Kinderanwalt verschafft dem Kind vor Gericht Gehör

Kinder reden vor Gericht selten mit. Ihre Wünsche und Bedürfnisse werden daher wenig zur Kenntnis genommen, obwohl sie - wie bei Scheidungen - selbst zentral betroffen sind. Anders ist die Situation, wenn ihnen ein Kinderanwalt zur Seite steht. Er verschafft ihren Stimmen Gehör.

Ein Kinderanwalt hilft vor Gericht

Vor Gericht werden Eltern oft anstelle ihrer Kinder angehört. Ein Kinderanwalt soll vermitteln. Foto: iStock, Thinkstock

Die Eltern wollen sich scheiden lassen. Nun gilt es, in zwei Hälften zu teilen, was vorher noch ein Ganzes war. Nun ja, das Kind kann nicht geteilt werden, aber hin und her zerren lässt es sich schon. Kein Wunder, dass es sich hilflos fühlt, wenn über seinen Kopf hinweg vor Gericht gestritten wird, obwohl ein Urteil zu erwarten ist, das es elementar betrifft. Der Kinderanwalt kann ihm aus dieser Hilflosigkeit hinaushelfen.

Der Kinderanwalt stellt sich an die Seite des Kindes. Er erklärt ihm nicht nur, was im Rahmen der gerichtlichen Auseinandersetzung passiert. Er hört ihm auch zu. Er nimmt die Meinung seines jungen Mandanten ernst und erläutert sie vor Gericht.

Noch wird nur jedes hundertste Kind bei behördlichen und gerichtlichen Verfahren von einem Kinderanwalt begleitet, meist handelt es sich um hochstrittige Fälle. «Ist es für Kinder nicht viel zu belastend, wenn sie nach ihrer Meinung gefragt werden?» so lauten immer wieder skeptische Stimmen. «Nein, belastend werden Kinder eher, wenn sie nicht gefragt werden und sich der Erwachsenenwelt daher ausgeliefert fühlen», kontern Erziehungsexperten. Kinder wollen wissen, was mit ihnen und ihren Eltern geschieht, sie wollen Befürchtungen äussern und das Gefühl haben, dass ihre Sorgen ernst genommen werden. Sie wollen beteiligt sein und mit den Erwachsenen zusammen nach Lösungen suchen.

Kinderanwalt: der rechtliche Hintergrund

Gerichte dürfen einen Kinderanwalt einsetzen, wenn sie der Meinung sind, dass im speziellen Fall die Meinung des Kindes wichtig ist, um zu einem guten Urteil zu kommen. Das ist vor allem dann der Fall, wenn es ums Sorgerecht geht. Nicht nur Väter und Mütter können sich im Rahmen einer Scheidung um das Sorgerecht streiten, auch im Rahmen eines Kindesschutzverfahren wird das Sorgerecht der Eltern in Frage gestellt und eine Heimunterbringung ins Auge gefasst.

«Besonders in Verfahren, in denen die Eltern, Familienmitglieder oder Betreuer mutmassliche Täter sind, sollten eine angemessene Vertretung sowie das Recht auf Vertretung unabhängig von den Eltern garantiert sein», hat der Europarat gefordert. Auch die UNO-Kinderrechtskonvention schreibt vor, dass «die Meinung von Kindern bei allen Massnahmen, die sie betreffen, vorrangig zu berücksichtigen ist».

So hilft der Kinderanwalt

Verstehen, was passiert
Ein Kinderanwalt trägt dazu bei, dass das Gerichtsverfahren in einer Form abläuft, die dem Entwicklungsstand der Kinder und Jugendlichen angemessen ist. Sein Ziel: Das Kind soll die einzelnen Schritte des Verfahrens verstehen können.

Eigenen Willen erkennen
Kinderanwälte unterstützen Kinder und Jugendliche dabei, ihren eigenen Willen zu erkennen und stellen die erforderlichen Anträge an die Gerichte und Behörden. «Ein wichtiger Bestandteil der Arbeit von Kinderanwälten ist zudem, dass sie mit den Kindern und Jugendlichen realistisch über mögliche Lösungen und Ausgänge ihrer jeweiligen Situation sprechen und ihnen dabei helfen, diese schwierigen Lebenssituationen emotional gestärkt und reifer zu meistern», so die Kinderanwaltschaft Schweiz.

Verfahren beschleunigen
Der Kinderanwalt treibt die Lösungsfindung voran, vor allem dann, wenn streitende Eltern längst die Sicht der Kinder aus den Augen verloren haben. «Wenn ich dann den Standpunkt des Kindes – seine Rechte und sein Wohlergehen – einbringe, merken viele plötzlich wieder, worum es eigentlich geht», so die Berner Juristin Regula Gerber Jenni in einem Interview mit dem «Beobachter». Das verändere die Dynamik und könne Verfahren sogar beschleunigen – nicht verzögern, wie manche Kritiker befürchten.

Das muss der Kinderanwalt können

Der Kinderanwalt braucht zwar kein Anwaltspatent, aber dennoch juristische Kenntnisse. Schliesslich muss er die Abläufe bei Gericht kennen und diese auch dem Kind erklären können. «Rechtsanwälte, die Kinder vertreten, sollten in Kinderrechten und damit verbundenen Themen geschult und bewandert sein, sich regelmässig umfassend fortbilden und in der Lage sein, mit Kindern auf deren Verständnisebene zu kommunizieren», fordert der Europarat.

Ein guter Kinderanwalt benötigt neben juristischen Kenntnissen auch die Fähigkeit, sich in Kinder hineinversetzen zu können. Darüber hinaus muss er engagiert sein. So ist es wichtig, dass er nicht nur mit den Kindern und Eltern redet, sondern auch mithilfe anderer Beteiligten eine Übersicht über die familiäre Situation gewinnt. Wer einen Kinderanwalt sucht, kann sich an die Kinderanwaltschaft Schweiz wenden: www.kinderanwaltschaft.ch

Wer bezahlt den Kinderanwalt?

Klar, dass ein Kind die Kosten für seinen Anwalt nicht übernehmen kann. Deshalb stellt der Kinderanwalt einen Antrag auf Kostenübernahme an die zuständige Behörde oder an das zuständige Gericht, die zum grössten Teil die Honorarzahlung übernehmen. Diese allerdings können die Kosten im Rahmen der Unterhaltspflicht von Sorgeberechtigten zurückfordern. «Dies ist vor allem bei Scheidungen der Fall. Am Ende des Scheidungsverfahrens werden die Kosten unter Umständen als Teil der offiziellen Scheidungskosten in Rechnung gestellt», erläutert die Kinderanwaltschaft Schweiz.

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