Facebook Pixel

Ist mein Kind handysüchtig?

Das Kind kommt aus der Schule, grüsst kurz, um dann stundenlang in seinem Zimmer und in der Smartphone-Welt zu versinken. «Ist mein Kind handysüchtig?», fragen sich Eltern. Woran man eine Handysucht erkennt und zu welchen Massnahmen Experten raten.

Das Handy als ständiger Begleiter: Eine junge Frau schaut unter der Dusche auf ihr Smartphone.

Das Handy als ständiger Begleiter: Wenn man selbst unter der Dusche noch aufs Smartphone schaut, ist dies laut Experten ein Indiz für eine Handysucht. (Bild: Antonio Guillem/iStock, Thinkstock)

Es scheint, als hätten Teenager fast immer ein Smartphone in der Hand – im Zug, im Café oder zu Hause. Tatsächlich verbringen sie viel Zeit mit Smartphone, Tablet & Co. «Schweizer Jugendliche sind durchschnittlich 25 Prozent länger online als noch vor zwei Jahren», lautet das Resultat der repräsentativen James-Studie, welche die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) Anfang November 2016 veröffentlichte. «Unter der Woche surfen die Jugendlichen gemäss eigenen Angaben täglich durchschnittlich zwei Stunden und 30 Minuten, am Wochenende drei Stunden und 40 Minuten.» Das Smartphone, das der Studie zufolge fast 99 Prozent der Jugendlichen besitzen, bietet die Möglichkeit, nahezu überall online zu sein.

Dass der ständige Zugang zum Internet auch Gefahren birgt, erklärt die Stiftung Sucht Schweiz. «Es kann sich eine Abhängigkeit entwickeln, und wie bei jeder anderen Abhängigkeit ist der Übergang von problemfreier Nutzung zu problematischer Nutzung und Abhängigkeit fliessend», warnt die Stiftung vor der Handysucht.

Handy hat nicht nur Schattenseiten

Die Krux am Smartphone: Die Geräte sind mittlerweile omnipräsent und bieten – Jugendlichen und Erwachsenen – viele Annehmlichkeiten, die das Leben erleichtern. Dadurch lassen sie sich nicht mehr aus dem Alltag wegdenken. Und sie eröffnen ganz neue Möglichkeiten; etwa in der Art, wie man sich kreativ ausleben kann, oder auch in Sachen Kommunikation.

So erstaunt es nicht, dass sich die meisten Jugendlichen heute mit Hilfe des Smartphones vor allem mit Freunden und Klassenkameraden austauschen. Sehr stark wird das Handy darüber hinaus genutzt, um Musik herunterzuladen und zu hören. Am häufigsten nutzen Jugendliche gemäss der James-Studie das Smartphone zur Kommunikation über Messenger-Apps, als Uhr und als Musikplayer.

Fünf Prozent der Jugendlichen von Handysucht betroffen

Doch gerade durch die vielfältigen Funktionen, die in den Geräten vereint sind, und die tollen Spielereien lauert auch die Gefahr einer Handysucht. «Fünf Prozent der Schweizer Jugendlichen zwischen 12 und 19 Jahren können als handysüchtig bezeichnet werden», erkannte die ZHAW schon 2012 in ihrer Studie «Handygebrauch der Schweizer Jugend – Zwischen engagierter Nutzung und Verhaltenssucht».

Jugendliche, denen es schwerfällt, auf andere zuzugehen und Freundschaften zu pflegen, seien besonders gefährdet, so die Studie. Statt im realen Leben nach Freunden zu suchen, begeben sie sich in virtuelle soziale Netzwerke, um ein Gefühl von Verbundenheit und Zugehörigkeit zu erleben. «Emotionale Probleme scheinen mit dem Spielen und im Internet leichter überwunden werden zu können», erklärt Jugend und Medien, die Nationale Plattform zur Förderung von Medienkompetenzen. Die Smartphone-Sucht packt oft auch Jugendliche mit tiefem Selbstwertgefühl. Sie lassen sich unter anderem durch Computer-Games an ihr Smartphone binden, die ihnen leicht schnelle Erfolgserlebnisse verschaffen.

So lässt sich Handysucht erkennen

Spätestens, wenn Kinder selbst in den Ferien am liebsten im Zimmer am Smartphone sitzen, ohne sich mit realen Freunden zu verabreden, sollten Eltern wachsam werden und an eine mögliche Handysucht denken.

Dennoch ist die Dauer, die ein Kind mit dem Smartphone verbringt, nicht ausschlaggebend für eine Handysucht. Viel wichtiger sei, ob eine Person trotzdem reale Freundschaften pflege, wirkliche Konflikte bewältige und im regen Austausch mit ihrer Umwelt stehe, sagte Franz Eidenbenz, Leiter des Zürcher Zentrums für Spielsucht, gegenüber der Sendung «Einstein» des Schweizer Fernsehens SRF. Ist dies der Fall, sei ein erhöhter Smartphone-Konsum nicht kritisch.

Anzeichen für eine Handysucht

  • Das Handy wird unentbehrlich
  • Der Nutzer verliert die Kontrolle über den Handygebrauch; das Smartphone zu zücken wird zur Routine
  • Handy wird auch in unangemessenen Situationen benutzt
  • Person hat immer weniger reale Kontakte und kommuniziert lieber über das Handy
  • Smartphone wird zur psychischen Stabilisierung genutzt, z.B. um sich aufzuheitern oder um Stress abzubauen

Längerfristige Folgen einer Smartphone-Sucht bei Jugendlichen

  • Abfallende Leistungen in der Schule
  • Sozialer Rückzug
  • Übermüdung als Folge von Schlafmangel
  • Vernachlässigen von Kontakten zu Gleichaltrigen
  • Fehlendes Interesse an anderen Freizeitaktivitäten

(Quelle: «Jugend und Medien», Nationale Plattform zur Förderung von Medienkompetenzen)

Wege aus der Handysucht

Dem Kind die Sorgen mitteilen

Nicht immer ist es leicht, mit dem Kind ins Gespräch zu kommen. Vor allem Teenager wehren sich oft gegen eine Bevormundung durch die Eltern. Marshall B. Rosenberg, amerikanischer Psychologe und Autor von zahlreichen Büchern zur gewaltfreien Kommunikation, empfiehlt für solche Situationen Gesprächseinstiege wie diesen: «Seitdem du heute aus der Schule nach Hause gekommen bist, hast du deine Zeit mit dem Handy verbracht. Das macht mir Sorgen. Ich möchte, dass du mehr Zeit findest für andere Dinge wie für Hobbys, Sport und Schule. Bitte lass uns zusammen überlegen, wann du das Handy abschalten kannst. …» So kann man laut Rosenberg vorwurfsfrei ins Gespräch kommen.

Gemeinsame Regeln finden

Wenn es darum geht, Regeln zur Handynutzung zu entwickeln, wirkt Zuhören Wunder. Ein Kompromiss ist gefunden? Kirsten Boie, Lehrerin und Schriftstellerin, rät in ihrem Buch «Was tun, wenn der Hamster den Löffel abgibt?», das sie zusammen mit den Erziehungsexperten Jesper Juul und Katharina Saalfrank geschrieben hat, zunächst einen Probelauf zu vereinbaren. Dieser Probelauf lässt sich dann – nach einer Woche zum Beispiel – besprechen. Sind Eltern und Kind zufrieden? Wo sind Nachbesserungen sinnvoll? 

Vorbild sein

Eltern, die selbst viel und gern das Handy und den Computer nutzen, werden ihr Kind kaum überzeugen können, anderen Freizeitbeschäftigungen nachzugehen. «Ihr Fernsehkonsum oder Ihre eigene Nutzung des Internets beeinflussen die Einstellungen und das Verhalten Ihres Kindes», verdeutlicht die Stiftung Sucht Schweiz das Problem. Vielleicht mag die Familie das Experiment «Handyfasten» gemeinsam wagen? Dazu lädt beispielsweise auch die Suchtpräventionsstelle Zürcher Oberland ein: «Stellt euch vor, eure Kinder und Jugendlichen verbringen ihre Freizeit ohne WhatsApp, Google, Serien, Games und Co. Die Kids werden staunen, wie viel Zeit plötzlich frei wird!» schreibt die Suchtpräventionsstelle zu ihrer Projektwoche «Flimmerpause».

Während im Kanton Luzern ein solches Projekt seit zehn Jahren durchgeführt wird, wagte die Suchtberatungsstelle Zürcher Oberland 2016 erstmals einen Versuch für der «Flimmerpause». Fünf Primarschulklassen, vier einzelne Schülerinnen, eine Sekundarklasse sowie ein Jugendhaus haben am Experiment teilgenommen. Während die Besucher des teilnehmenden Jugendhauses dem Projekt mehrheitlich fern blieben, äussern sich einige Jugendliche auf der Projektseite positiv: «Konnte gut schlafen. Es war seltsam ruhig. Meine Eltern haben gelesen», so ein Jugendlicher. Ein anderer zieht für sich das Fazit, dass er wieder mehr lesen werde. «Ich vergesse manchmal das Lesen», konstatiert er. Für das Projekt anmelden können sich Klassen, Familien, Freundesgruppen oder Jugendtreff-Gruppen.

Alternativen anbieten

Eltern sollten sich überlegen, welche Aktivitäten sie ihrem Kind vorschlagen könnten, um seine Freizeit zu füllen. «Unsere Aufgabe als Eltern besteht darin, mit unseren Jugendlichen hinsichtlich ihrer Interessen in allen Lebensbereichen im Gespräch zu bleiben – sowohl was Medien anbelangt als auch das Geschehen in Schule und Freizeit», empfiehlt der Erziehungsratgeber «Step – Leben mit Teenagern». Dabei sei entscheidend, ihnen Alternativen zur Mediennutzung anzubieten, so die Autoren. Dies können Freizeitangebote wie Sport, Kultur oder ein gesellschaftliches Engagement sein, die man gut auch gemeinsam als Familie planen kann. Wer gerne draussen ist, könnte zum Beispiel ein Baumhaus bauen, eine Geocaching-Tour machen oder einfach eine Runde Fussball spielen. Tipps für Aktivitäten mit jüngeren Kindern gibt es hier.

Wenn Sorgen bleiben

Manchmal bleiben Sorgen trotz aller Bemühungen, das Kind zu realen Freizeitbeschäftigungen zu motivieren. «Wenn Sie merken, dass Sie gemeinsam nicht weiterkommen, zögern Sie nicht, Unterstützung beizuziehen», rät die Stiftung Sucht Schweiz. Fachstellen für Suchtprobleme, Jugendberatungsstellen, Erziehungsberatungsstellen und Psychologen helfen weiter. «Sie können sich gemeinsam mit Ihrem Kind oder auch alleine Unterstützung holen.»

 

Das könnte Sie auch interessieren

Services & Newsletter