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Bildungskrippe mit Qualitätslabel: Sieht so die Zukunft unserer Kitas aus?

Über 43’000 neue Krippen- und Hortplätze sind dank Finanzierung des Bundes in den vergangenen Jahren entstanden. Doch auf die Qualität hat bislang kaum jemand geachtet. Das soll sich mit dem Qualitätslabel für Kindertagesstätten ändern. Wir haben die ausgezeichnete Bildungskrippe Frechdachs in Zürich angeschaut.

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Bohnenexperiment in der Bildungskrippe Frechdachs

In der Bildungskrippe Frechdachs in Zürich dürfen Kinder mit all ihren Sinnen die Welt entdecken. Sie werden jeden Tag gefragt, auf was sie heute Lust haben. Foto: Bildungskrippe Frechdachs

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Im Atelier hängt ein riesiges Plakat an der Wand. Mit dicken Pinselstrichen sind violette, grüne und braune Streifen aufgetragen. Die Tischdecke ist übersät mit Farbklecksen. Im Regal stapeln sich geordnet Tonpapierbögen, Eierkartons und Plastikbecher. Auf dem Tisch liegen runde Kreise aus Papier, die mit Farbe bemalt wurden. Von Kindern, die heute Morgen selbst entscheiden durften, was sie machen wollen.

In der Bildungskrippe Frechdachs haben Kinder Mitspracherecht

In der Bildungskrippe Frechdachs in Zürich dürfen Kinder mitreden. Die Betreuerinnen geben den Kindern den nötigen Freiraum, ihren Alltag mitzugestalten. Acht Räume stehen der Kinderkrippe für die Betreuung zur Verfügung: Im Atelier wird gebastelt, gewerkt und gemalt, im Rollenspielzimmer dürfen die Kinder in Kostüme schlüpfen, im Bewegungsraum und in der Turnhalle toben sie sich aus, im Garten wird gesändelet, im Babyraum entdecken die Jüngsten ihre ersten Spielzeuge, im Musikzimmer werden Trommel, Rassel und Tamburin auf ihre Lautstärke geprüft und im Verkehrsraum dreht sich alles um Autos und Eisenbahn.

Ein Junge zeigt auf das Auto an der Wand. Auf dem Plakat sind typische Automarken zu sehen. «Erkennst du den Mercedes?», fragt die Betreuerin. Er nickt. Ein anderer fährt mit dem Zug auf der aufgebauten Schienenstrecke. Ein Zugteil hat sich gelöst. Die Betreuerin hilft beim Zusammenbauen.

Jeden Morgen und jeden Nachmittag öffnen die Erzieherinnen die verschiedenen Räume, die Bildungsbereiche heissen. Je nach Interessen, welche sie zuvor beobachtet haben, bieten sie den Kindern verschiedene Angebote an. Die Kinder dürfen selbst entscheiden, wo sie sich aufhalten wollen und woran sie teilnehmen möchten.

Bildungskrippe: kein Frühenglisch

Anders als der Name vermuten lässt, hat die Bildungskrippe nichts mit Frühenglisch zu tun. Grundlage ist das infans-Konzept der Frühpädagogik. Ziel ist es, die Neugier und die Interessen der Kinder aufzugreifen. Die Räume müssen zum Entdecken einladen und die Betreuerinnen richten sich bei ihren Angeboten nach den Interessen und Themen der Kinder. Deshalb hängen die Musikinstrumente in der Krippe Frechdachs griffbereit auf Kinderhöhe, die Bilder von der Müllabfuhr, die jede Woche vorbei fährt, kleben am Fenster und das echte Telefon mit extragrossen Tasten steht zum Ausprobieren auf dem Tisch. Die Räume verändern sich ständig, weil die Kinder ihre Ideen mit einbringen dürfen. Das Telefon haben sie sich beispielsweise selbst aus dem Brockenhaus ausgesucht. 

Das infans-Konzept wurde vom Institut für angewandte Sozialforschung / frühe Kindheit in Deutschland entwickelt. In vielen deutschen Kitas ist es Grundlage der pädagogischen Arbeit. Die thkt familienservice GmbH, eine Dienstleistungsfirma, die unter anderem Betreuungsplätze an Unternehmen vermittelt, hat es in Zusammenarbeit mit dem Institut für die Schweiz weiterentwickelt. Über 50 Bildungskrippen gibt es bereits. Es steht für «tiefgreifende pädagogische Qualitätsentwicklung in Kindertagesstätten», wie es auf der Webseite heisst.

Bereits sieben dieser Bildungskrippen sind mit «QualiKita» ausgezeichnet, einem Qualitätslabel für Kindertagesstätten. Auch die Bildungskrippe Frechdachs besitzt es seit vorigem Jahr. Das vom Branchenverband Kibesuisse und der Jacobs Foundation 2013 lancierte Label sichert die Qualität in Krippen. Jährlich wird diese kontrolliert. Daraufhin musste die Bildungskrippe Frechdachs beispielsweise ihr Buffet für das Mittagessen von 85 Zentimeter auf 45 Zentimeter Kinderhöhe anpassen. Jetzt können die Kleinen ihr Essen noch besser selbst schöpfen.

QualiKita: Qualitätslabel für Kindertagesstätten

In den vergangenen Jahren wurde auf die Quantität der Kindertagesstätten grossen Wert gelegt. Mit dem Impulsprogramm für familienergänzende Kinderbetreuung, das seit 2003 in Kraft ist und bis 2019 fortgeführt werden soll, wurden in der Schweiz bislang über 43'000 neue Krippen- und Hortplätze geschaffen. Das sind 87 Prozent mehr als zuvor.

Die Qualität spielte nur eine untergeordnete Rolle. Eine Studie des Marie-Meierhofer-Instituts für das Kind bescheinigte den Deutschschweizer Krippen nur eine mittelmässige bis unzureichende Qualität. Das wollten der Branchenverband Kibesuisse und die Jacobs Foundation ändern. Deshalb wurde das QualiKita Label 2013 lanciert. Es wird an Krippen verliehen, die Kinder nicht nur betreuen, sondern sie entsprechend ihres Entwicklungsstands, ihrer Interessen, Bedürfnisse und individuellen Voraussetzungen fördern und die Kinder mitbestimmen lassen. Insgesamt acht Qualitätsentwicklungsbereiche werden regelmässig in den zertifizierten Kitas geprüft.

«Wir lassen den Kindern Freiraum um ihnen eigene Erfahrungen zu ermöglichen», erklärt die Co-Kitaleiterin Michaela Kurz. Trotzdem gebe es für die Kinder auch Grenzen, die den Kindern Sicherheit bieten. «Treten Gefahren auf, zum Beispiel wenn ein Kind Spielsachen wirft, suchen wir gemeinsam mit den Kindern nach Alternativen. Sie dürfen dann beispielsweise im Bewegungsraum Bälle werfen.»

Kinder sind selbstbewusster

Als die Kita Frechdachs im Jahr 2009 das Pilotprojekt «bildungskrippen.ch» startete, wurden die Eltern zu einem Informationsabend eingeladen. Das Interesse der Eltern sei sehr gross und das Feedback positiv gewesen. «Heute berichten viele Eltern, dass ihre Kinder selbstbewusster und ausgeglichener sind, da sie selbständig ihren Interessen nachgehen können und ihre Bedürfnisse Anklang finden. Durchstrukturierte Förderungsaktivitäten ohne Freiraum für die Kinder gehören deshalb der Vergangenheit an», sagt Michaela Kurz.

Sie holt einen Ordner aus dem Regal. Er dokumentiert die Entwicklung von Theo (Name geändert) vom Baby- bis zum Kindergartenalter. Auf jeder Seite sind Fotos eingefügt. Meist ist er mit seinem Freund darauf zu sehen: als Babys am Tisch beim Essen, später mit selbst gebastelten Piratenmasken oder beim Toben im Bewegungsraum. «Die Freundschaft zu diesem Jungen war das Wichtigste für Theo», erinnert sich Michaela Kurz. Deshalb haben die Betreuerinnen ein individuelles Angebot ermöglicht: Weil beide gern in verschiedene Rollen schlüpfen, in denen sie stark und unbesiegbar wirken, durften sie gemeinsam Piratenmasken aus Gips herstellen.

Jedes Kind hat einen Ordner in der Bildungskrippe. Auf vorgefertigten Bögen halten die Betreuerinnen monatlich bis halbjährlich fest, mit wem das Kind spielt, wie es sich in der Gruppe arrangiert, mit was und wie es gern spielt und was ihm zu Hause wichtig ist. Fotos ergänzen ihre Beobachtungen. Deshalb schauen sie die Kinder selbst gern an.

Für die Erzieherinnen bedeutet dies in erster Linie ein Mehraufwand. Doch so können sie die Interessen des Kindes besser einschätzen und die Entwicklung besser begleiten. Zudem dienen die Bögen als Grundlage für Elterngespräche. Am Ende der Krippenzeit dürfen die Kinder den dicken Ordner als Erinnerungsgeschenk mit nach Hause nehmen.

Qualität in Kitas: Instrumente und Konzepte

In der Schweiz sind in den vergangenen Jahren einige Konzepte und Instrumente entstanden, die dabei helfen sollen, die Qualität in Kindertagesstätten zu verbessern:

  • Das «infans-Konzept der Frühpädagogik», mit dem die Bildungskrippen arbeiten, gehört dazu.
  • Der im Jahr 2012 veröffentlichte «Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung» ist der erste Bildungsplan für Kitas. Er beschreibt, wie Kinder sich beim Spielen und Lernen Wissen aneignen, wie sie von ihrer Neugier geleitet werden und wie sie von Erwachsenen begleitet werden können.
  • Die «Bildungs-und Lerngeschichten»  sind ein ressourcenorientiertes Beobachtungs- und Dokumentationsinstrument von Fähigkeiten und Lernfortschritten von Kindern. Die Kinder werden genau beobachtet, in Bild und Text werden die Interessen des Kindes festgehalten, um darauf mit individuellen Angeboten für das Kind zu reagieren.

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