Frühförderung: «Es geht nicht um eine Verschulung der Krippen»

Bei der Frage, ob Bildung bereits in der Krippe stattfinden soll, scheiden sich die Geister. Die einen finden Frühforderung gut, die anderen befürchten, dass wir Kinder damit überfordern. Der heute lancierte Orientierungsrahmen für die frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung verzichtet bewusst auf Bildungsziele. Denn es gehe nicht um die Verschulung der Krippen, wie Miriam Wetter vom Netzwerk Kinderbetreuung erklärt.

Frühförderung muss nicht bedeuten, dass die Kita verschult wird.

Keine Angst vor Lernstress: Der Orientierungsrahmen soll nicht zur Verschulung der Krippen führen. Foto: iStockphoto, Thinkstock

 

Der Verband Schweizer Kindertagesstätten plant ein Qualitätslabel für Kitas. Ihr Netzwerk Kinderbetreuung und die Schweizerische UNESCO-Kommission haben jetzt einen Orientierungsrahmen für die frühkindliche Bildung lanciert. Ist die Qualität in der Kinderbetreuung wirklich so schlecht, dass es diese Massnahmen braucht? 

Nein, wir müssen nicht Alarm schlagen. Die allermeisten Krippen leisten sehr engagierte Arbeit. Aber die Schweiz hat einen grundsätzlichen Aufholbedarf: Bisher wurde viel darüber diskutiert, ob es überhaupt eine Kinderbetreuung in der Schweiz braucht. Nach vielen politischen Debatten wurde in den letzten Jahren die Anzahl der Plätze ausgebaut. Das war richtig und wichtig. Es geht jetzt darum, auch über die Qualität zu diskutieren, damit wir sie nicht aus den Augen verlieren.

Die Krippe ist ein Ort, wo Kinder noch Kinder sein dürfen. Führen die Bildungsziele nicht zur Verschulung der Krippen?

Genau, Krippen sind Orte für Kinder. Orte an denen Kinder krabbeln lernen, im Sandkasten wühlen und Freunde finden. Genauso wie in Tagesfamilien, in Spielgruppen, zu Hause. Kinder entdecken die Welt, jeden Tag, überall. Der Orientierungsrahmen zeigt auf, was dazu für die Kinder wichtig ist. Er beschreibt, wie Kinder sich zwischen Spielen und Lernen Wissen aneignen, wie sie von ihrer Neugier geleitet werden und wie sie von uns Erwachsenen begleitet werden können. Wir formulieren bewusst keine Bildungsziele. Denn es geht nicht um eine Verschulung der Krippen.

Wie stellen Sie sich die Umsetzung im Kita-Alltag vor?

Zentral sind die Haltungen der Personen, die in der Kita arbeiten und die für sie verantwortlich sind. Es ist wichtig, dass wir anerkennen, dass die Kita mehr als ein Hüteort ist. Dazu gehört, dass die Betreuungspersonen Zeit haben und sich Zeit nehmen, um die Kinder beobachten zu können und sich Gedanken über die Interessen und Entwicklungen jedes Kindes machen können. Welche Themen findet es interessant? Wie kann ich dabei helfen, die Schritte, die es machen will, zu verwirklichen? Ich kann beispielsweise neues Material dazugeben, ich kann mit dem Kind darüber sprechen und ich kann das neu Gelernte dokumentieren, um sie für die anderen Personen wie weitere Betreuerinnen, Eltern und die Kinder selber zugänglich zu machen.

Kinder haben viele verschiedene Interessen. Das hört sich nach einer sehr aufwendigen Ausstattung an.

Die Raumgestaltung und die Ausstattung der Kitas sind ein wichtiges Element, um das Welt entdecken zu ermöglichen. Es bedeutet nicht, dass die Materialien wahnsinnig teuer sein müssen. Sie müssen gut durchdacht und auf die Entwicklungsschritte der Kinder angepasst sein. Wir haben aber bewusst auf genaue Anweisungen verzichtet.

Warum?

Wir sind überzeugt, dass die Fachpersonen in der Kita, das selbst leisten können. Diese Personen sind Fachpersonen für die Entwicklung kleiner Kinder. Wir wollen ihnen keine Liste zum Abhaken geben. Wir machen Lust, die Kinder zu beobachten und daraufhin zu entscheiden, welche Materialien spannend sein könnten, welche weitere kleinen Inputs es ermöglichen, auf das Kind einzugehen. Es geht nicht darum, das Kind zu irgendeiner Höchstleistung anzuspornen - aber es in seinen Interessen, Fragen und Themen ernst zu nehmen und mit ihm zusammen sich weiter zu entwickeln.

Das ist sehr unkonkret. Wie können Sie sicherstellen, dass die Kitas den Orientierungsrahmen in Ihrem Sinne umsetzen?

Unser Ziel ist es mit dem Orientierungsrahmen einen roten Faden zu geben. Er soll Fachpersonen und Trägern als Basis dienen, an der sie sich orientieren können. Er stärkt die Personen und Institutionen, die sich der Qualität annehmen, er ermöglicht eine Vernetzung und gibt eine gemeinsame Perspektive. Er wird so der Vielfalt der Betreuungsformen in der Schweiz und der Individualität der Kinder gerecht.

Wie soll der Orientierungsrahmen in den nächsten Jahren erprobt werden?

Wir planen zum einen eine kurze Weiterbildung für alle Personen an, die sich dafür interessieren. Zum anderen werden wir mit ausgewählten Partnern wie Kantonen, Städten, Verbänden und Schulen zusammen arbeiten. Sie werden, basierend auf dem Orientierungsrahmen, ein eigenes Projekt realisieren. Wir vernetzen und begleiten diese und sichern die Resultate, um herauszufinden, wie sich der Orientierungsrahmen in der Praxis bewährt.

Der Orientierungsrahmen ist rechtlich nicht bindend. Wird er sich trotzdem in der Praxis durchsetzen?

Ja, wir sind davon überzeugt. Wir haben bereits ein grosses Interesse und ein Bedürfnis in der wissenschaftlichen Debatte und in der Praxis festgestellt. Es gibt zwar Angaben zu Brandschutzvorrichtungen oder Hygienevorschriften, aber es gibt kein Referenzdokument für die pädagogische Arbeit mit Kleinkindern. Dass diese Lücke geschlossen wird und dabei ein nationales Referenzdokument vorliegt, ist für viele Akteure spannend.

Ein zentraler Punkt in der Debatte um die Qualität ist die Ausbildung der Betreuer, die bisher oft zu kurz kam. Fliesst der Orientierungsrahmen in die Ausbildung ein?

Zwei Höhere Fachschulen für Kindererziehung gehören bereits zu unseren Partnern. Sie haben die Möglichkeit, das Dokument rasch aufzugreifen. Bei der Berufsausbildung mit dem eidgenössischen Fähigkeitszeugnis sind die Abläufe komplizierter. Es wird ein längerfristiger Prozess sein. Wir werden dort weiterhin den Dialog suchen.

Das grundlegende Problem der familienergänzenden Betreuung ist, dass sie von benachteiligten Familien nicht genutzt wird. Mit dem Orientierungsrahmen ist das Problem nicht gelöst.

Wenn man feststellt, wie gross der Effekt der Betreuung auf Kinder aus bildungsfernen Familien sein kann, dann geht es darum, eine Kinderbetreuung mit guter Qualität zu ermöglichen. Zudem sind die Aussagen des Orientierungsrahmens genauso spannend für Mütter- und Väterberaterinnen oder Hebammen, die mit bildungsfernen Familien zuerst in Kontakt kommen. Wir werden die Vernetzung immer wieder zum Thema machen, damit Hemmschwellen sinken und das Potenzial der frühen Jahre möglichst viele Kinder nutzen können. Alle Kinder entdecken diese Welt – aber nicht alle haben die gleichen Startbedingungen. Dass das Welt entdecken möglichst allen gut gelingt und sie damit gute Startbedingungen erhalten, ist ein wichtiges gesellschaftliches Ziel.

Miriam Wetter

Miriam Wetter ist Geschäftsführerin des Netzwerks Kinderbetreuung.Miriam Wetter ist Politologin. Sie ist Geschäftsführerin ihrer Agentur «mcw asstinez & koordination». Im Rahmen dessen führt sie als Geschäftsführerin das Netzwerk Kinderbetreuung Schweiz. Hinter dem Netzwerk stehen Vertreter von Verbänden für Kindertagesstätten, Tagesfamilien und Tagesschulen sowie von Trägerschaften, Wirtschaft, Forschung, Bildung und Politik. Sie wollen Qualitätsfragen in der Kinderbetreuung mehr Gewicht verleihen.
Foto: Miriam Wetter

Der Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung

Der Orientierungsrahmen ist das erste Referenzdokument für die frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung. Er richtet sich vor allem an Fachpersonen in der Kinderbetreuung, an Trägerschaften oder kommunale und kantonale Behörden. Die Schweizerische UNESCO-Kommission und das Netzwerk Kinderbetreuung sind Herausgeber des Dokuments, erarbeitet wurde es vom Marie Meierhofer Institut für das Kind. Der Orientierungsrahmen befasst sich mit der Frage wie Kinder die Welt entdecken und wie Erwachsene sie dabei begleiten können. Mehr dazu erfahren Sie im Artikel «Frühkindliche Bildung: Erstmals Orientierungsrahmen für Kitas lanciert».

Wie wichtig finden Sie Frühförderung? Was halten Sie vom neuen Orientierungsrahmen? Schreiben Sie uns! Hier geht es zum Kommentarbereich.

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