Kindern Grenzen setzen ohne zu strafen

Ständig schimpfen und strafen macht Eltern keinen Spass. Schliesslich wollen sie dem Kind zeigen, dass sie es lieben. Ohnehin gibt es weitaus effektivere Wege, dem Nachwuchs Grenzen zu setzen. Der Stuttgarter Familiencoach Kay Rurainski erklärt, wie es geht.

Grenzen setzen - nachvollziehbar fürs Kind

Grenzen setzen - aber nachvollziehbar fürs Kind. Foto: olesiabilkei, iStock, Thinkstock

Herr Rurainski, schon wieder springt das Kind auf dem Sofa herum, vergisst die Hausaufgaben oder lässt die Weintrauben auf einem Teller unter dem Bett verschimmeln. Eltern fürchten, zu oft als «böser Papi» oder «böses Mami»  da zu stehen, wenn sie ständig schimpfen und strafen.

Kay Rurainski: Mit Recht. Eltern, die schimpfen und strafen, belasten die Beziehung zum Kind. Negative Bewertungen und Strafen schwächen darüber hinaus den Selbstwert des Kindes. Sie sind schlichtweg überflüssig. Ein Kind, auf das Eltern Macht ausüben, flüchtet in Tagträume oder später Drogen, muss sich in Machtkämpfen mit den Eltern zermürben lassen oder passt sich an – auf Kosten seiner eigenen Persönlichkeit.

Können Eltern ihren Kindern Grenzen setzen, ohne sich selbst unbeliebt zu machen?

Nein, denn es tut weh, an Grenzen zu stossen. Aber Eltern können effektiver Grenzen setzen als auf herkömmlichen Wegen. Mit effektiv meine ich, dass das störende Verhalten der Kinder verändert wird, die Qualität der Beziehung erhalten bleibt und das Kind ermutigt wird, selbstständig Lösungen für Konflikte zu entwickeln.

Wie heisst diese effektive Methode?

Gesunde Kommunikation! Mit einer gesunden Kommunikation schaffen Eltern ein Klima der Kooperation in ihrer Familie - egal ob sie alleinerziehend mit einem Kind oder in einer Grossfamilie leben. Es gelingt ihnen, gemeinsam mit dem Kind Regeln zu entwickeln, an die es sich hält. Und da Eltern die besten Zuhörer für ihr Kind bleiben, kommt es zu ihnen, wenn es Probleme hat. Das ist besonders wichtig in der Pubertät.

Wie funktioniert diese gesunde Kommunikation?

Wer hat das Problem, das im Raum steht? Das ist zunächst die wichtigste Frage, die Eltern zu Beginn des Gesprächs für sich klären müssen. Ist das Kind zum Beispiel wütend auf den Lehrer, weil er viele Hausaufgaben aufgeben hat, liegt das Problem beim Kind. Dann schalten die Eltern auf «Empfang» und hören aktiv zu. Sind dagegen die Eltern besorgt, weil das Kind die Hausaufgaben nicht zügig erledigt oder wollen einem Computerspiel Grenzen setzen, haben die Eltern das Problem. Nun müssen sie «Ich-Botschaften» senden.

Nehmen wir an, Vater und Kind haben vereinbart, dass das Zeitfenster für gemeinsames Lesen um 20 Uhr endet. Nun hat das Kind aber immer wieder das Zähneputzen hinausgeschoben, sodass keine Zeit mehr für eine längere Geschichte bleibt. Es schreit den Vater an: «Das finde ich voll gemein, dass du mir nicht länger vorliest!» Wie kann der Vater sinnvoll reagieren?

Das Kind ist enttäuscht, das Problem liegt daher bei ihm. Der Vater kann jetzt also «aktiv zuhören», indem er die Gefühle des Kindes widerspiegelt: «Dass die Geschichte ausfällt, regt dich voll auf.» So vergewissert sich der Vater, ob er das Kind richtig verstanden hat. Oft tritt nach diesem Schritt eine Verschlimmerung ein. «Nie liest du mir lange vor», brüllt das Kind vielleicht. Weiter wird die Emotion gespiegelt: «Du bist enttäuscht, weil …» Allmählich dringt das Kind in die tiefer liegenden Gründe seiner Enttäuschung. «Dem Julian liest du viel mehr vor als mir. Den hast du viel lieber als mich.» - «Ups, du fühlst dich benachteiligt gegenüber Julian» - «Ja genau, ich wünschte, du würdest mal nur etwas mit mir machen!» - «Ah, verstehe, das fehlt dir …» - «Jaaaa. Aber jetzt lass uns nicht lange reden, sonst kannst du mir gar nichts mehr vorlesen.» So sind grundlegende Probleme zur Sprache gekommen. Das Kind ist deutlich entlastet.

Heisst «aktiv zuzuhören», das Problem beim Kind zu lassen?

Ja genau. «Aktives Zuhören» ist sehr gut geeignet, dem Kind Wut zu lassen und es bei seiner Problemlösung zu unterstützen, ohne sich in seine Probleme zu verstricken. Es ist eine effektive Methode, ihm zu helfen, wenn es sich enttäuscht, frustriert oder verlassen fühlt, ob durch die Eltern oder durch andere Menschen. Oft findet das Kind dabei selbst eine Lösung für sein Problem. Ist das nicht der Fall, können Eltern das Kind anregen, eine Lösung zu suchen, mit der Frage: «Und, was könntest du da tun?»

Was aber, wenn die Eltern sauer sind und sich über das Verhalten des Kindes ärgern? Zum Beispiel, weil es gekocht, aber die Küche nicht aufgeräumt hat und dabei sogar noch mit einem Messer die Pfanne zerkratzt hat?

Sätze wie «Das sieht hier ja wieder furchtbar aus! Nie machst du die Küche nach dem Kochen sauber! Warum musst du immer so chaotisch sein?», sind wenig hilfreich und belasten die Beziehung. Ganz anders hört sich diese Formulierung an: «Du hast nach dem Kochen die Küche nicht aufgeräumt und du hast die Pfanne beschädigt. Das Aufräumen nimmt mir Zeit, und die neue Pfanne kostet mich 40 Franken. Das frustriert und ärgert mich.»

Das klingt besser. Wie sind Sie zu dieser Formulierung gekommen?

Der erste Satz beschreibt wertfrei das Geschehen, das Anlass der Unterhaltung ist. Der zweite Satz zeigt dem Kind, welchen Schaden Mutter oder Vater davon haben. Entweder bietet das Kind gleich eine Lösung an oder es geht auf Widerstand, wobei alles Widerstand ist, was sich nicht nach einer Lösung anhört.

Stellt sich das Kind jetzt quer, hat die Ich-Botschaft nicht weiter geholfen, oder?

Oh doch! Denn nun liegt das Problem nicht mehr bei der Mutter, sondern beim Kind. «Ich habe doch jetzt gar keine Zeit mehr, die Küche aufzuräumen, meine Freundin wartet auf mich.» Es gilt, wieder auf aktives Zuhören umzuschalten. Im Pendeln zwischen effektivem Senden mit Ich-Botschaften und exzellentem Empfangen mit aktivem Zuhören liegt der Weg zum Erfolg. So schaffen sich Eltern eine liebevolle Hartnäckigkeit, die jegliche Bestrafung überflüssig macht. Denn Kinder wollen es richtig machen, wenn sie nur die richtigen Informationen bekommen und sich auch verstanden fühlen.

Viele getrennt lebende Mütter und Väter haben Sorge, dass sie in die Rolle der «bösen Mama» und «des gemeinen Vaters» fallen, weil der andere Elternteil das Kind verwöhnt, sie selbst aber strenger sind. Sind diese Sorgen berechtigt?

Auch in solchen Fällen helfen «Aktives Zuhören» und «Ich-Botschaften» weiter. «Immer muss ich so früh ins Bett. Bei Mama darf ich viel länger aufbleiben», mault das Kind seinen Vater an. «Das fuchst dich, dass du jetzt schlafen sollst», spiegelt der Vater die Emotion des Kindes. «Ja, ich will nur noch bei Mama sein.» - «Ich merke, sie fehlt dir, hm …» - «Jaaaa … ausserdem ist es bei dir immer so dunkel, da krieg ich Angst (tieferliegende Gründe)» - «Ah, verstehe, die Dunkelheit ist es.» «Ja. Wenn du wenigstens die Tür etwas auflassen könntest (mögliche Lösung)» - «Das würde dir helfen?» - «Ja - und einmal in den Arm nehmen. Dich hab ich nämlich auch lieb.» - «Ich dich auch, mein kleiner Held!»

Sie haben bisher beschrieben, wie Eltern sinnvoll zuhören und eigene Gefühle formulieren. Auf welche Weise können Eltern «Nein» sagen?

«Nein, ich möchte nicht, dass du unter der Woche länger aufbleibst, weil es für mich Morgen so stressig ist, dich aus dem Bett zu bekommen. Zudem befürchte ich, dass du dann müde in der Schule sitzt und nicht aufmerksam genug sein kannst.» Der Aufbau einer solchen «verneinenden Ich-Botschaft» ist einfach. Zuerst kommt ein klares, deutliches «Nein». Dann folgt der Grund. Durch die Angabe des Grundes kann das Kind den Vater besser verstehen und ist daher eher bereit zu kooperieren.

Allerdings könnte es sein, dass es trotzdem unglücklich über das Verbot ist und trotzig reagiert, sich auf den Boden wirft und schreit: «Nie darf ich was!»

Nun liegt das Problem wieder beim Kind und es gilt wieder, aktiv zuzuhören: «Puh, jetzt bist du richtig sauer, was?!» - «Ja, nie darf ich was!» - «Fühlst dich benachteiligt, hm» - «Ja.» - «Ich bin trotzdem nicht damit einverstanden damit, dass du unter der Woche länger im Bett bist, weil … » - «Ok, aber am Freitag dann.»

Wo und wie lässt sich diese Art der Kommunikation erlernen?

Es gibt eine Menge Literatur zu diesem Thema. «Die Familienkonferenz» von Thomas Gordon und «Gewaltfreie Kommunikation» von Marshall Rosenberg gehören zu den Klassikern. Zudem vermitteln viele Trainer vor Ort in Elternkursen diese Fertigkeiten, die ja nicht nur in der Erziehung, sondern anerkanntermassen in den meisten kommunikativ herausfordernden Beziehungen hilfreich sind. Ich selber habe das Eltern-Onlinetraining entwickelt. Damit können Eltern die Fertigkeiten bequem und von zu Hause aus trainieren. Und zwar so oft, bis sie sie auch in stressigen Situationen beherrschen.

Wie viel Zeit kostet das Erlernen dieser Sprache?

Ein Leben lang, würde ich sagen. Erste Erfolge stellen sich sofort ein, wenn Eltern zum Beispiel das aktive Zuhören anwenden. Aber um konsequent auf diese Weise zu kommunizieren, braucht es einige Zeit. Schliesslich ist gesunde Kommunikation eine neue Sprache in der Erziehung. Doch was für Eltern noch wie eine Fremdsprache ist, ist für das Kind irgendwann Muttersprache - mit vielen Vorteilen für die Eltern.

Zur Person

Familiencoach Kay Rurainski

Foto: Kay Rurainski

Kay Rurainski unterstützt in Stuttgart seit 1991 Eltern in der Erziehung und fördert Kinder und Jugendliche in ihrer gesunden Entwicklung. In Trainings, Vorträgen und seinem selbst entwickelten Eltern-Onlinetraining vermittelt er die Fertigkeiten der gesunden Kommunikation. «Ich freue mich, wenn ich sehe, wie die Eltern-Kind-Beziehung wieder liebevoller wird - und Eltern trotzdem für ihre Werte, Grenzen und Bedürfnisse einstehen», erzählt er von sich selbst. «Und ich bin immer wieder überrascht, wie angemessen und klug die Lösungen sind, die Kinder entwickeln, wenn sie nur die richtigen Informationen bekommen.»

 

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