Leben > Krisen & HilfeVäter mit Behinderung: Vatertag, Kinderwunsch und Assistenz im AlltagDer Schweizer Vätertag ist längst etabliert: Seit 2007 wird er am ersten Sonntag im Juni gefeiert. Doch wie steht es um Väter, die mit einer Behinderung leben? Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken Der Vatertag hat für jeden Vater eine andere Bedeutung. Foto: iStock, Thinkstock In Deutschland fällt der Vatertag auf Auffahrt, ein paar Wochen nach dem Muttertag. Die Schweiz geht einen eigenen Weg. Hier lancierte die Männerbewegung den Vätertag im Jahr 2007, und seit über zehn Jahren liegt er fest auf dem ersten Sonntag im Juni.[1] Wie der Tag entstanden ist, liest du im Beitrag über den Vatertag in der Schweiz. Der deutsche Vatertag und der Schweizer Vätertag werden allerdings ganz unterschiedlich aufgefasst und erlebt. Eine berlinerische Tradition: Männertage Während der Schweizer Vätertag primär als Väter-Kinder-Aktionstag verstanden wird, führte man an den sogenannten Herrentagen junge Burschen in «männliche» Sitten ein. Dieser ostdeutsche Brauch hat sich teilweise bis heute erhalten. Aber auch im Westen Deutschlands werden immer noch typischerweise Ausflüge gemacht. Männerrunden hoppen von einem Gasthaus zum nächsten oder grillen an einem See. Dabei wird meistens viel Alkohol konsumiert. Die Bilanz des deutschen Statistischen Bundesamts ist entsprechend: 2024 zählte die Polizei an Auffahrt 287 Strassenverkehrsunfälle mit Alkohol am Steuer, so viele wie an keinem anderen Tag des Jahres. Im Tagesdurchschnitt waren es rund 95. Bei 204 dieser Unfälle kamen Menschen zu Schaden, ein Mensch starb.[2] Man(n) kann auch anders Doch es gibt auch deutsche Männer, die den Vatertag anders verbringen. Nämlich mit der Familie, ob als Vater oder als gross gewordener Sohn mit dem eigenen Papa. Für diesen Beitrag erzählten 2010 drei Väter der Stiftung MyHandicap von ihrem Tag. Klaus zum Beispiel, Rollstuhlfahrer und Vater einer achtjährigen Tochter. Er fährt mit seinen Eltern in den Urlaub. Auch Edmund, gehörlos, wird den Vatertag ohne seine hörenden Kinder im Teenageralter verbringen und wahrscheinlich eine Radtour oder eine Wanderung machen. Wer selbst eine Reise plant, findet in unserer Übersicht zu inklusiven Ferien eine Checkliste und Schweizer Anlaufstellen. Unterschiedliche Ansichten Was der Vatertag für die Männer bedeutet, darin scheiden sich die Geister allerdings. Edmund misst diesem Termin eine hohe Bedeutung bei, auch wenn er darin einen gewissen kommerziellen Aspekt sieht, vor allem beim Muttertag. Er fühle sich jedenfalls dadurch als Vater anerkannt, da auch er sich um die Kinder kümmere. Klaus dagegen hält den Vatertag für «vollen Schmarrn». Für ihn sei sowieso jeder Tag ein Vatertag. Kritischer äussert sich Gunther*, der mit einer Amputation lebt und Vater eines neunjährigen Jungen ist. Er könne den Vatertag im Gegensatz zum Muttertag nicht nachvollziehen, «das endet ja nur in einem Besäufnis». Eine Behinderung muss kein Hindernis für eine Vaterschaft sein. Jedoch eint fast alle diese Väter, dass sie irgendwann einen Kinderwunsch verspürten und ihn verwirklichten, trotz Behinderung. Edmund empfand seine Hörbehinderung nicht als Hindernis, um Vater zu werden. Ihm und seiner ebenfalls gehörlosen Frau war es egal, ob sie gehörlose oder hörende Kinder bekommen. «Ein Handicap ist nur eine Frage, wie man das alles managt», bestätigt Gunther. Lediglich Klaus war skeptisch, er «dachte zuerst, das geht nicht». Seine Frau half ihm dann, die Bedenken zu überwinden. Ist das Schönrednerei? Nein Gerade bei Menschen, die sich neben ihrer Behinderung auch noch mit ihrem Nachwuchs «herumschlagen», zeigt sich oft eine gewisse Lebensfreude, ein gesundes Mass an Optimismus. Nicht selten werden aus Kindern behinderter Eltern offene, selbstbewusste Menschen. Auch wenn sich das gesellschaftliche Bewusstsein allmählich auf Menschen mit Behinderung zu bewegt, stossen diese immer noch an Barrieren. Doch mancher Vater weiss: Es lohnt sich, dagegen zu kämpfen. Insbesondere, wenn man selbst ein Kind mit Behinderung hat. Nie «um Unterstützung angesucht» Meint Gunther. Allerdings können nicht alle Väter mit Behinderung auf externe Unterstützung verzichten wie er. Manchmal sind es einfach die körperlichen Einschränkungen, die einen «normalen» Alltag erschweren, etwa beim Windelwechseln oder beim Gang zum Kinderarzt. Nicht selten kommen konkrete Erziehungsfragen oder auch die eigene psychische Bewältigung hinzu. Assistenz für Erziehung und Betreuung: was in der Schweiz möglich ist In der Schweiz heisst das Instrument dafür Assistenzbeitrag der Invalidenversicherung. Damit stellst du selbst eine Assistenzperson an, die dich zu Hause unterstützt. «Erziehung und Kinderbetreuung» ist dabei ausdrücklich einer der Bereiche, für die ein Hilfebedarf anerkannt wird, neben Haushaltführung, Freizeit und den alltäglichen Lebensverrichtungen.[3] Anspruch hast du, wenn du eine Hilflosenentschädigung der IV beziehst und zu Hause lebst. Der Assistenzbeitrag beträgt 35.30 Franken pro Stunde, bei besonderen Qualifikationen der Assistenzperson 52.95 Franken. Wichtig: Die Assistenzperson darf mit dir weder in direkter Linie verwandt noch verheiratet sein und auch nicht in einer faktischen Lebensgemeinschaft mit dir leben. Die eigene Partnerin lässt sich also nicht über den Assistenzbeitrag anstellen. Angemeldet wird bei der kantonalen IV-Stelle, und für die Beratung zur Organisation der Assistenz gibt es alle drei Jahre bis zu 1500 Franken.[3] Wer nicht weiss, wo anfangen: Pro Infirmis führt in allen Kantonen Beratungsstellen und erklärt im Rechtsratgeber Schritt für Schritt, wer Anspruch auf Assistenz hat.[4] Die Stiftung MyHandicap betreibt mit dem Portal EnableMe zudem eine Community, in der Betroffene ihre Fragen stellen.[5] Ein verdienter Tag für Papas Ob du den Vätertag feierst oder nicht: Wir wünschen dir und allen anderen Vätern, besonders jenen mit Behinderung, einen schönen Tag. * Name von der Redaktion geändert Text: Thomas Mitterhuber Quelle: Stiftung MyHandicap www.enableme.ch Weitere Artikel zu diesem Thema: Mutter mit Behinderung: was dir zusteht und was hilft Tetraplegie: Leben mit der Querschnittslähmung Quellen männer.ch: Schweizer Vätertag. Abgerufen am 23.08.2026. Statistisches Bundesamt (Destatis): Jahreshöchstwert: 287 Alkoholunfälle am Vatertag 2024. Zahl der Woche Nr. 22 vom 27.05.2025. Abgerufen am 23.08.2026. Informationsstelle AHV/IV: Merkblatt 4.14 – Assistenzbeitrag der IV. Stand am 1. Januar 2025. Abgerufen am 23.08.2026. Pro Infirmis: Rechtsratgeber: Assistenzbeitrag. Abgerufen am 23.08.2026. Stiftung MyHandicap: Über die Stiftung MyHandicap. Abgerufen am 23.08.2026.