Von Zuckerbomben und Fettpolstern: Kinderlebensmittel sind viel zu süss und fettig

Sie werben mit Slogans wie «Vitamine und Naschen», «Powerflakes aus viel gutem Mais» und «hochwertige Vollkorn-Haferflocken». Hinter diesen gesunden Versprechen vieler Kinderlebensmittel verstecken sich Zuckerbomben und Fettpolster. Die Produkte für Kinder sind häufig zu süss, zu fettig und enthalten unnötige Vitamine oder Zusatzstoffe.

Kinderlebensmittel wie Frühstücksflocken sind häufig zu süss.

Müesli ist nicht immer so gesund, wie es sich anhört. Besonders Flocken für Kinder sind häufig zu süss. Foto: Photodisc, Thinkstock

So gesund hören sich die Cookie Crisp Cerealien von Nestlé an: «Die leckeren Schoko-Knusper-Kekse mit 32 Prozent Vollkorngetreide sind die Leibspeise von Chip dem Wolf und schmecken auch vielen Kindern. Eine Portion (30 g mit 125 ml fettarmer Milch) deckt mindestens 26 Prozent der empfohlenen Tageszufuhr an 8 lebenswichtigen Vitaminen.» Und das ist noch nicht alles. Die Frühstücksflocken enthalten laut Werbung im Internet auch Eisen und Calcium. Doch was nützten ein Drittel Vollkorngetreide und acht Vitamine, wenn pro Portion etwa 3 Stück Würfelzucker drin sind?

Als die deutsche Verbraucherorganisation Foodwatch im Frühjahr ihren Report «Kinder kaufen» vorstellte, zeigte sich einmal mehr, was wirklich hinter Lebensmitteln für Kinder steckt. Fast drei Viertel der untersuchten Produkte fallen in die Spitze der Lebensmittelpyramide. Sie sind zu süss und zu fettig. Selbst Bio-Produkte stehen nicht wesentlich besser da. Über die Hälfte gehören in die oberste Stufe. «Es ist praktisch unmöglich, aus dem Angebot, das die Industrie als Kinderprodukte vermarktet, eine ausgewogene Ernährung zusammenzustellen», resümierte Foodwatch.

Die Organisation untersuchte über 1500 Kinderlebensmittel in Berliner Supermärkten und im Internet, die entweder durch ihren Namen, ihre Aufmachung oder Aktionen als solche identifiziert wurden. Selbst Frühstücksflocken, die eigentlich Bestandteil einer gesunden Ernährung sein sollten, fielen in die oberste Kategorie der Lebensmittelpyramide, wo Süsses, fette Snacks und Alkohol platziert werden. Aus diesem Bereich sollten Kinder eigentlich nur eine Hand voll am Tag essen.

Kinderlebensmittel: «Produkte, die die Welt nicht braucht»

Zu süsse und zu fettige Kindelebensmittel: Das kann die Lebensmittelingenieurin und Expertin für Kinderernährung Marianne Botta Diener auch für die Schweiz bestätigen: «Aber es gibt einige positive Ausnahmen», sagt sie. Dazu würden beispielsweise die Produkte von Coop Jamadu zählen. Salz, Zucker und Fett würden nur sparsam eingesetzt. Ansonsten seien Lebensmittel für Kinder «Produkte, die die Welt nicht braucht.» Auch die Schweizerische Gesellschaft für Ernährung (SGE) schreibt in ihren Grundlagen zur Ernährung von Kindern und Jugendlichen: «Spezielle Kinderlebensmittel sind nicht nötig». Wer sich ausgewogen und abwechslungsreich ernährt, wird mit allen Nährstoffen versorgt und kann getrost auf Lebensmittel für Kinder verzichten.

Neben dem hohen Zucker- und Fettanteil sind die vielen zugesetzten Vitamine in Lebensmitteln für Kinder ein Problem. Marianne Botta Diener erklärt: «Die meisten Kinder in der Schweiz sind gut ernährt. Sie brauchen keine willkürlich zugesetzten Vitamine.»  Die Industrie würde mit den Vitaminen nur versuchen, die Eltern zu ködern. Im schlimmsten Fall kann es zur Überversorgung kommen. Die Niere muss vom Körper nicht benötigte Vitamine wieder ausscheiden und hat zusätzliche Arbeit.

Selbst für Kinder, die an einem Nährstoffmangel leiden, sind zugesetzte Vitamine nicht sinnvoll. Das Problem sind Wechselwirkungen zwischen den Stoffen. So kann ein mit Calcium angereichertes Produkt die Aufnahme von Eisen erschweren und langfristig Eisenmangel bei einem Kind fördern.

Zusatzstoffe in Lebensmitteln für Kinder sind nicht unbestritten

Auch Zusatzstoffe wie Geschmacksverstärker, Farbstoffe und Konservierungsmittel, die vielen Eltern als E-Nummern bekannt sind, sind in den Kinderlebensmitteln zu finden. «Gewisse Farb- und Konservierungsstoffe sind nicht unbestritten», sagt Marianne Botta Diener. Eltern müssten allerdings keine Angst haben, wenn ihre Tochter oder ihr Sohn gelegentlich Lebensmittel für Kinder mit Zusatzstoffen isst.

Die Lebensmittelingenieurin sieht vor allem ein grosses Problem darin, dass Kinderlebensmittel den Geschmackshorizont der Kinder einschränken. Essen Kinder regelmässig stark verarbeitete Lebensmittel, gewöhnen sie sich schlechter an die Vielfalt natürlicher Lebensmittel. Die Verbraucherorganisation Foodwatch  geht sogar davon aus, dass die Industrie «Kinder so früh wie möglich auf ungesundes Junkfood programmieren» will. Denn mit dem lasse sich viel mehr Profit machen. Mit Obst und Gemüse erzielen Hersteller gemäss Foodwatch weniger als 5 Prozent Umsatzrendite, bei Süsswaren sind es 15 Prozent, bei Softdrinks fast 17 Prozent und bei Frühstücksflocken und Snacks sind es mehr als 18 Prozent.

Nicht jeden Wunsch des Kindes erfüllen

Marianne Botta Diener empfiehlt allen Eltern Fertigprodukte kritisch zu betrachten. Das heisst nicht, dass Sie Ihren Kindern diese verbieten sollten. Denn Studien zeigen, dass Kinder das besonders gern haben, was ihnen ihre Eltern verboten haben. Aber Sie sollten Ihrem Kind auch nicht jeden Wunsch erfüllen. Ein gesundes Mittelmass ist das Beste.

Gut sei es, zu Hause darüber zu sprechen und gemeinsam die Kinderlebensmittel mit natürlichen Produkten zu vergleichen, so Botta Diener. Manchmal helfe eine spielerische Herangehensweise: «Lassen Sie Ihre Kinder doch eine lustige Zeichnung für eine normale Verpackung machen oder lassen Sie Ihr Kind eine Werbung für ein Produkt entwerfen.»

Weitere Tipps zur gesunden Kinderernährung lesen Sie im Interview mit Marianne Botta Diener.

Auf der folgenden Seite finden Sie eine Tabelle mit verschiedenen Kinderlebensmitteln, die Ihnen übersichtlich den Zucker- und Fettgehalt darstellt.

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