Leben > PartnerschaftKein Orgasmus beim Sex: Weg vom Leistungsdruck hin zum Genuss – und wann eine Abklärung sinnvoll ist Sigrid Schulze Und wieder ist es nicht zum Orgasmus gekommen! Enttäuschung macht sich nach dem Geschlechtsverkehr im Bett breit. Viele Paare leiden darunter, dass einer der Partner häufig keinen Orgasmus beim Sex bekommt. Vor allem Frauen erleben nicht immer den Höhepunkt. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken Frust: Beim Sex kommen nicht immer beide zum Orgasmus. Foto: simonkr, iStock, Thinkstock Langsam und stetig steigert sich die Erregung, die sich bei beiden Partnern im Orgasmus entlädt. Medien übermitteln diese Traumvorstellung vom Partner-Sex, als wäre sie Standard. Doch das ist sie nicht. Längst nicht jeder Geschlechtsverkehr führt zum Orgasmus. Manchen Männern fehlt der Samenerguss, oder sie empfinden dabei wenig oder gar nichts. Häufiger als Männer sind Frauen betroffen. «72 Prozent von ihnen haben manchmal, oft oder immer, Probleme mit dem Höhepunkt. 15 Prozent sagen, sie hätten noch nie einen Orgasmus erlebt», informierte Sexualtherapeutin Gabriela Kirschbaum aus Brugg beim Erscheinen dieses Artikels 2015. Wie verbreitet Orgasmusschwierigkeiten sind, hängt allerdings stark davon ab, wie eine Erhebung fragt. Das Universitätsspital Zürich nennt deutlich tiefere Werte: Jede vierte Frau empfinde Hemmungen beim Orgasmus, fünf Prozent hätten noch nie einen erlebt [1]. Aus solchen Zahlen lässt sich also nicht ablesen, was «normal» ist – nur, dass du mit dem Thema nicht allein bist. Kein Orgasmus beim Sex: Frustration bei beiden Wenn der Höhepunkt ausbleibt, breitet sich die Frustration schnell zwischen den Partnern aus. Denn die Enttäuschung wurzelt nicht nur im Verzicht auf den Orgasmus, sondern auch in Schuldgefühlen. Während bei Männern das Gefühl vorherrscht, versagt zu haben, fühlen sich Frauen oft schuldig, wenn sie keinen Orgasmus beim Sex haben. «Denn sie glauben, dass es für das Ego des Mannes wichtig ist, die Partnerin zum Höhepunkt zu bringen», so St. Galler Sexualberaterin Christa Adam zum «Blick». Sie fürchten, der Partner könnte sich fragen: «Habe ich es nicht gut gemacht?». Ursachen für fehlenden Orgasmus Die Ursachen für den fehlenden Höhepunkt können vielfältig sein. Alltagsstress, vor allem bei Eltern, stört beim Entspannen, Schwierigkeiten in der Partnerschaft verhindern, beim Sex loszulassen. Dazu kommen Ängste und Unsicherheiten. Körperliche Gründe betreffen beide Geschlechter – bei Frauen werden sie allerdings leicht übersehen. Bei Männern kommen Nervenschäden, Hormonstörungen und Nebenwirkungen von Medikamenten infrage. Für Frauen nennt das Universitätsspital Zürich unter anderem hormonelle Veränderungen, Diabetes, Veränderungen des Nervensystems, Operationen im Bereich der Geschlechtsorgane und die Wechseljahre. Auch Medikamente wirken mit: Antidepressiva, Betablocker, Lipidsenker und hormonelle Verhütungsmittel können das sexuelle Erleben verändern [1]. Wenn du eine solche Veränderung an dir bemerkst, musst du sie nicht mit dir allein ausmachen – sie gehört in der Hausarztpraxis oder bei der Frauenärztin auf den Tisch. Warum der Geschlechtsverkehr allein oft nicht reicht Hartnäckig hält sich die Vorstellung, eine Frau müsse allein durch den Geschlechtsverkehr zum Orgasmus kommen. Der Schweizer Verein Lilli hat 1417 Frauen gefragt, wie oft ihnen das ohne zusätzliche Stimulation der Klitoris gelingt: Rund ein Viertel antwortete «fast immer» oder «oft», mehr als die Hälfte «selten» oder «nie». Wird die Klitoris beim Geschlechtsverkehr mitstimuliert, dreht sich das Bild – mehr als zwei Drittel erleben dann oft oder immer einen Orgasmus [2]. Es geht dabei nicht um einen Mangel, sondern darum, was zum eigenen Körper passt. Auch wie viel Zeit jemand bis zum Höhepunkt braucht, ist von Mensch zu Mensch verschieden. «Ob eine Frau beim Geschlechtsverkehr einen Orgasmus erleben kann, hängt neben ihrer eigenen Erfahrung auch stark von den Bemühungen des Partners ab», so der Berufsverband der Frauenärzte (BVF). Lilli setzt einen anderen Akzent: Der Orgasmus falle nicht vom Himmel, und es sei «auch nicht die Aufgabe deiner Partner*innen, ihn dir zu geben» [3]. Zusammen ergibt das ein entspannteres Bild: gemeinsam herausfinden, was guttut, ohne dass eine Seite die Verantwortung dafür trägt, dass es «klappt». Sex ohne Orgasmus: Reden ist Gold «Nur wenige Paare sprechen offen und frei über die eigenen sexuellen Wünsche und über die gemeinsame Erfüllung – selbst in sogenannten normalen Beziehungen nicht», berichtet die Paar- und Sextherapeutin Dr. Ines Schweizer aus Luzern, Mit-Autorin des Buches «Guter Sex». Was guten Sex ausmacht, ist ohnehin von Paar zu Paar verschieden. Selbst Frauen, denen nachgesagt wird, besser über sich reden zu können als Männer, tun sich in Sachen Sex beim Reden schwer. «Frauen reden zwar über intime Wünsche und sexuelle Probleme – aber meistens mit der Freundin und eben nicht mit dem Freund oder Ehemann», so Paartherapeut Klaus Heer gegenüber dem «Blick». Doch gleichgültig, welche Probleme sich hinter dem fehlenden Orgasmus verbergen: Wenn der Sex erfüllender werden soll, hilft es nur, miteinander ins Gespräch zu kommen. Dabei gilt es, Gefühle und Wünsche zu formulieren, ohne sich gegenseitig Vorwürfe zu machen. Frauen würden beim Besprechen ihrer Bedürfnisse nicht auf taube Ohren stossen, davon zeigte sich Klaus Heer im Gespräch mit dem «Blick» überzeugt. «Männer sind sensibler geworden, sie würden es ihren Frauen gerne recht machen, wenn sie wüssten wie.» Sex ohne Ziel Wer glaubt, im Bett besonders gut sein zu müssen, wird leicht von Sex-Unlust, Erektionsschwierigkeiten und ausbleibenden Orgasmen ergriffen. Denn Lust ist nicht vereinbar mit Leistung und Funktionieren. «Der Weg ist das Ziel», sagen Paartherapeuten deshalb gerade in Bezug auf Sex. Sinnvoll ist es daher zunächst, dem Orgasmus weniger Gewicht zu geben. Sex kann, auch ohne Höhepunkt, eine lustvolle gemeinsame Erfahrung mit dem Partner sein. Wer so dem Sex begegnet, kann vom Orgasmus wie von einem unverhofften Geschenk überrascht werden. Unter besonders wenig Erfolgsdruck steht Sex bei der Selbstbefriedigung. Dabei lassen sich wertvolle körperliche Erfahrungen sammeln, die den gemeinsamen Sex genussvoller machen. Wann sich eine Abklärung lohnt Ein Höhepunkt, der einmal ausbleibt, ist kein Fall für die Arztpraxis. Von einer sexuellen Funktionsstörung sprechen Fachleute erst, wenn die Probleme seit mindestens einem halben Jahr bestehen und mit Leidensdruck einhergehen [1]. Früher hinschauen solltest du trotzdem, wenn sich etwas plötzlich verändert, wenn Schmerzen dazukommen oder wenn die Veränderung zeitlich mit einem neuen Medikament zusammenfällt. Erste Anlaufstelle sind die Hausarztpraxis oder die Frauenärztin. Für körperliche Ursachen gibt es eigene Sprechstunden: An der Universitätsklinik für Frauenheilkunde in Bern etwa kannst du dich für die sexualmedizinische Sprechstunde direkt anmelden oder zuweisen lassen [4]. Sexuelle Gesundheit Schweiz führt ausserdem ein Verzeichnis von Beratungsstellen in fast allen Kantonen; viele davon beraten kostenlos und vertraulich [5]. Kein Orgasmus beim Sex: Paartherapeut hilft Wenn der fehlende Orgasmus das Paar belastet, kann ein Paar- und Sextherapeut weiterhelfen. «Sexualität ist nie unabhängig von anderen Aspekten unseres Wesens, unserer Lebensumstände oder Beziehungen», so Dr. Ines Schweizer. Wenn du also Unsicherheiten hast, lohnt es sich, mit jemandem zusammenzuarbeiten, der sowohl in der Sexualtherapie als auch in der allgemeinen Psychotherapie Erfahrung und Wissen hat. Wie eine Paartherapie abläuft und was sie kostet, liest du in unserem Ratgeber. • Wieso komme ich nicht immer zum Orgasmus? Der Verein Lilli bietet Information und Tipps rund um Sexualität und beantwortet online Fragen dazu. Quellen Universitätsspital Zürich: Sexuelle Funktionsstörungen der Frau (abgerufen am 9. August 2026) Verein Lilli: Orgasmus: klitoral oder vaginal? (abgerufen am 9. August 2026) Verein Lilli: Wieso komme ich (w) nicht (immer) zum Orgasmus? (abgerufen am 9. August 2026) Universitätsklinik für Frauenheilkunde, Inselspital Bern: Sexualmedizinische Sprechstunde (abgerufen am 9. August 2026) Sexuelle Gesundheit Schweiz: Beratungsstellen (abgerufen am 9. August 2026)