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Babypflege: Gemeinsame Bewegung mit Kinaesthetics Infant Handling – beim Wickeln, Hochnehmen und Tragen

An der täglichen Pflege können sich schon Babys aktiv beteiligen. Wie beim Füttern, Wickeln und Herumtragen ein Zusammenspiel zwischen Eltern und Kind entsteht, zeigt Kinaesthetics Infant Handling: eine Lehre von der Bewegungswahrnehmung, die aus der Pflege stammt.

Zwei nackte Babyfüsse liegen in der offenen Hand eines Erwachsenen
Halt geben und dem Baby trotzdem Raum für eigene Bewegung lassen: Darum geht es beim Handling. Bild: iStockphoto-Thinkstock

Hilflos liegt das Baby auf dem Wickeltisch, angewiesen auf Unterstützung und Pflege. Noch, so scheint es, kann es nichts zu seiner täglichen Pflege beitragen. Doch dieser Eindruck täuscht.

Schon im Mutterleib hat sich das Baby bewegt: gedreht, gestrampelt, seine Hände zum Mund geführt. Es hat an der Nabelschnur gezogen und sich mit den Füssen von der Bauchwand abgestossen. Nach der Geburt macht ihm die Schwerkraft zu schaffen. Passiv über sich ergehen lassen muss es die tägliche Pflege deswegen nicht. «Beim Wickeln, Baden und beim Herumtragen kann es viele Bewegungen mitmachen», sagte Rosmarie Suter, damals Fachliche Leiterin von Kinaesthetics Schweiz.

Babypflege gemeinsam gestalten

Wie Eltern und Pflegekräfte Fähigkeiten von Kindern jeden Alters fördern und sie möglichst aktiv in alle Handlungen einbeziehen können, das vermittelt «Kinaesthetics Infant Handling». «Kinaesthetics Infant Handling beruht auf der Grundannahme, dass sich Entwicklung durch die eigene Bewegung steuern lässt», erklärte Rosmarie Suter. «Die Art und Weise, wie ein Kind in seiner Bewegung unterstützt wird und welche Bewegungsspielräume ihm ermöglicht werden, beeinflusst wesentlich die Entwicklung seiner Bewegungs- und Verhaltensmuster.»

Entwickelt wurde das Programm für den Pflegeberuf. Kinaesthetics Schweiz beschreibt es als Angebot für die Geburtshilfe sowie die neonatologische und pädiatrische Pflege.[1] In Schweizer Spitälern und Hebammenpraxen ist daraus längst auch ein Angebot für Eltern geworden.

Was Kinaesthetics bedeutet:

Das Wort «Kinaesthetics» geht auf die altgriechischen Wörter «kinesis» (Bewegung) und «aisthesis» (Wahrnehmung) zurück. «Kinaesthetics» ist also die Lehre der Bewegungswahrnehmung. Seit vielen Jahrzehnten hat sich Kinaesthetics in der Pflege etabliert. Etwas jünger ist das breite Interesse von Hebammen, Kinderkrankenschwestern und auch Eltern an «Kinaesthetics Infant Handling». «Infant» steht für Kind, «Handling» für die gemeinsame Bewegung.

Bei der Babypflege auf das Baby eingehen

Hui – ab geht’s vom Wickeltisch hoch in die Luft, und schon liegt das Baby im Bettchen. Ein Baby kann einen solch rasanten Ortswechsel nicht nachvollziehen. Genauso wenig versteht es, was passiert, wenn ihm Kleidung kurzum übergestülpt wird. Wer sich mit Kinaesthetics Infant Handling auseinandersetzt, lernt Abstand zu nehmen von Bewegungen, an denen das Baby nicht teilhaben kann.

Stattdessen geht es darum, zu spüren, wohin die Bewegung des Babys gerade geht. Manche Babys stützen sich beim Hochnehmen von der Wickelauflage gern mit dem Arm ab. Diese Bewegung können die Eltern unterstützen, statt sie zu übergehen. Das Spital Limmattal beschreibt in seiner Anleitung dieselben Grundregeln: langsam bewegen, das Kind nicht wie einen Gegenstand drehen und wenden, ihm Zeit lassen, die eigene Körperspannung aufzubauen.[2] Wer das Baby viel auf dem Arm hat, achtet dabei am besten auch auf den eigenen Rücken.

Das kostet keine zusätzliche Zeit, denn es wird zum Bestandteil der alltäglichen Pflege des Babys: beim Hochnehmen, Hinlegen, Wickeln und Baden.

Was Kinaesthetics verspricht – und was belegt ist

Die Lehre geht davon aus, dass die eigene Bewegung dem Baby hilft, seine Vitalfunktionen zu regulieren. Kinaesthetics Schweiz formuliert das ausdrücklich als Annahme des Fachgebiets, nicht als erwiesene Wirkung.[1] In der Praxis wird daraus oft mehr: Unruhe, Schreien, Einschlafschwierigkeiten, Blähungen und Koliken sollen sich mit dem richtigen Handling vermeiden lassen. Das Spital Limmattal führt Dreimonatskoliken sogar auf eine zu hohe Körperspannung zurück.[2]

Belegt ist das nicht. Zu Kinaesthetics Infant Handling gibt es kaum Forschung: In der Fachliteratur stehen vor allem Erfahrungsberichte aus der Pflege. Messwerte liefert eine Pilotstudie von 1999 an Frühgeborenen. Sie fand einen günstigen Einfluss auf die Sauerstoffsättigung, mahnte wegen der kleinen Stichprobe aber selbst zur Vorsicht und hielt ausdrücklich fest, dass es für den Einsatz von Kinaesthetics Infant Handling keine direkte experimentelle Evidenz gebe.[3] Die grössere Untersuchung, die sie vorbereiten sollte, ist in der Literaturdatenbank PubMed nicht zu finden.

Auch die Ursachen des exzessiven Schreiens sind nicht geklärt. Das Kantonsspital Winterthur nennt erhöhte Sensibilität des Kindes, Reizüberflutung, familiäre Belastungen und emotionale Unruhe als mögliche Faktoren; Verdauungsprobleme können damit einhergehen.[4] Ein Handling-Kurs ist also keine Behandlung. Die Broschüre des Spitals Limmattal sagt das selbst: Kinaesthetics sei keine Therapie, sondern ein Bewegungs- und Analysesystem.[2]

Was auch ohne Studienlage einleuchtet: Ein Baby, das vorhersehbar und langsam bewegt wird, erschrickt weniger. Und Eltern, die auf die Bewegungen ihres Kindes achten, lesen dessen Signale besser. Genau darin liegt der Nutzen – nicht in einem Versprechen auf ruhigere Nächte.

Wann das Baby in die Praxis gehört

Bis zum Alter von drei Monaten gelten rund 10 bis 20 Prozent der Säuglinge als Schreibabys.[4] Wenn dein Baby über Wochen exzessiv schreit und untröstlich bleibt, gehört das abgeklärt – und zwar zuerst in die Kinderarztpraxis. Von dort aus lässt sich bei Bedarf in eine Sprechstunde für Regulationsstörungen weiterweisen.[4] Ein frühes Gespräch senkt den Stress der Eltern.

Das gilt auch für hartnäckige Bauchkrämpfe. Was bei Dreimonatskoliken hilft und was zu tun ist, wenn das Baby ständig schreit, steht in eigenen Beiträgen.

Babypflege im Kurs lernen

Rosmarie Suter riet Interessierten, Kinaesthetics Infant Handling in einem Kurs zu erfahren. «Da Handling immer mit der eigenen Bewegungskompetenz zu tun hat, helfen Bücher nur begrenzt weiter», so die Fachfrau. «Was ich über die Anatomie eines Schultergelenkes weiss, ist etwas ganz anderes, als das Gelenk zu bewegen und die Spannung der Muskulatur zu spüren.»

Solche Kurse gibt es in der Schweiz an Spitälern und in Hebammenpraxen, teils kostenlos. Das Spital Bülach etwa führt einen zweistündigen Kinästhetik-Workshop für werdende Eltern, Grosseltern und Betreuungspersonen durch, geübt wird an Puppen; die Teilnahme ist gratis.[5] Ausgebildete Trainerinnen bieten daneben eigene Kurse an. Wer in seiner Region nichts findet, kann sich an Kinaesthetics Schweiz wenden.

Redaktioneller Hinweis

Die Zitate von Rosmarie Suter stammen aus einem Gespräch für die ursprüngliche Fassung dieses Artikels von 2012. Sie gehört heute nicht mehr zum Team von Kinaesthetics Schweiz; die Geschäftsstelle ist inzwischen in Winterthur, nicht mehr in Siebnen.[1]

Weiterführende Informationen zu Kinaesthetics Infant Handling

  • Lenny Maietta, Frank Hatch: Kinaesthetics Infant Handling. 3., überarbeitete Auflage, Hogrefe, 2025.
  • Kinaesthetics Schweiz: kinaesthetics.ch

Quellen

  1. Kinaesthetics Schweiz: Kinaesthetics Infant Handling. Abgerufen am 21.08.2026.
  2. Spital Limmattal: Kinaesthetics – Bewegungsunterstützung für Neugeborene (PDF, November 2014). Abgerufen am 21.08.2026.
  3. Kean, S.: Effects on oxygen saturation levels of handling premature infants within the concepts of kinaesthetic infant handling: pilot study. Intensive and Critical Care Nursing 15(4), 1999, S. 214–225. Abgerufen am 21.08.2026.
  4. Kantonsspital Winterthur: Schreien im Säuglingsalter. Abgerufen am 21.08.2026.
  5. Spital Bülach: Kinästhetik-Workshop: Achtsames Baby Handling. Abgerufen am 21.08.2026.

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