mit ausreichend finanzieller Stabilität hätten wir vielleicht die Lebenssituation gefunden, die den Erwachsenen die Privatsphäre ermöglicht hätte, die sie brauchen, und die gleichzeitig den Kindern das Gefühl des Zusammenseins gegeben hätte. 

Ein Bild aus vergangenen Tagen. Wo findet die Ex-Frau in der neuen Familienkonstellation ihren Platz.

Ein Bild aus vergangenen Tagen. Welchen Platz hat die Ex-Frau und Kindsmutter in der neuen Familienkonstellation? Bild: La Belle Films

Ihre Ex-Frau sagt im Film, dass es nicht funktioniert habe, weil sie keine Verbindung zueinander herstellen konnten. An einem gewissen Punkt im Film zieht Karin in den Keller, während Sie oben mit Ihrer neuen Partnerin leben. Ich wunderte mich, dass die beiden Frauen einverstanden waren, ihr Leben um sie herum zu gruppieren.

Als Karin und ich uns trennten, hatte ich Angst, dass ich die Kinder verlieren würde. Als später Emma zu mir nach Luzern zog, war ich erstaunt über ihr Commitment, die Familie zusammen zu halten. Sie mochten einander, es gab keine Eifersucht, wir waren alle ehrlich zueinander, die Rollen waren sehr klar. Aber Gefühle kommen hoch und Meinungen ändern sich, so wie es geschehen ist, als Karin in den Keller zog und Emma schwanger wurde. Dann wurde es zu einer Frage der individuellen Ziele und wie viel man bereit war auszuhalten oder zu opfern.

Ich habe oft freiwillig die Rolle des Gegenspielers angenommen und nicht die des «guten Vaters» oder des Helden. Familie und das Leben sind komplizierter als das.

Es gibt eine Schlüsselszene im Film, als Sie Ihren Sohn in einem unglücklichen Moment filmen und er das nicht möchte. Wie können Sie die Grenzen ziehen, wenn Sie zugleich Vater, Protagonist und Regisseur sind?

Diese Szene ist für mich aus zwei Gründen sehr wichtig. Erstens, ist sie wichtig für die Entwicklung der Vater-Sohn-Beziehung. Der Vater geht zu weit und der Sohn initiiert während der Zeit des Filmens seine eigene Unabhängigkeit. Zweitens, richtet sie die Aufmerksamkeit auf einen sehr wichtigen ethischen Diskurs beim Dokumentarfilmen. Was sollte und was sollte nicht gefilmt werden? Ist diese Szene unangenehm? Ja. Ist sie notwendig? Als Regisseur bin ich mir sicher, dass sie das ist. Es wäre nicht richtig, diesen Moment zu überspringen, nur weil es hart und schmerzlich war. Mir war immer klar, wenn jemand in diesem Film schlecht wegkommt, sollte ich es sein. Deshalb habe ich auch oft freiwillig die Rolle des Gegenspielers angenommen und nicht die des «guten» Vaters oder des «Helden». Familie und das Leben sind komplizierter als das.

Filmtipp: «Fell In Love With A Girl»

Als Kaleo La Belle beschliesst, mit seiner Patchwork-Familie von der Schweiz in die USA auszuwandern, macht er sein Versprechen wahr. Nämlich, immer bei seinen Kindern zu sein. Aber das stellt seine Ex-Frau Karin und seine neue Lebensgefährtin Emma vor grössere Herausforderungen als erwartet. Die beiden Frauen müssen plötzlich lernen unter einem Dach auskommen, während das Geld knapp und Emma schwanger wird. Eine poetische und warmherzig inszenierte Dokumentation, die den Protagonisten oft schmerzlich nahe kommt und wichtige Fragen stellt.

«Fell In Love With A Girl» läuft derzeit in den Schweizer Kinos.

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