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Tabuthema Selbstbefriedigung: Wie Sie mit Ihrem Kind richtig darüber reden

Fast jeder tut es und keiner spricht darüber: Das Thema Selbstbefriedigung ist auch 2021 noch mit Scham behaftet. Dabei ist es eine ganz natürliche Sache, die auch noch einen grossen Einfluss auf unser Wohlbefinden hat. Da schon kleine Kinder ihren Körper erforschen, übernehmen Eltern eine wichtige Rolle in der Aufklärungsarbeit. Wie Sie Ihren Kindern einen gesunden Umgang mit dem eigenen Körper vermitteln.

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Von wegen Bienchen und Blümchen... Bei Themen wie Selbstbefriedung sollten Sie nicht um den heissen Brei herumreden. Bild: Adene Sanchez, Getty Images

Heutzutage redet man offen über Themen der Sexualität – könnte man meinen. Dem ist aber nicht so. Denn verschiedene Aspekte der Sexualität sind immer noch ein Tabuthema. So zum Beispiel die Selbstbefriedigung. Dabei zeigt eine Umfrage der Universität Bern, dass 99% der Befragten sich schon mindestens einmal selbst befriedigt haben. Und zwar unabhängig von Geschlecht, Alter und Beziehungsstatus.  

Selbstbefriedigung ist etwas Positives und trägt zu Wohlbefinden und einer erfüllten Sexualität bei, erklären die Experten von Sexuelle Gesundheit Schweiz. Mit der Sensibilisierungskampagne «Selbstbefriedigung – ist das normal?» will das Jugendnetzwerk der Organisation das Thema jetzt enttabuisieren. Denn schon Kleinkinder haben Spass daran, ihren Körper zu erforschen; es ist etwas ganz natürliches. Genau darum sei es wichtig, darüber zu sprechen – auch in der Familie. 

Aufklärung beginnt nach der Geburt

Gerade junge Menschen – und insbesondere junge Frauen – würden diesen Aspekt der Sexualität als sehr tabuisiert und schambehaftet wahrnehmen, sagen die Experten. Das Gefühl, etwas Unanständiges oder gar Verbotenes zu tun, plagt Teenager und hindert sie daran, sich über dieses Thema mit anderen auszutauschen. Eltern können einen wichtigen Beitrag leisten, damit ihre Kinder ein gutes Verhältnis zum Thema Selbstbefriedigung haben und sich nicht schämen, wenn sie ihren Körper entdecken.

Doch wie macht man das? Vittoria Burgunder, Kommunikationsverantwortliche des Jugendnetzwerks von Sexuelle Gesundheit Schweiz, hilft weiter: Unabhängig davon, ob es um das Thema Selbstbefriedigung oder einen anderen Teil der Sexualität geht: «Es gibt nicht das eine Gespräch.» Die Sexualaufklärung beginne nämlich bereits ab der Geburt: Da gehe es zunächst nicht um Sexualität im engeren Sinne, sondern um den wert­schätzenden Umgang mit dem Körper, erklärt Vittoria Burgunder. Dies sei eine wichtige Voraussetzung für die psychosexuelle Entwicklung. Ein Beispiel: Kleinkinder spielen gerne mit den eigenen Genitalien. Wenn Eltern dies posi­tiv kommentieren und zulassen, geben sie dem Kind zu spüren, dass dies etwas Schönes ist.

Eltern sind auch für Teenies wichtige Ansprechspersonen

Und wenn die Kinder älter sind? Sollen Eltern von sich aus das Gespräch über Selbstbefriedigung suchen? «Obwohl Jugendliche lieber mit Gleichaltrigen über Sexualität sprechen, sind Eltern wichtige Ansprechpersonen.» Es gehöre zur Erziehungsaufgabe der Eltern und erwachsenen Bezugspersonen, Kinder über Sexualität aufzuklären. Die Erwachsenen sollten sich auf Gespräche über Liebe, Beziehung und Sexualität mit ihren Kindern einlassen. Dies bedeutet Offenheit für unterschiedliche Themen zu zeigen, Fragen zu beantworten, Fragen zu stellen, Regeln auszuhandeln und auch Gren­zen zu respektieren.

Im Übrigen hätten nebst den Eltern auch die Schulen die Aufgabe, Kinder aufzuklären, so Burgunder. An vielen Schulen kommen schulexterne Sexualpädagoginnen- und -pädagogen in die Klasse. Diese sind geübt, mit Kindern über alle möglichen Themen rund um Sexualität zu sprechen. Gerade bei tabuisierten Themen wie Selbstbefriedigung ist dies hilfreich: «Vielen Schülerinnen und Schülern fällt es leichter, vermeintlich peinliche Fragen jemandem zu stellen, der ein einziges Mal in die Schule kommt, als mit einer Lehrperson oder den Eltern darüber zu reden.»

Über Sexualität zu reden kann man üben 

Trotzdem stellen gerade kleinere Kinder den Eltern oft viele Fragen zur Sexualität. Doch was ist, wenn es einem Elternteil oder gar beiden Eltern schwer fällt oder peinlich ist, über solche Themen zu reden und die Fragen zu beantworten, die das Kind stellt? «Kleine Kinder sind neugierig und wollen einfache Antworten. Eltern können mit ihnen üben, über Beziehung und Sexuali­tät zu sprechen.» So kann sich langsam eine Gesprächskultur innerhalb der Familie betreffend Themen der Sexualität entwickeln, in deren Rahmen Fragen gestellt und beantwortet werden können.

Eltern müssen auch nicht die perfekte Antwort auf jede Frage liefern oder alles wissen.

Wenn einer erwachsenen Person eine Frage zu peinlich oder unangenehm wird, könne sie dies auch als Grenze zu erkennen geben, rät Burgunder – und betont: «Eltern müssen auch nicht die perfekte Antwort auf jede Frage liefern oder alles wissen. Wenn sie wirklich Mühe mit dem Thema haben, können sie sich auch bei einer Fachperson Rat holen oder Bücher und Webseiten beiziehen.» 

Selbstbefriedigung ist wie Zähneputzen

Informationen und Hilfestellungen gibt es unter anderem auch bei Sexuelle Gesundheit Schweiz. Und vielleicht ist auch das Video der neusten Sensibilisierungskampagne ein guter Türöffner für ein Gespräch über Selbstbefriedigung. Das Video ist nämlich speziell auf junge Menschen ausgerichtet.  Es soll dafür sorgen, dass weniger Scham, Unsicherheit und psychischer Druck in Bezug auf Selbstbefriedigung existieren. Denn eigentlich ist Selbstbefriedigung so natürlich wie Zähneputzen... oder nicht? Fast alle tun es, es gehört zum Alltag dazu und es gibt unterschiedliche Techniken und Hilfsmittel. Nur sorgt Selbstbefriedigung für schönere Gefühle und mehr Spass als Zähneputzen.

Jugendnetzwerk Sexuelle Gesundheit Schweiz

Sexuelle Gesundheit Schweiz ist eine unabhängige Nonprofit-Organisation, die sich für die Förderung der sexuellen Gesundheit sowie der sexuellen Rechte einsetzt. Zudem ist sie die Dachorganisation der Beratungsstellen für sexuelle Gesundheit in Beratung und Bildung und der Fachverbände dieser Berufsgruppen. Das Jugendnetzwerk der Organisation besteht aus Jugendlichen und jungen Erwachsenen unter 25 Jahren, die sich für Themen im Bereich sexuelle Gesundheit und Rechte interessieren und engagieren. Durch das Jugendnetzwerk können sie ihre Meinungen und Ideen in die Dachorganisation einbringen.