Frühkindliche Bildung: Erstmals Orientierungsrahmen für Kitas

Heute wurde der erste Schweizer Bildungsplan für Kitas in Bern vorgestellt. Die Schweizerische UNESCO-Kommission und das Netzwerk Kinderbetreuung haben zusammen mit dem Marie Meierhofer Institut für das Kind einen Orientierungsrahmen für die frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung ausgearbeitet.

Ein Orientierungsrahmen soll für die frühkindliche Bildung eingesetzt werden.

Kinder entdecken die Welt. Der Orientierungsrahmen zeigt auf, wie kleine Kinder die Welt entdecken und wie wir ihnen dabei helfen können. Foto: olesiabilkei, iStock, Thinkstock

Bisher gibt es in der Schweiz keine einheitlichen Standards für die pädagogische Arbeit mit Kleinkindern bis zum Alter von vier Jahren. Das soll der Orientierungsrahmen nun ändern. Er liefert allerdings keine Bildungsziele oder konkrete Handlungsanweisungen. «Es geht nicht um eine Verschulung der Krippen», erklärt Miriam Wetter vom Netzwerk Kinderbetreuung im Interview mit familienleben. Kinder würden die Welt entdecken, jeden Tag, überall. Der Orientierungsrahmen zeige auf, was dazu für die Kinder wichtig ist. Er beschreibe, wie Kinder sich zwischen Spielen und Lernen Wissen aneignen, wie sie von ihrer Neugier geleitet werden und wie sie von uns Erwachsenen begleitet werden können.

Der Orientierungsrahmen geht davon aus, dass Kinder von Geburt an kompetent, aktiv und wissbegierig sind. «Kinder müssen nicht «gebildet» werden. Sie bilden sich selbst», heisst es im Dokument. Vor allem beim Spielen lernen Kinder. Deshalb kommt es in der frühkindlichen Bildungsförderung darauf an, Kindern eine anregungsreiche Lernumgebung bereitzustellen, in der sie vielfältige Erfahrungen mit sich und der Welt sammeln können.

6 Leitprinzipien für die Arbeit mit Kindern

Der Orientierungsrahmen stellt sechs Leitprinzipien für die Arbeit und das Zusammenleben mit Kindern vor:

  1. Physisches und psychisches Wohlbefinden: Ein Kind, das sich wohl fühlt, kann neugierig und aktiv sein. Wichtig für das Wohlbefinden sind vertraute, verlässliche und verfügbare Bezugspersonen, die das Kind unterstützen.
  2. Kommunikation: Ein vielfältiges Bild von sich und der Welt erwerben Kinder durch den Austausch mit anderen.
  3. Zugehörigkeit und Partizipation: Jedes Kind möchte sich willkommen fühlen und sich ab Geburt beteiligen. Erwachsene sollten wissen, dass bereits kleine Kinder einen Beitrag zu einer Gemeinschaft leisten. Deshalb sollten sie zum Beispiel bei der Planung von Aktivitäten mitbestimmen dürfen.
  4. Stärkung und Ermächtigung: Die Reaktionen, die ein Kind auf seine Person und auf sein Verhalten erfährt, beeinflussen sein Bild von sich selbst. Abwertende und ungerechte Reaktionen können das Selbstvertrauen schwächen. Erwachsene können durch Ermunterung Kindern helfen, sich über ihre Entdeckungen zu freuen und Neues zu wagen.
  5. Inklusion und Akzeptanz von Verschiedenheit: Jedes Kind braucht einen Platz in der Gesellschaft. Die Individualität von Kindern sowie die Vielfalt ihrer Herkunft seien für eine Gemeinschaft bereichernd, heisst es im Dokument.
  6. Ganzheitlichkeit und Angemessenheit: Kleine Kinder lernen mit allen Sinnen, geleitet von ihren Interessen und bisherigen Erfahrungen. Deshalb entsprechen einseitige Trainings nicht dem Lernen kleiner Kinder.

 

Wichtige Hinweise für die Praxis

Für die Praxis in Kitas liefert der Orientierungsrahmen wichtige Hinweise:

Erziehende sollten Kinder regelmässig beobachten, ihre Entwicklungsschritte reflektieren und dokumentieren. So können die Betreuer beispielsweise Fotos von den Kindern bei verschiedenen Aktivitäten machen und diese mit den Kindern auswählen und kommentieren.

Die Erziehenden sollten für eine anregungsreiche Lernumgebung sorgen. «Die Gestaltung der Innen- und Aussenräume sowie die vorhandenen Materialien laden zu vielseitigem Spiel, zum Experimentieren, zum Beobachten, zum künstlerischen und kreativen Ausdruck ein (z. B. anhand von Rollenspielaccessoires, Naturmaterialien, Werkzeugen, Malutensilien, Spiegeln, Bewegungsbaustellen oder Klangkörpern)», schreiben die Autorinnen. Ausserdem sollten Erwachsene Bildungsprozesse anregen. Beispielsweise indem sie den Kindern Fragen stellen. Offen formulierte Fragen wie «Was macht denn das Eichhörnchen dort?» regen die Neugier des Kindes an. Aber auch Zuhören ist wichtig.

Eltern und Erziehende sollten sich über ihre Beobachtungen austauschen. Gemeinsam können sie neue Herausforderungen für das Kind planen.

Das Bildungs- und Betreuungsangebot sollte von den Erziehenden stetig hinsichtlich seiner pädagogischen Qualität evaluiert und weiterentwickelt werden.

Das könnte Sie auch interessieren

Services & Newsletter