Es geht auch ohne Füdlitätsch: für mehr Kinderschutz in der Schweiz

Eine Ohrfeige, ein Füdlitätsch: Wenn Eltern überfordert sind, rutscht manchen schnell die Hand aus. Während Gewalt zwischen Erwachsenen strafrechtlich geahndet wird, besteht bei Gewalt an Kindern eine Gesetzeslücke. Dies möchte die Stiftung Kinderschutz Schweiz ändern und gibt zum «No Hitting Day» am 30. April Tipps für eine gewaltfreie Erziehung.

Kinderschutz: Kind zusammengekauert am Boden

2004 ergab eine Untersuchung, dass rund jedes zweite Kind körperlich bestraft wird. Foto: monkeybusinessimages, iStock, Thinkstock

Mit dem «No Hitting Day», dem internationalen Tag der gewaltfreien Erziehung am 30. April, möchte die Stiftung Kinderschutz Schweiz Eltern darauf sensibilisieren, dass eine Ohrfeige nicht nur eine Bagatelle, sondern ein Schlag ins Gesicht der Entwicklung eines Kindes sein kann. Laut Umfrage des Instituts Isopublic von 2007 ist Gewalt in der Erziehung immer noch ziemlich verwurzelt: 68 Prozent der Eltern fanden einen Füdlitätsch oder eine Ohrfeige als Erziehungsmassnahme akzeptabel.

Stiftung Kinderschutz: «Längst nicht alle Kinder, die Gewalt erleben, werden als Erwachsene selber gewalttätig»

Natürlich ist Ohrfeige nicht gleich Ohrfeige, Füdlitätsch nicht gleich Füdlitätsch. Die Motive sind unterschiedlich: absichtlich oder ungewollt mit viel Reue nach der Tat. Doch die Ergebnisse unterscheiden sich nicht. Physische Verletzungen oder Traumata können Folgen sein. Der absichtlichen Tat kann nicht so einfach entgegengewirkt werden – vielfach sind die Eltern selbst gebrannte Kinder. «Erwachsene, die gewalttätig sind, haben meist als Kind selber Gewalt erlebt», räumt Jaqueline Fehr, Nationalrätin und Präsidentin der Stiftung Kinderschutz, im Interview mit den Obersee Nachrichten vom 24. April ein. Aber: «Längst nicht alle Kinder, die Gewalt erleben, werden als Erwachsene selber gewalttätig», so Fehr. Sie glaubt, einer der Gründe für die Gewalt an Kinder ist, dass Kinder das schwächste Glied der Gesellschaft sind und die Gewalt gegen sie häufig unentdeckt und ungeahndet bleibt. Gewalt aus dem Affekt lässt sich hingegen durch einfache Tricks kontrollieren.

Füdlitätsch adé : Tipps zum Schutz der eigenen Kinder

Auf Distanz gehen
Wenn Sie sich bewusst werden, dass Sie an Ihre Grenzen kommen und Ihr Kind gleich anschreien oder schlagen werden, hilft es auf zehn zu zählen und tief durchzuatmen. Wenn das nichts hilft, können entweder Sie sich räumlich distanzieren oder die Kinder – falls etwas älter – in einen anderen Raum geschickt werden. Begründen Sie dies und erklären Sie, dass der Beweggrund ihr Verhalten und nicht sie selbst sind.
 

Packen Sie sich einen «Notfallkoffer»
Packen Sie sich im übertragenen Sinn einen Koffer mit Möglichkeiten, die Sie sich vorher überlegt haben, wie Sie sich im Ernstfall verhalten könnten. Legen Sie z.B. einen Glücksmoment mit ihrem Kind dort rein. Und rufen Sie den ab, wenn Sie wütend werden.


Reflektieren Sie Ihr Verhältnis zum Kind
Nicht aus dem Affekt zu handeln, sondern reflektiert handeln heisst die Devise. Fragen Sie sich: Was ist mir wichtig? Wie sehe ich meine Kinder? Wo stehe ich mir selber im Weg? Wo bin ich in Verhaltensmustern gefangen, die ich aus der eigenen Kindheit mittrage?
 

Raum für sich selbst
Planen Sie im Alltag ein Zeitfenster für sich ein. Sei es ein Schaumbad oder eine halbe Stunde lesen. Schaffen Sie sich auch im wochen- oder monatstakt grössere Zeitfenster für Zeit mit Ihrem Partner oder Freunden.

 

Der Austausch mit anderen Eltern
Der Austausch mit anderen Eltern, Freunden oder in einem Elternkurs können helfen. Unterstützung finden Sie z.B. hier: beratung@kinderschutz.ch oder
www.starkeeltern-starkekinder.ch


Tipps zum Schutz fremder Kinder

Und wie sollen sich Personen verhalten, die nicht direkt betroffen sind, die beobachten, dass zum Beispiel ein Kind einen Füdlitätsch bekommt? Man mischt sich nicht gerne in andere Gelegenheiten ein, besonders wenn es um Erziehungsmethoden geht. Doch wenn der Bogen überspannt wird, empfiehlt die Stiftung Kinderschutz zwei Möglichkeiten:
- Ich spreche die Person direkt darauf an, zeige Verständnis und biete ihr Unterstützung an Alternativen zu suchen.
- Ich lasse mich von einer lokalen Fachstelle beraten, ob und wenn ja, wie ich vorgehen soll.

Kinderschutz: die eine Intention hinter dem «No Hitting Day»

Die Stiftung Kinderschutz Schweiz fordert ein explizites Verbot von körperlicher Züchtigung per Gesetz. Bis dato gibt es das in der Schweiz nämlich noch nicht.  2004 ergab eine Untersuchung, dass rund jedes zweite Kind körperlich bestraft wird. Die UNO-Kinderrechtskonvention gab der Schweiz dieses Jahr nun Empfehlungen ab, damit die Auflagen der Konvention erfüllt werden. Diese beinhaltet unter anderem das Verbot körperlicher Bestrafung von Kindern auf Gesetzesebene.

Momentan ist das in elf europäischen Ländern gesetzlich verankert. Unter anderem in Deutschland. Gemäss der Stiftung Kinderschutz hat dort seit der Einführung das Ausmass der Körperstrafen abgenommen. Doch Untersuchungen brachten indes zutage, dass neben der Abnahme der körperlichen Strafen, Formen wie verbale Gewalt zugenommen haben. «Wir dürfen also nicht nur 'Nein' sagen, sondern müssen auch Alternativen bieten. Eltern müssen Möglichkeiten erhalten, Alternativen zu lernen», so die Stiftung.

Deshalb fordert die Stiftung Kinderschutz Schweiz neben der Einhaltung der Konvention auch landesweite, vom Bund unterstützte Kampagnen gegen die Gewalt in der Erziehung sowie den Ausbau der Möglichkeiten für Eltern, gewaltfreie Erziehung zu lernen.

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