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Sexuelle Belästigung online: So können Sie Ihr Kind schützen

Kinder und Jugendliche verbringen viel Zeit online mit Posten, Liken, Gamen oder Chatten. Und dabei kommt es immer häufiger zu Grenzüberschreitungen: Fast die Hälfte der Schweizer Jugendlichen gibt an, schon sexuell belästigt geworden zu sein. Haben Sie Ihr Kind schon mal auf das Thema angesprochen? Medienpädagogin Kim Gray von zischtig.ch erklärt, wie Sie über sexuelle Belästigung im Netz reden und wie sich Kinder schützen. 

Belästigung im Netz: Teenager und Mutter schauen aufs Handy.

Erfahren Sie, wie Sie es schaffen, dass Ihr Kind zu Ihnen kommt und sich Ihnen anvertraut, wenn es im Internet belästigt wird. Bild: MStudioImages

Sexuelle Belästigung ist selten und passiert hauptsächlich im «Offline-Leben»? Nein! Im Jahr 2020 haben 44% der Schweizer Jugendlichen angegeben, dass sie schon einmal online von Fremden sexuell belästigt wurden. Das zeigt die JAMES-Studie 2020, welche das Mediennutzungsverhalten von Schweizer Jugendlichen untersucht. Das ist eine deutliche Zunahme im Vergleich zu den letzten Jahren: 2014 waren es erst 19%. Und bereits in der Gruppe der 12- bis 13-Jährigen sind 26% betroffen

Die Problematik betrifft nicht nur Teenies. Der Verein zischtig.ch kennt aus seiner täglichen medienpädagogischen Arbeit auch Berichte jüngerer Kinder, die online mit sexuellen Absichten kontaktiert wurden. Und auch laut der Studie EU Kids online von 2019 geben immerhin 4% der 11- bis 12-Jährigen in der Schweiz an, online schon sexuelle Nachrichten erhalten zu haben.

Haben Sie Ihr Kind schon mal gefragt, ob es mit dem Thema konfroniert wurde? Die Vorstellung, dass dem eigenen Kind so etwas wiederfahren könnte oder sogar schon wiederfahren ist, ist beunruhigend. Wir stellen darum sechs Tipps vor, was Sie tun können, um Ihr Kind zu schützen.

So schützen sich Kinder vor sexueller Belästigung im Netz 

1 Sprechen Sie mit Ihrem Kind über die Risiken

Auch wenn es ein unschönes Thema ist: Sprechen Sie mit Ihrem Kind darüber, dass online Menschen mit schlechten und eben auch sexuellen Absichten unterwegs sind. Kinder unterschätzen dieses Risiko oft. Nicht selten führt der Wunsch, auf Tiktok «fame» – also berühmt – zu werden, dazu, dass Unbekannte als vermeintliche Fans in Kauf genommen werden. Viele Kinder suchen ihre Abonnenten einfach danach aus, wer jung und sympathisch erscheint. Dabei ist den wenigsten bewusst, dass unter ihren Followern auch Betrügerinnen oder pädophil veranlagte Menschen sein können.

Kinder wissen in der Regel zwar, dass sich im Netz auch Pädophile tummeln. Oft haben sie aber einseitige Vorstellungen dazu: «Pädos», das sind eben ältere Männer mit Halbglatze, die einen weissen Van fahren und schon in der ersten Nachricht nach dem Wohnort fragen. Dadurch sind Pädophile vermeintlich einfach auszusortieren und werden nicht mehr als Risiko wahrgenommen.

Sprechen Sie mit Ihrem Kind unbedingt darüber, dass auch coole, junge Gamerinnen oder nett wirkende Instagrammer schlechte Absichten haben können. Und: Im Internet kann sich jeder hinter einem fremden Bild verstecken. Der elfjährige Junge aus der Nachbargemeinde kann genauso gut eine 40-jährige Frau sein.

2 Zu Grenzen stehen: Nein sagen ist erlaubt!

Nicht wenige Kinder haben online bereits Erfahrungen mit sexueller Belästigung gemacht. Manchmal hören sie von anderen «Gehört eben dazu» oder «Ist doch lustig». Umso wichtiger ist es, dass Kinder wissen, dass es in Ordnung ist, wenn sie genau das eben nicht witzig oder okay finden. Selbst wenn andere es anders sehen: Sobald ich mich mit etwas nicht mehr wohlfühle, ist das Grund genug, «Stopp» zu sagen.

Hilfreich kann es hier sein, mit Kindern darüber zu sprechen, dass sie diesbezüglich Rechte haben. Solange sie noch unter 16 sind, befinden sie sich im sogenannten Schutzalter. Wer ihnen sexuelle Inhalte schickt, macht sich strafbar, ganz egal, wie alt diese Person selbst ist. Und nach Nacktbildli von ihnen zu fragen, ist erst recht verboten.

Bei diesem Thema können Bücher helfen, die sich mit dem Körper und den eigenen Grenzen beschäftigen – zum Beispiel für Primarschulkinder «Mein Körper gehört mir» von Dagmar Geiser. Die Jubiläumsausgabe befasst sich auf kindergerechte Weise auch mit Situationen rund um digitale Geräte.

3 Schutz durch Einstellungen

Immer wieder berichten Kinder und Jugendliche, dass sie auf beliebten Plattformen wie Tiktok, Instagram oder auch in Games von Fremden angeschrieben werden. Sicher eingestellte Profile helfen dabei, diese Kontakte deutlich zu reduzieren. Achten Sie insbesondere auf folgende Punkte:

  • Profile sollten auf privat gestellt sein. Sind sie öffentlich, kann die ganze Welt die Fotos, Videos und Abonnentinnen sehen. Fremde können Bilder liken und kommentieren, um so unverfänglich einen ersten Kontakt herzustellen.
  • Helfen Sie Ihrem Kind dabei, sich einen guten Benutzernamen auszusuchen. Manche Kinder sind mit ihrem richtigen Namen auf Social Media oder in Games unterwegs. Das ermöglicht Fremden sich als vergessene Bekannte auszugeben: «Hey Sara, ich kenne dich doch noch aus der ersten Klasse, bevor ich weggezogen bin…» Mit Namen wie «max_oerlike_08» wird Fremden auch Wohnort und Alter verraten. Nicht selten brauchen Kinder Unterstützung dabei einen sicheren und trotzdem coolen Profilnamen zu finden.
  • Gerade bei jüngeren Kindern lohnt es sich, die Profile so einzustellen, dass sie gar nicht erst von Fremden kontaktiert werden können. Anleitungen dazu finden Sie online (für die besonders beliebte Plattform Roblox etwa hier).

Achtung: Diese Regeln gelten nicht nur für Social Media und Youtube, sondern auch für Games, von denen mittlerweile viele Kontakte zu Fremden ermöglichen oder sogar voraussetzen.

Tipp: Kombinieren Sie diesen Tipp unbedingt mit Tipp 1. Kinder nehmen diese Einstellungen oft nur vor, wenn sie wissen, dass reale Risiken da sind. Diese Formulierung kann hilfreich sein: «Es kann uns alles passieren, dass uns Fremde mit schlechten Absichten kontaktieren, darum ist es wichtig, dass wir unsere Profile sicher einstellen.»

4 Blockieren und melden

Wichtig ist, dass Kinder wissen, wie sie sich gegen sexuelle Belästigung zur Wehr setzen können – am besten, bevor es passiert ist. Einfache technische Funktionen geben Kontrolle über die Situation zurück: Sowohl Fremde als auch vermeintliche Freundinnen können blockiert werden. Das geht in Chats, auf Social Media-Plattformen und sogar in Games.

Und noch besser: Auf vielen Apps kann man sexuelle Belästigung sogar melden! Damit kann man dafür sorgen, dass die Übeltäterinnen ihr Profil nicht mehr nützen können und andere schützen. Ganz egal, ob es schon passiert ist oder es nur um einen hypothetischen Fall geht: Zeigen Sie Ihrem Kind auf den von ihm genutzten Plattformen, wo es diese Funktionen findet. Wenn Kinder solche Möglichkeiten kennen, fühlen sie sich weniger machtlos und können sich im Notfall aktiv wehren.

5 Darüber sprechen: Schuldgefühle nehmen

Trotz allen Schutzvorkehrungen kann es vorkommen, dass Ihr Kind von Fremden eindeutige Aufforderungen erhält oder sogar sexuelle Darstellungen zugeschickt bekommt. Das Wichtigste in so einer Situation: Ihr Kind weiss, dass es mit diesem Erlebnis zu Ihnen kommen darf und soll. Folgendes hilft Ihrem Kind im Fall der Fälle:

  • Versuchen Sie, möglichst unaufgeregt zu bleiben.
  • Viele Kinder glauben, sie sind an einem solchen Vorfall selbst schuld. Machen Sie Ihrem Kind bewusst, dass es der Täter oder die Täterin sind, die die Schuld tragen. Sogar dann, wenn Ihr Kind einen Fehler gemacht oder im Vorfeld von sich aus mit der fremden Person geschrieben hat.
  • Reagieren Sie nicht mit Massnahmen wie Handy-Entzug oder App-Verbot, auch wenn das Ihr erster Impuls sein mag, um ihr Kind zu schützen. So etwas wird von den Kindern oft als Strafe wahrgenommen und kann Schuldgefühle befördern.
  • Selbst dann, wenn sich das Ganze ereignet hat, weil Ihr Kind etwas gemacht hat, dass Sie verboten haben: Lassen Sie das für den Moment beiseite. Wichtiger ist, dass Ihr Kind merkt, dass es immer zu Ihnen kommen darf. Gibt es erstmals Schimpfis, ist das Risiko gross, dass Ihr Kind sich im Wiederholungsfall nicht mehr an Sie wendet.

6 Hilfe holen ist die Hauptsache!

Vielleicht hat Ihr Kind die Privatsphäre-Einstellungen deaktiviert, bevor es zum Vorfall gekommen ist. Oder es war heimlich am Gerät. Weil die Eltern für die Kinder die wichtigsten Personen sind, kommen Kinder in solchen Situationen manchmal nicht zu den Eltern, aus lauter Sorge, Mama und Papa zu enttäuschen. Wenn das Kind glaubt, «selbst schuld» zu sein, kann sich dieses Problem noch verstärken.

Ältere Kinder und insbesondere Teenager empfinden es häufig auch als unangenehm oder peinlich, mit den eigenen Eltern über sexuelle Themen zu sprechen. Oder sie befürchten, die eben erst aufgebaute «coole» Fassade könnte leiden. Das kann für Eltern schwierig sein.

Denken Sie daran: Das Wichtigste ist, dass Ihr Kind über die belastenden Gefühle sprechen kann – selbst wenn es das nicht mit Ihnen tut. Sprechen Sie mit Ihrem Kind darüber, wer bei Sorgen noch als Ansprechperson in Frage kommt: Ob Götti, Oma oder Schulsozialarbeit – Hauptsache, Ihr Kind holt sich Hilfe.

Für ältere Kinder und insbesondere Jugendliche kann eine Onlineberatung, bei der man dem Gegenüber nicht ins Gesicht sehen muss, entlastend sein. Lilli.ch und tschau.ch sind gute Anlaufstellen. Zeigen Sie Ihrem Kind diese Seiten und bookmarken Sie diese am besten, damit ihr Kind die Seiten im Notfall einfach wiederfindet.

Medienkompetenz mit dem Verein zischtig.ch

Der Verein zischtig.ch setzt sich dafür ein, Kinder und Jugendliche auf ansprechende, verständliche, berührende und wirksame Weise vor Onlinesucht, Cybermobbing, Cybergrooming und anderen Gefahren zu schützen. Im Vordergrund stehen ein begeisternder Vermittlungsstil und die Befähigung zu einer gewinnbringenden, kreativen und sicheren Mediennutzung. Auf Familienleben.ch schreibt Kim Gray vom Verein regelmässig über Themen rund um Medienkompetenz.

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