Facebook Pixel

Osteopathie für Kinder – was Sie wissen sollten

Immer mehr Eltern gehen mit ihren Kindern zum Osteopathen, um Beschwerden wie Verspannungen oder Schmerzen zu behandeln. Doch in der Schulmedizin ist die Osteopathie zum Teil umstritten. Wie sinnvoll ist sie wirklich? Wir haben eine Osteopathin bei ihrer Arbeit begleitet und erklären, in welchen Fällen ein Besuch zu empfehlen ist.

Osteopathie für Kinder – in welchen Fällen ein Besuch zu empfehlen ist.

Immer mehr Eltern gehen mit ihren Kindern zum Osteopathen. Foto: naumoid, iStock / Getty Images Plus

Das Wichtigste in Kürze:

Dienstagmittag 12.45 Uhr, ein siebenjähriges Mädchen und ihr Mami betreten das Behandlungszimmer der Familienpraxis Stadelhofen in Zürich und nehmen auf dem Sofa Platz. Die Osteopathin Karin Huber setzt sich dem Mädchen und ihrer Mutter gegenüber. «Was kann ich für Sie tun?», fragt die Osteopathin.

Der Termin beginnt mit einer 15-minütigen Besprechung. Karin Huber nimmt die persönlichen Daten auf, fragt nach der Zusatzversicherung und wendet sich direkt an das Mädchen. Das linke Bein tue ihr seit einiger Zeit weh. Huber lässt sie ein paar Schritte laufen und beobachtet dabei ihre Haltung.

Das Mädchen ist ein Zwilling, die Erstgeborene. Sie kam per Kaiserschnitt zur Welt. Das alles erfährt die Osteopathin im Laufe des Gesprächs. Ausserdem fragt sie nach regelmässigen Stuhlgang, wann sie nachts das erste Mal trocken war, nach Krankheiten und Unfällen. Bis auf einen kleinen Zwischenfall, bei dem sich das Mädchen das Kinn an der Tischkante angeschlagen hatte, sei nichts vorgefallen.

Osteopathie für Kinder – Behandlung auf der Liege

Das Mädchen legt sich auf die Liege, die in der Mitte des Raumes platziert ist und fängt an zu lachen. Es scheint als wolle sie die ungewohnte Situation ein wenig auflockern. Die Osteopathin tastet langsam ihren Körper ab. «Versuch mal ganz locker zu lassen.» Sie kreist mit den Handflächen an ihren Hüften, dann an ihren Füssen. «Tut es weh, wenn ich hier drücke?» Leicht drückt sie an ihrem Fuss. «Ein bisschen», erwidert das Mädchen.

Behutsam beugt die Osteopathin die Beine in verschiedene Richtungen und analysiert die Stellung des Körpers beim Liegen genau. Sie legt eine Hand auf den Unterbauch, eine unter den Po des Mädchens. So verweilt sie eine Weile, dann wechselt sie wieder zu den Füssen des Kinds.

Karin Huber ist konzentriert, sie spürt eine Verspannung im Fuss. Die Mutter sagt, dass ihre Tochter mit etwa vier Jahren eine Blasenentzündung hatte. Es falle ihr bis heute nicht leicht, den Urin in dringenden Momenten zu halten.

Diagnose und Ende der Behandlung

Huber erklärt, dass das Mädchen seine Muskeln nicht uneingeschränkt nutzen könne. Das alles stehe im Zusammenhang mit ihren Schmerzen im Bein. Möglicherweise aufgrund der Position als Zwilling im Mutterleib sei eine leichte Fehlstellung der Hüfte erkennbar.

Die Behandlung dauert rund 45 Minuten. Vier weitere Behandlungen setzt die Osteopathin an, dann sollen sich die Schmerzen des Mädchens lindern. Der Arbeitstag von Karin Huber ist noch lange nicht vorbei. Kaum haben Mutter und Tochter die Praxis verlassen, betreten eine Mutter und ihr Säugling das Behandlungszimmer. Wieder nimmt sich die Osteopathin viel Zeit, den Beschwerden auf den Grund zu gehen.

Was ist Osteopathie?

Der Begriff «Osteopathie» stammt aus dem Griechischen: «Osteon» für Knochen und «Pathos» für Leiden. Osteopathie ist eine manuelle Technik, die auf die Gesundheit durch ein Gleichgewicht der Strukturen im Körper abzielt. Die Technik will die Schulmedizin ergänzen. Die Idee dahinter ist, dass die inneren Organe, das Schädelsystem und der Bewegungsapparat zusammenhängen. Das heisst, eine Blockade beeinflusst das ganze System. Bei der Lösung einer Blockade wird der Körper mit Hilfe der Osteopathie dazu angeregt, die restlichen Beschwerden von selbst zu heilen. Der Ansatz entstand im 19. Jahrhundert und wurde vom amerikanischen Arzt Andrew Taylor Still entwickelt.

Es werden folgende Teilgebiete unterschieden:

  • Parietale Osteopathie (Bewegungsapparat): Untersuchung der Gelenke, Muskeln, Sehnen und Bändern auf Bewegungseinschränkungen.
  • Viszerale Osteopathie (innere Organe): Untersuchung der inneren Organe auf Bewegungseinschränkungen und Spannungsveränderungen.
  • Kraniosakrale Osteopathie (Schädelsystem): Untersuchung des Schädelsystems, der Wirbelsäule und des Beckens auf Bewegungseinschränkungen.

Jede Teilbehandlung erfolgt in Abhängigkeit zu den anderen Körpersystemen. Der menschliche Körper wird als Einheit betrachtet.

Bei welchen Beschwerden kommt die Osteopathie für Kinder häufig zum Einsatz?

Karin Huber nennt einige Beispiele: Bei Säuglingen komme es häufig vor, dass diese mit einer Schiefhalsposition zur Welt kommen. Das bedeutet, dass sie ihren Kopf überwiegend in eine Richtung drehen. Ausserdem wenden sich Eltern von Schrei- oder Spuckkindern sowie von Babys mit Kolik-Beschwerden oft an Osteopathen. Mit der Methodik soll Kleinkindern, die von selbst nicht anfangen zu krabbeln oder Kindern, die Zehenläufer sind, ebenfalls geholfen werden. Grössere Kinder beginnen eine osteopathische Behandlung zum Beispiel begleitend zur Kieferorthopädie. Bei Kopfschmerzen beispielsweise ist die Osteopathie auch gefragt.

Wer übernimmt die Kosten für eine osteopathische Behandlung?

In der Schweiz übernehmen Zusatzversicherungen 60 bis 90 Prozent der Kosten einer osteopathischen Behandlung.

Was unterscheidet die Osteopathie von anderen manuellen Techniken?

Im Gegensatz zu Osteopathen widmen sich Physiotherapeuten und Chiropraktiker lediglich der Funktionstüchtigkeit des Bewegungsapparats. Nach einer Operation ist die Physiotherapie eine geeignete Therapieform, um fehlende Muskeln wiederaufzubauen. Die Chiropraktik befasst sich hauptsächlich mit Beschwerden an der Wirbelsäule, der Gelenke und der Muskulatur. Die Gelenke werden mit speziellen Handgriffen massiert, sodass die Schmerzen gelindert werden.

Gibt es Tipps für Eltern, wie sie Verspannungen und Fehlstellungen von Geburt an vorbeugen können?

Grundsätzlich nicht, sagt Karin Huber, hat aber dennoch ein paar Anregungen: Zum Beispiel sollten man Babys nicht zu lange unvorteilhaften Körperhaltungen aussetzen und deshalb nicht über einen längeren Zeitraum in den Maxi-Cosi legen. Säuglinge sollten auf keinen Fall in ihren Bewegungen eingeschränkt werden. Und wenn ein Kind schon greifen kann, dann soll man es auch greifen lassen, damit es seine Bewegungen optimal entwickeln kann.

Auf welche Ausbildung und Qualifikationen sollte bei der Wahl des Osteopathen geachtet werden?

Die Berufsbezeichnung Osteopath ist seit Anfang 2013 in der Schweiz geschützt. Demnach muss ein Osteopath das Kürzel D.O., für Diplom der Osteopathie, tragen. Dieses erhält man nach einer fünfjährigen Ausbildung mit anschliessender Diplomarbeit. Ausserdem sollte der Osteopath eine interkantonale Prüfung, ein sogenanntes GDK-Diplom, abgelegt haben.

Welche kritischen Meinungen gibt es zur Osteopathie?

«Osteopathie hat leider einen esoterischen Ruf», so Karin Huber. Vor allem Ärzte der Schulmedizin stehen der Osteopathie kritisch gegenüber. Besonders in den Bereichen der viszeralen und der kraniosakralen Osteopathie sind nur wenige oder fast gar keine wissenschaftlichen Studien vorhanden, die die Wirksamkeit belegen. Mehr dazu.