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«Hilf mir, es selbst zu tun» Wie der Montessori-Kindergarten die natürliche Kompetenz stärkt

Im Montessori-Kindergarten dürfen Kinder ihren eigenen Interessen nachgehen und ihre Entdeckerlust frei ausleben. Das stärkt ihre Selbstständigkeit und ihr Selbstvertrauen. Für welche Kinder sich das Konzept besonders eignet und welche Einrichtungen es in der Schweiz gibt.

Jeder Montessori Kindergarten hat spezielle Materialien, die die Kinder nutzen können.

Mit speziellen Lernmaterialien können Kinder im Montessori-Kindergarten ihre eigenen Interessen verfolgen. Foto: iStock

Hochkonzentriert kniet ein Kind vor einer Wasserschüssel. In der einen Hand hält es einen Löffel, die Fingerspitzen der anderen Hand liegen auf der Wasseroberfläche. Vorsichtig versucht es, mit dem Löffel Wellen zu schlagen. Vielleicht will es verstehen, auf welche Weise die besten Wellen entstehen. Vielleicht versucht es auch herauszufinden, wie sich Wellen anfühlen. Das Kind ist ganz versunken in sein Experiment.

Die Reformpädagogin Maria Montessori nannte dieses Phänomen «Polarisation der Aufmerksamkeit». Wenn ein Kind derart im Hier und Jetzt verhaftet ist, mache es bedeutende, neue Lernschritte. Es fühlt das Wasser auf der Haut, sieht die Wellen, hört, wie der Löffel auf die Wasseroberfläche schlägt, schmeckt das Wasser, wenn es die Hand ableckt. Es macht wesentliche Grunderfahrungen, die ihm helfen die Welt besser zu verstehen: «Aha – so ist das also!»

Heute weiss die Forschung: Lernerfolg wird im Gehirn mit Gefühlen wie Freude und Glück gekoppelt, vor allem dann, wenn andere sich mitfreuen. Selbstständiges Ausprobieren und Experimentieren sind deshalb nicht nur die Grundlage für neues Wissen, sondern auch für Freude am Lernen.

Leitpädagogik im Montessori-Kindergarten: «Das Kind machen lassen»

«Hilf mir, es selbst zu tun». Diese Bitte, die einst ein Kind an Maria Montessori richtete, wurde zum Leitmotiv ihres Erziehungskonzeptes. Maria Montessori war überzeugt, dass Kinder aus eigener Motivation lernen und die Welt begreifen wollen. Sie bei diesem Prozess zu steuern, sei unnötig und sogar hinderlich. Wenn Kinder etwas tun dürfen, das sie besonders interessiere, machen sie die grössten Lernfortschritte. «Wir müssen das Kind machen lassen, denn sein Leben wird von seiner Fähigkeit abhängen, selbstständig zu handeln.», glaubte Montessori. So soll auch der Montessori-Kindergarten Kindern Zeit und Raum bieten, die Welt – geleitet von ihren individuellen Interessen – zu entdecken.

«Zeig mir, wie es geht. Tu es nicht für mich. Ich kann und will es allein tun. Hab Geduld, meine Wege zu begreifen. Sie sind vielleicht länger, vielleicht brauche ich mehr Zeit, weil ich mehrere Versuche machen will. Mute mir Fehler zu, denn aus ihnen kann ich lernen.»

Maria Montessori

Die Freiarbeit, das freie Spiel, ist deshalb ein wichtiges Element in der Pädagogik des Montessori-Kindergartens. Hier können Kinder genau das tun, was Maria Montessori für elementar erachtete: selbst bestimmen, womit sie sich beschäftigen wollen. Ein Pädagoge beobachtet währenddessen die Kinder und versucht, sie individuell und optimal zu fördern, ohne selbst die Führung beim Experimentieren zu übernehmen.

Für welche Kinder das Erziehungskonzept besonders geeignet ist

Vorbereitete Umgebung: Typische Spiel- und Lernmaterialien im Montessori-Kindergarten.

Im Montessori-Kindergarten liegt je nach Entwicklung spezielles Lernmaterial aus. Bild: iStock

Wer ist wie weit? Was braucht das Kind noch? Im Montessori-Kindergarten werden Kinder individuell betrachtet. So eignet sich die Montessori-Pädagogik auch für Kinder mit besonderen Bedürfnissen. «Hochbegabte Kinder zum Beispiel sind sehr glücklich in einer Montessori-Umgebung, weil sie ungebremst ihren Entdeckungshunger und Wissensdurst stillen können. Auch langsamere Kinder können ruhig in ihrem eigenen Tempo fortschreiten», erklärt die Assoziation Montessori Schweiz AMS. Doch sie schränkt auch ein: «Kinder mit starken Verhaltensauffälligkeiten sind allerdings oft von der Vielfalt der vorbereiteten Umgebung und von der grossen Freiheit, die viel Selbstdisziplin bedingt, überfordert.»

Wer war Maria Montessori?

Familienleben Logo

Maria Montessori (1870-1952) war eine italienische Ärztin und Reformpädagogin. Sie studierte zunächst Naturwissenschaften, dann Medizin und später Anthropologie, Psychologie und Erziehungsphilosophie. Zunächst spezialisierte sie sich auf die Erziehung von Kindern mit geistigen Behinderungen. 1907 eröffnete sie in Rom eine Kindertagesstätte für Kinder ohne Behinderungen aus sozial schwachen Familien. Hier wandte sie auch viele Erziehungsmethoden an, die sie ursprünglich entwickelt hatte, um Kinder mit geistigen Behinderungen zu fördern. Ihre Arbeit zeigte rasch grosse Erfolge und sie entwickelte daraus die Montessori-Pädagogik, die heute im vielen Ländern angewandt wird.

Die meisten Einrichtungen in der Schweiz bieten die Kinderbetreuung nach Maria Montessori für Kinder ab 3 Jahren an. In Bern gibt es jedoch eine Einrichtung, in der Kinder bereits ab einem Jahr gemäss der Montessori-Pädagogik betreut werden. Zudem gibt es schweizweit Montessori-Schulen für Kinder von 6 bis 12 Jahren.

Ganz ohne Vorbereitung geht es nicht: Montessori-Materialien

Doch wie kann das Kind im Montessori Kindergarten entscheiden, womit es sich beschäftigen möchte? Dabei hilft ihm die sogenannte «Vorbereitete Umgebung» – ein Begriff aus der Montessori-Pädagogik. Gemeint ist eine Umgebung mit Montessori-Lernmaterial, das auf die einzelnen Altersstufen eingeht. Die zugehörigen Materialien wurden von Maria Montessori selbst entworfen. Dazu gehören beispielsweise Perlenketten, die für das mathematische Verständnis wichtig sind, oder Kugeln zum Zeitverständnis.

Der Alltag im Montessori-Kindergarten

Zentral für die Tagesstruktur ist das freie Spielen. Die «Freiarbeit» sollte ideal mindestens drei Stunden lang sein. Meist liegt diese Phase des Lernens und Spielens am Morgen, der durch gemeinsame Aktivitäten abgerundet wird. Im Montessori-Kinderhaus «Quelle» in Zürich spielen Kinder beispielsweise morgens drei Stunden lang frei – allein oder in Kleingruppen. Während der «Freiarbeit» bleiben die Kinder meist in den Räumen der Kita, Ausflüge sind für den Nachmittag reserviert.

Nach dem Mittagessen putzen die Kinder ihre Zähne und machen einen Mittagsschlaf. Anschliessend geht es in der Regel mit einem Zvieri raus an die frische Luft.

Wie Sie einen geeigneten Montessori Kindergarten finden

In der Schweiz gibt es keine öffentlich getragenen Montessori-Einrichtungen. Montessori-Kindergärten haben daher ausschliesslich freie Träger. Eine Auflistung der Einrichtungen finden Sie beispielsweise auf der Webseite der Assoziation Montessori Schweiz. Die Assoziation listet alle Kindergärten auf, die von der Organisation lizenziert wurden. Sie erfüllen einen Kriterienkatalog gemäss den internationalen Montessori-Standards und werden regelmässig überprüft. Wer sein Kind bei einem Montessori-Kindergarten anmelden möchte, der nicht auf dieser Liste geführt wird, sollte der Assoziation zufolge auf diese Punkte achten:

  • Schauen Sie sich die «Vorbereitete Umgebung» an. Ist sie ordentlich und klar strukturiert? Ist das Montessori-Material übersichtlich in offenen Gestellen aufgebaut?
  • Findet regelmässig «Freiarbeit» während nicht weniger als drei Stunden statt?
  • Achten Sie auf die Stimmung in der Gruppe. Sind die Kinder ruhig und zufrieden am Arbeiten? Ist die Gruppe altersdurchmischt?
  • Beobachten sie das Verhalten der Lehrperson während der «Freiarbeit». Hält sie sich diskret im Hintergrund? Lässt sie den Kindern Raum für selbsttätiges Lernen?
  • Klären Sie ab, ob die Lehrpersonen über ein anerkanntes Montessori-Diplom verfügen

Quelle: AMS