Disposition der Radikalität: Weshalb Kinder so anfällig für rassistisches Verhalten sind

Rassismus unter Kindern

Können Eltern ihre Kinder vor Rassismus bewahren? Foto: iStock, Thinkstock

Doch weshalb sind radikale Veranlagungen gerade bei Kindern so stark ausgeprägt? Ute Benz spricht von einer «Disposition der Radikalität» und erklärt diese als «spannungsgeladene innere Befindlichkeit, die das Kind in aggressive Kumpanei mit einem anderen Kind gegen ein drittes bringt, weil es nur so spezielle Konflikte, nämlich Konkurrenzkonflikte, zu lösen weiss.» Diese Konfliktsituationen treten auf, weil dem Kind die Spannung zwischen seiner Wunschwelt und der Realität durch den Kontakt mit anderen bewusst wird – es merkt, wie verletzlich und abhängig es ist. Auf der Suche nach Seinesgleichen will ein Kind Konflikte so schnell wie möglich aus dem Weg schaffen; koste es, was es wolle.

Ob Kinder die Schmerzensgrenzen von anderen respektieren oder überschreiten, hängt laut Ute Benz vor allem von den eigenen Erfahrungen mit Gefühlen zusammen. Wenn sich Jungen und Mädchen von ihrer Familie respektiert fühlen und nicht übergangen werden, gehen sie auch nachsichtiger mit Dritten um. Sind sie aber gewohnt, Gefühle zu verbergen und Verhöhnung hinzunehmen, verletzen sie schneller Mitmenschen. Wenn Kinder um jeden Preis stark sein wollen, ertragen sie Nachgiebigkeit und Kompromisse als Zeichen der Schwäche kaum. Wenn sie sich von anderen abgrenzen, vertrauen Kinder in erster auf das Urteil ihres Bekanntenkreises. Dennoch sind sie auch stark anfällig für Botschaften aus den Medien, beispielsweise politische.

Medien bestimmen unser Bild vom Fremden

Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, wie wenig dunkelhäutige Menschen im Fernsehen und in Filmen zu sehen sind? Das Phänomen, bei welchem diese Personen aus den wichtigen Rollen verdrängt werden, damit Fernsehen weissen Menschen mehr zusagt, nennt man  «Whitewashing». Das Psychologie-Magazin «aware» führt weiter aus, dass Personen auf Zeitschriften oft aufgehellt werden, um hellhäutiger zu erscheinen. Auch betont die Entwicklungsforscherin Brigitte Vittrup im Magazin, wie wichtig es für Kinder sei, sich im Fernsehen repräsentiert zu sehen. Sehen dunkelhäutige Kinder also nur weisse Kinder im Fernsehen, gibt ihnen dies das Gefühl, nicht normal zu sein und einer Minderheit anzugehören. Dadurch wird das Selbstwertgefühl der betroffenen Kinder massiv geschädigt. Auch das Gegenteil «Blackfacing» geriet kürzlich in die Diskussion, als Birgit Steinegger in einem Sketch am SRF US-Talkshow-Moderatorin Oprah Winfrey dümmlich und mit stark schwarz geschminktem Gesicht parodierte. Dass das Fernsehen kein reales Bild unserer Gesellschaft vermittelt, ist vielen Kindern noch nicht klar.

 

Rassismus bei Kindern vorbeugen: Was können Eltern tun?

Bei der Auswertung von 113 Studien weltweit kamen der Jenaer Forscher Andreas Beelmann und sein Team zum Ergebnis, dass Präventionsprogramme bereits im Vorschul- und Grundschulalter ansetzen sollten. In dieser Zeit nehmen Kinder ab fünf Jahren vermehrt Unterschiede zwischen sich selbst und ihren Kameraden wahr. Diese Unterschiede werden mit dem Einfluss von Freundeskreis und Familie eingeordnet und gewertet. Vor allem fremde Traditionen und Verhaltensweisen werden von Menschen oft als bedrohlich eingestuft, da diese vom eigenen Wesen abweichen.

Dass Jungen und Mädchen im Alter von drei bis vier Jahren das eigene Geschlecht oder die eigene Nationalität bevorzugen, ist laut Andreas Beelmann ganz normal. Vorsicht ist erst geboten, «wenn die positivere Bewertung der eigenen sozialen Gruppe, die im Laufe der Identitätsbildung ganz automatisch einsetzt, irgendwann in Vorurteile, Benachteiligung und Diskriminierung anderer umschlägt». Eltern und Lehrpersonen können Rassismus vorbeugen, indem sie Kinder schon früh mit Fremdem bekannt machen. Kinder, die ausländische Freunde haben, neigen demnach viel seltener zu rassistischen Verhaltensweisen: «Wenn ich einen Freund habe, gehört er zu meiner Identität», erklärt Andreas Beelmann gegenüber focus.de. Würde ein Kind eine Ethnie ablehnen, würde es automatisch auch einen Teil seiner eigenen Identität ablehnen. Beelmann empfiehlt, gemeinsame Kontakte über Lerngruppen, Sport oder auch Geschichten zu stiften. Einem Kind gefalle ein Buch, in welchem ein russisches Kind Abenteuer erlebt, genauso gut wie eine Geschichte, in der das Kind die eigene Identität teilt. Auch sollten sich Kinder mit ihrer Herkunft und der Herkunft von Freunden wie auch  Bekannten beschäftigen, um internalisierte Stereotype zu hinterfragen.

Erwachsene können und sollten kindliche Konflikte nicht unterbinden, diese aber beobachten und Fremdenfeindlichkeit in keinster Weise unterstützen. Schon früh sollten sie Kindern helfen, eine humane Werteorientierung aufzubauen, die Respekt gegenüber anderen Menschen vermittelt. Kinder, die sich mit all ihren Schwächen akzeptiert fühlen, werden auch Schwächen anderer akzeptieren.


Autor: Jasmine Helbling

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