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Elternängste überwinden: Wenn die Sorgen ums Kind zu viel werden – und wann Hilfe nötig ist

Ängste um den Nachwuchs sind normal, alle Eltern haben sie. Es kann aber sein, dass die Ängste zu viel Macht bekommen. Aus Vorsicht entsteht dann schnell Panik und Dauerstress. Wie du mit der ständigen Sorge umgehst, woran du merkst, dass sie zu weit geht, und wo du in der Schweiz Hilfe bekommst.

Loslassen lernen: Kind lernt Fahrrad fahren, Mutter lässt los.
Kinder müssen ihre eigenen Erfahrungen machen – als Eltern muss man da auch mal loslassen, auch wenn man weiss, dass es weh tun könnte. Bild: GettyImages Plus, AleksandarNakic

Ab dem Moment, in dem der Schwangerschaftstest positiv ist, ist sie da: die Angst um das eigene Kind. Der Gang zur ersten Untersuchung, der erste Schrei, ein Sturz vom Velo, der erste Schulausflug, der erste Freund oder die erste Freundin… selbst wenn die Kinder längst erwachsen sind, sorgen sich ihre Eltern. Das ist normal, denn Ängste sind grundsätzlich überlebensnotwendig: Ohne sie würden wir Gefahren nicht kommen sehen [1]. Und Eltern wollen das Beste für ihre Kinder. Das führt dazu, dass Kinder in einigen Fällen stark behütet werden und unter ständiger Beobachtung stehen – ein Muster, das in der Übersicht über die gängigen Erziehungsstile als «Helikoptereltern» beschrieben wird.

Für die Eltern bedeutet das: Begleitung auf den Spielplatz, in die Schule fahren, immer wachsam sein. Damit füllt sich der Terminkalender und ständige Aufmerksamkeit ist gefordert. Daneben gilt es, den Alltag zu organisieren, Job, Partnerschaft und Freunde mit der Familie unter einen Hut zu bringen. Diese unsichtbare Planungsarbeit lässt sich als Mental Load sichtbar machen und verteilen. Trotzdem kann einem das alles schon einmal über den Kopf wachsen. Stress und Anspannung sind die Folge, der Versuch, alles perfekt zu machen, wird zur Last. Neben psychischen Folgen wie Burnout oder Depressionen kann anhaltende Anspannung auch körperlich zu schaffen machen: Fachleute bringen dauerhaften Stress unter anderem mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Bluthochdruck oder Herzinfarkt in Verbindung – vermutet wird, dass er entzündliche Prozesse begünstigt und den Blutfluss vermindert [2].

Angst als Schutzmechanismus

Zunächst einmal: Angst ist in erster Linie nichts Negatives. Sie soll uns vor Gefahren warnen und schützen [1]. Sie ist oft durch Erfahrungen aus der Vergangenheit genährt – wir wissen, dass man sich an einer heissen Herdplatte verbrennt. Daraus entsteht Angst vor dem Schmerz und wir vermeiden es, die heisse Platte zu berühren. Wer die Erfahrung mit der heissen Herdplatte nicht gemacht hat, hat davor weniger Angst. Ängste sind also individuell und werden von jedem unterschiedlich bewertet. Es gibt rationale Ängste, wie die Situation einer Verbrennung an einer Herdplatte, die man leicht verhindern kann. Aber auch irrationale, das heisst extrem unwahrscheinliche Ängste.

Als Eltern sollte man sich dessen bewusst sein. Denn Kinder spüren, wenn Eltern gestresst sind oder Angst haben: Schon kleine Kinder merken, wenn sich die Mutter beim Handhalten anspannt oder zu schwitzen beginnt [3]. Dann übertragen sie Nervosität und Unsicherheit auf den Nachwuchs. Das passiert unter anderem durch zu viel Behütung, die ja eigentlich das Gegenteil, nämlich das Beste für das Kind, bewirken soll: Wer selbst sozial ängstlich ist, meidet Situationen, in denen man sich exponieren muss – und den Kindern fehlen dann die Vorbilder dafür, wie man selbstsicher auf andere zugeht [3]. Wie sich Ängste bei Kindern zeigen und wie du sie begleitest, liest du in einem eigenen Beitrag.

Wie stark sich Kinder an den Gefühlen ihrer Eltern orientieren, zeigt ein klassisches Experiment der Entwicklungspsychologie, die «visuelle Klippe»: Kleinkinder sitzen auf einer Glasplatte, unter der es scheinbar in die Tiefe geht. Lächelt die Mutter auf der anderen Seite aufmunternd, krabbeln Kinder von rund zwölf Monaten über die vermeintliche Klippe. Zeigt sie sich ängstlich, tut es kein einziges Kind. Der Versuch geht auf die amerikanische Psychologin Eleanor Gibson zurück; das Wissenschaftsmagazin der Universität Freiburg ordnet ihn ein [3].

Wichtig ist dabei aber auch die Entwarnung: Nicht jede Angst eines Kindes lässt sich auf Erziehungsfehler zurückführen, und nicht jeder Erziehungsfehler ist gleich ein Debakel. Das elterliche Vorbild ist nur ein Faktor unter mehreren – genetische, biologische und sozio-kulturelle Einflüsse spielen ebenfalls eine Rolle. Manche Kinder sind von Geburt an eher ängstlich, andere temperamentvoll und experimentierfreudig [3].

Wann die Sorge normal ist – und wann du Hilfe holen solltest

Sich zu sorgen ist weder eine Schwäche noch ein Erziehungsfehler. Es gibt aber einen Punkt, an dem die Angst mehr schadet als nützt. Von einer Angststörung sprechen Fachleute dann, wenn die Angst krankhaft gesteigert ist und den Alltag behindert – wenn sie also über das hinausgeht, was von einer Situation objektiv an Gefahr ausgeht [1].

Für dauernde Elternsorgen ist vor allem eine Form beschrieben: die generalisierte Angststörung. Sie zeigt sich daran, dass das Denken lange Zeit um Probleme kreist, die objektiv betrachtet gar nicht so bedrohlich sind, und dass man ständig besorgt ist oder befürchtet, ein Unglück könnte einen ereilen [1]. Häufig kommen körperliche Zeichen dazu: Herzrasen, Zittern, Schweissausbrüche, Muskelverspannungen, Enge in der Brust, Atemnot oder Schwindel [1]. Typisch ist auch, dass man angstbesetzte Situationen immer mehr meidet – wodurch die Routine im Umgang damit weiter abnimmt und die «Angst vor der Angst» wächst [1].

Die Schwelle, ab der sich Hilfe lohnt, liegt tiefer, als viele denken. Wer Strategien gefunden hat, mit der Angst ausreichend umzugehen, braucht keine professionelle Behandlung. Führen die Ängste aber zu stärkeren Beeinträchtigungen des Lebens, müssen sie meist behandelt werden [1]. Du musst also nicht warten, bis gar nichts mehr geht: Wer Symptome bei sich feststellt und sich dadurch im Alltag beeinträchtigt fühlt, darf sich melden [1].

Und das früh zu tun, lohnt sich. Angststörungen sind häufig – rund 15 bis 20 Prozent aller Menschen in der Schweiz sind im Lauf ihres Lebens davon betroffen – und sie lassen sich gut behandeln: Etwa 70 bis 80 Prozent der Erkrankten werden wieder gesund, und je früher eine Behandlung beginnt, desto besser sind die Heilungschancen [1]. Was viele davon abhält, ist Scham. Oft dauert es lange, bis sich Betroffene melden, und dann schildern sie eher die körperlichen Begleiterscheinungen als den Kern der Sache [1].

Hier bekommst du in der Schweiz Hilfe

  • Elternnotruf, 0848 35 45 55: rund um die Uhr erreichbar, vertraulich, kostenlos und auf Wunsch anonym – für Eltern, weitere Bezugspersonen und Fachpersonen. Zwischen 23 und 8 Uhr beantwortet die Dargebotene Hand die Anrufe. Beratung gibt es auch per Chat und Mail [4].
  • Elternberatung von Pro Juventute, 058 261 61 61: jederzeit erreichbar, dazu WhatsApp täglich von 7.30 bis 22 Uhr (Antwort innert 24 Stunden) und E-Mail (Antwort in der Regel innert 48 Stunden) [5].
  • Die Dargebotene Hand, Telefon 143: immer erreichbar, persönlich, anonym und vertraulich – wahlweise per Telefon, Chat oder Mail [6].
  • Deine Hausärztin oder dein Hausarzt ist ebenfalls eine gute erste Adresse und kann dich an eine Fachperson weiterverweisen.

Das hilft gegen Elternängste

1 Vertrauen üben: Zurück zum Beispiel mit der Herdplatte: Wir wollen unsere Kinder schützen und lassen sie deshalb nicht in die Nähe eines Herdes, damit sie sich nicht verbrennen. Die Angst davor ist begründet, vor allem, wenn Kinder alleine sind. Um die Angst zu verringern, ist es aber hilfreich, gemeinsam mit den Kindern gefahrvolle Dinge zu tun, ihnen zu erklären, warum man mit Hitze und Feuer besonders vorsichtig sein muss, und sie an die Benutzung heranzuführen, anstatt gefährliche Dinge von ihnen fernzuhalten und ihnen so die Möglichkeit zu nehmen, unter Anleitung zu lernen. Denn die Kleinen sind die Grössten. Sie können viel mehr, als wir denken, und brauchen auch die Freiheit, alleine Dinge ausprobieren zu können, um daraus zu lernen. Ob Herd bedienen, Baum erklettern oder Schwimmen lernen: Vertrau in die Entwicklungsprozesse deines Kindes.

2 Loslassen lernen: Leichter gesagt als getan. Sich von seinem Neugeborenen trennen. Das Baby eine Stunde zum Grosi? Nach einem halben bis ganzen Jahr mal ein Abendessen zu zweit und sich dafür einen Babysitter leisten? Je früher wir mit dem Loslassen anfangen, desto besser. Die Angst um das Kind bleibt, aber wir lernen früh, damit umzugehen, und entwickeln vielleicht eine Routine. Die Grosis haben schliesslich auch schon Kinder grossgezogen.

3 Pausen machen: Pausen sind wichtig. Sie verringern unser generelles Stresslevel und wir lernen, auch einmal kurz nicht da zu sein. Auch später, wenn die Kinder nicht mehr permanent beaufsichtigt werden wollen, ist es völlig okay, wenn Mami oder Papi mal kurz eine Pause brauchen und das dem Nachwuchs erklären. Ein Gleichgewicht zwischen belastenden und entlastenden Seiten des Lebens zu finden, ist bei psychischer Belastung generell wichtig; dabei helfen ein stabiles Netz an sozialen Beziehungen, Hobbys und regelmässige Bewegung – Sport ebenso wie Spaziergänge [1].

4 Individuellen Umgang finden: Es gibt unzählige Ratgeber und Übungen gegen Stress und Ängste. Vom Darübersprechen bis zu Atemübungen und geführten Meditationen. Bei allen Vorschlägen gilt: Tu das, von dem du weisst oder merkst, dass es dir hilft. Zwanghaft zu versuchen, Ängste loszuwerden, und mit dem Resultat nicht zufrieden zu sein, verursacht Unzufriedenheit und weiteren Stress. Und wenn dir eigene Strategien nicht mehr reichen, ist der Gang zu einer Fachperson kein Rückschritt, sondern die wirksamere Variante [1].

Familienübung: Gemeinsam balancieren

Eine herrliche Übung für Vertrauen und Stressabbau, die das Körpergefühl schult, den Kopf frei macht und erst noch Spass macht, ist das Balancieren. Auf einem Mauervorsprung, einem umgefallenen Baumstamm, einem schmalen Geländer, beinahe überall findet sich eine Möglichkeit, fünf Minuten Pause zu machen. Lass die Kinder machen, Kinder lieben balancieren, es schult ihren Gleichgewichtssinn und ihr Gespür für den eigenen Körper. Probier es auch einmal aus: Gar nicht so einfach. Die Kleinen freuen sich, wenn sie etwas besser können als Mami oder Papi. Ein weiterer Vorteil der Übung: Der Kopf ist mit der Linie beschäftigt, auf der du balancierst. Alltags-, Stress- und Angstgedanken haben Pause.

Quellen

  1. UniversitätsSpital Zürich: Angststörungen. Zuletzt aktualisiert am 19. Februar 2026, abgerufen am 7. August 2026.
  2. UniversitätsSpital Zürich: Stress. Abgerufen am 7. August 2026.
  3. Universität Freiburg, Wissenschaftsmagazin «universitas»: Wenn Eltern Angst machen. Ausgabe 02/2017–18, mit Annette Cina, leitende Psychologin des Zentrums für Psychotherapie der Universität Freiburg. Abgerufen am 7. August 2026.
  4. Elternnotruf: Beratung. Abgerufen am 7. August 2026.
  5. Pro Juventute: Elternberatung 24/7. Abgerufen am 7. August 2026.
  6. Die Dargebotene Hand: 143.ch. Abgerufen am 7. August 2026.

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