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Gute Väter: Ohne Papa läuft es nicht!

Meist sind es die Mütter, die ihren Einsatz im Beruf reduzieren, um im Alltag für die Kinder da zu sein. Väter verbringen in der Regel weit weniger Zeit mit dem Nachwuchs. Dennoch: Ohne Papa läuft es nicht! Was Väter tun können, um sich und der Familie gerecht zu werden, weiss Andrea Micus, Autorin des Buches «Starke Väter».

Einen so tollen Vater geben die Kinder nicht so schnell her.

Väter sollen heutzutage Alles-Könner sein. Bild: Fuse-Thinkstock

Was heute unter «moderner Vaterrolle» wirklich verstanden wird

Seit dem ursprünglichen Interview hat sich die Diskussion rund um Vatersein spürbar weiterentwickelt: Weg von der Idee, dass du als Vater «alles können» musst, hin zu einer Haltung, die im Familienalltag vor allem eines zählt: Verlässlichkeit. Kinder profitieren am stärksten, wenn sie mehrere stabile Bindungs- und Bezugspersonen erleben – und wenn du als Vater emotional präsent bist, Verantwortung übernimmst und Beziehungen aktiv gestaltest. Das entspricht auch dem heutigen Verständnis von kindlicher Entwicklung und Bindung, wie es in der deutschsprachigen Fachwelt vermittelt wird.

Vom «Alles-Könner» zum verlässlichen Co-Elternteil 

Viele Väter erleben bis heute Druck: im Beruf leisten, zuhause präsent sein, «richtig» erziehen und am besten noch partnerschaftlich alles perfekt lösen. Hilfreicher als Perfektion ist ein realistischer Perspektivenwechsel: Du bist nicht «Helfer», sondern Co-Elternteil. Das bedeutet Ownership: Du übernimmst ganze Verantwortungsbereiche – inklusive Planen, Entscheiden, Dranbleiben und Nachbearbeiten. Nicht nur «Windeln wechseln», sondern auch: passende Windeln besorgen, Grössen checken, Vorrat im Blick behalten. Nicht nur «mitkommen zum Arzttermin», sondern: Termin vereinbaren, Fragen notieren, Unterlagen mitnehmen, Nachsorge organisieren.

Diese Form von Verantwortung entlastet nicht nur deine Partnerin, sondern reduziert auch Konflikte – weil weniger «unsichtbare Arbeit» hängen bleibt. Und sie stärkt deine Beziehung zum Kind: Kinder erleben dich als konstant zuständig, nicht als jemanden, der «mithilft, wenn es passt».

Sichtbarkeit im Alltag: Kita, Schule, Arzttermine

«Da sein» zeigt sich besonders in den Routineorten von Kindern: Kita, Schule, Freizeit, medizinische Betreuung. Wenn du diese Räume mitträgst, bist du für dein Kind nicht nur Spiel- oder Weekend-Papa, sondern Alltags-Papa. Praktisch heisst das zum Beispiel:

  • Kita/Schule: Du kennst Bezugspersonen, Gruppenname, Abmachungen, Termine und bist auch mal die erste Ansprechperson.
  • Gesundheit: Du weisst über Impfstatus, Allergien, Medikation und anstehende Kontrollen Bescheid und kannst Termine selbstständig übernehmen.
  • Emotionale Nähe: Du schaffst kleine fixe Rituale (z.B. abends 10 Minuten nur du und das Kind; am Morgen ein kurzer Check-in: «Was steht heute an, worauf freust du dich, was stresst dich?»).

Wenn Zeit knapp ist, zählt Qualität – aber nicht als «Event», sondern als echte Zuwendung ohne Ablenkung. Das deckt sich mit dem, was Fachstellen zur gesunden kindlichen Entwicklung betonen: Kinder brauchen verlässliche Beziehungserfahrungen und feinfühlige Reaktionen auf Signale – nicht dauernd Entertainment.

Mental Load & Paar-Organisation

Viele Paare geraten nicht wegen fehlender Liebe unter Druck, sondern wegen Organisation: Wer denkt an Wechselkleider, Elternabend, Geburtstagsgeschenk, Impfauffrischung, Zahnarzt, Sportanmeldung, Znüni, WhatsApp-Klassenchat? Diese «Planungs- und Koordinationsarbeit im Kopf» wird oft Mental Load genannt. Wenn du merkst, dass zuhause häufig Streit über Kleinigkeiten entsteht, lohnt sich ein Blick darunter: Oft geht es um Zuständigkeiten, Erwartungsmanagement und das Gefühl, allein verantwortlich zu sein.

3 Modelle zur fairen Aufteilung 

  1. Aufgabenbereiche mit Ownership: Jede:r übernimmt komplette Bereiche (z.B. «Gesundheit/Arzt», «Kita/Schule», «Einkauf/Ernährung», «Kleidung/Material», «Freizeit/Termine»). Wichtig: wirklich komplett – inklusive Planen und Nachhalten.
  2. Rotationsplan (monatlich oder quartalsweise): Ihr wechselt Bereiche regelmässig. Vorteil: Beide bleiben kompetent, niemand wird dauerhaft «Expert:in» für alles, und Wissensmonopole lösen sich.
  3. Wöchentlicher Check-in (15–20 Minuten): Fixer Termin (z.B. Sonntagabend): Was steht an? Was war anstrengend? Wer übernimmt was? Was braucht jede:r für Entlastung? Dieser kurze Rhythmus verhindert, dass sich Frust über Wochen aufstaut.

Wichtig: Fair heisst nicht zwingend 50/50 in jeder Woche, sondern transparent, abgesprochen und für beide stimmig – inklusive Erholungszeit.

Maternal Gatekeeping – wie Paare aus der Falle kommen

Manchmal wollen Väter mehr übernehmen, und gleichzeitig bleibt die Kontrolle bei der Mutter: «Ich mache es schnell selbst», «So ist es aber richtig», «Du hast es falsch eingepackt». In der Fachliteratur wird das als «maternal gatekeeping» beschrieben. Das passiert oft nicht aus Bosheit, sondern aus Stress, Verantwortungsdruck oder weil gesellschaftlich immer noch hohe Erwartungen an Mütter hängen.

So kommt ihr aus der Falle:

  • Standards klären: Was ist wirklich sicherheitsrelevant (z.B. Medikamente, Schlafumgebung bei Babys) – und wo darf es «anders, aber ok» sein (z.B. Outfit-Kombi, Znüni-Auswahl, Weg zur Kita)?
  • Fehler zulassen, ohne abzuwerten: Kompetenz entsteht durch Übung. Wenn du Verantwortung übernimmst, brauchst du auch den Raum, Routinen zu entwickeln.
  • Rollen aktiv neu verhandeln: Sprecht offen darüber, was Kontrolle geben soll: Entlastung, mehr Paarzeit, weniger Streit, mehr Vater-Kind-Bindung.

Schweizer Realitäten in Zahlen

In der Schweiz ist die Aufteilung von Erwerbs- und Care-Arbeit weiterhin oft ungleich. Das zeigt sich in Statistiken zur unbezahlten Arbeit und in der Tatsache, dass viele Mütter ihr Pensum reduzieren oder Erwerbsarbeit unterbrechen, während Väter häufiger Vollzeit arbeiten. Der sogenannte Care-Gap (Unterschied in unbezahlter Betreuungs- und Hausarbeit) bleibt damit für viele Familien eine reale Herausforderung – und wirkt sich auf Stress, Zufriedenheit und finanzielle Perspektiven aus.

 

3 Takeaways 

  • Verlässlichkeit schlägt Perfektion: Kinder brauchen dich emotional präsent und zuständig – nicht als Superheld.
  • Ownership statt Helfen: Übernimm ganze Bereiche inklusive Planung, Kommunikation und Nachbereitung.
  • Weniger Streit durch Struktur: Ein Wochen-Check-in von 15–20 Minuten macht Mental Load sichtbar und verhandelbar.

 

Checkliste: «Familien-Board»

So nutzt du das Board: Nimm ein Blatt (oder ein Whiteboard) und erstellt gemeinsam drei Spalten: «Fix», «Diese Woche», «Offen». Tragt dann ein:

  • Fix: wiederkehrende Aufgaben (Wäsche, Znüni, Badetag, Elternchat, Sporttasche, Schlafenszeitritual)
  • Diese Woche: Termine (Kita, Schule, Arzt, Elternabend, Geburtstag, Einkauf, Rechnungen)
  • Offen: Dinge, die im Kopf kreisen (Kleidergrösse prüfen, Impfkarte suchen, neue Turnschuhe, Gespräch mit Lehrer:in)

Ownership-Regel: Jede Aufgabe bekommt einen Namen. Wer draufsteht, macht Planung + Durchführung + Nachbereitung. So wird aus «Kannst du schnell…?» ein klares Zuständigkeitsgefühl.

Interview: Frau Micus, was wird von modernen Vätern heute verlangt?

Familienleben: Frau Micus, heute wird von Vätern mehr verlangt, als nur Ernährer der Familie zu sein. Was genau wird erwartet?

Andrea Micus: Den modernen Vätern wird nichts geschenkt. Sie sind bei der Schwangerschaftsgymnastik dabei und im Kreisssaal. Sie besuchen wie selbstverständlich Krabbelstuben und kennen die Namen aller Kinder aus den Marienkäfer- oder Sonnenblumen-Gruppen. Die Gesellschaft erwartet, dass sie in der Grundschule Schaukeln aufbauen und mithelfen, den Pausenhof zu asphaltieren. Die Kinder erwarten, dass sie twittern und einen Facebook-Account haben und beim Frühstück die MTV-Hitliste rauf und runter sagen können.

Das klingt nach einem Allround-Talent.

Ja, Väter von heute sollen Alles-Könner sein. Sie müssen klar erziehen und alle wesentlichen Werte vermitteln, mit den Kindern nach Herzenslust herumtollen, ihnen Wärme und Geborgenheit geben, immer zur Stelle sein, «wenn der Schuh drückt», die Mutter vertreten und die heile Kinderwelt finanziell absichern.

Puh, das klingt anstrengend!

Das ist es auch. Natürlich ist es unmöglich, alle genannten Anforderungen zu erfüllen. Aber die meisten Väter stellen sich dennoch den immer grösser werdenden Herausforderungen. Sie wollen alles schaffen, was man von ihnen verlangt, um wirklich rundherum gute Väter zu sein.

Väter sind also hohem Druck ausgesetzt.

Ja, aber sie sind auch nur Menschen mit Fehlern, Schwächen und Unzulänglichkeiten. Deshalb sollten sie die eigene Messlatte nicht zu hoch hängen und sich nicht unnötig mit Selbstzweifeln quälen.

Wie können Väter Stress reduzieren?

Väter dürfen den Wunsch, perfekt zu sein, ruhig vergessen. Denn Kinder brauchen keine perfekten Väter. Sie brauchen starke Väter!

Was sind starke Väter?

Starke Väter sind Väter, an die sich Kinder anlehnen, denen sie vertrauen und bereitwillig durchs Leben folgen können! Sie sind so stark, dass sie sich trauen, auch schwach zu sein. Sie spielen nicht die Heldenrolle, sondern zeigen Emotionen. Sie sind menschlich. Sie verbringen keine Wunderwerke, aber sie sind da – gleichgültig, ob sie Vollzeit- oder Wochenend-Papa sind. Sie lassen sich auf ihre Kinder ein und überstülpen sie nicht mit festgelegten Meinungen. Starke Väter sind mit ihren Kindern im Gespräch.

Kann jeder Papa ein starker Vater werden?

Nicht jeder Mensch ist gleich empathisch. Aber diese Fähigkeit lässt sich trainieren. Ein erster Schritt ist, die Kinder genau zu beobachten, auf Gestik und Mimik zu achten und dann nachzufragen: «Hast du dich bei dem Telefonat über deine Freundin geärgert?», «Warst du heute Abend wütend auf den Fussballtrainer?» So können Väter ihre Einschätzung überprüfen. Ganz wichtig ist auch, hin und wieder in die Rolle des Kindes zu schlüpfen.

Haben Sie ein Beispiel dafür, wie sich die Perspektive wechseln lässt?

Der Sohn sitzt am Sonntagmorgen sichtbar genervt am Frühstückstisch und lässt sich jeden Satz aus der Nase ziehen. Statt ihn zu ermahnen, lässt man ihn in Ruhe. Aufschlussreich ist es, sich nach dem Frühstück in einen Sessel zu setzen, die Augen zu schliessen und sich vorzustellen, wie der Samstag mit seinen Freunden abgelaufen sein könnte. Vermutlich wird schnell deutlich, warum der Sohn so gereizt ist. Wenn man dann zu ihm geht und offen fragt, warum er sich schlecht fühlt, bekommt wahrscheinlich eine Antwort, die beide weiterbringt.

Viele Väter haben wenig Zeit …

Umso wichtiger ist es, die Zeit richtig zu nutzen! Im Schnitt verbringen Väter täglich gerade mal 60 Minuten mit ihren Kindern. Die andere Zeit des Tages wird mit Arbeit und Alltagserledigungen ausgefüllt. Es ist also eine wertvolle Stunde, die aber nur dann dem Vater-Kind-Verhältnis dient, wenn nicht ständig das Telefon klingelt und keine E-Mails beantwortet werden. Multi-Tasking haben Kinder nicht verdient.

Was raten Sie Vätern?

Wichtig ist zu lernen, aktiv zuzuhören. Das heisst im Wesentlichen: Wirklich zuhören, nicht unterbrechen, sich mit eigener Meinung zurückhalten, Aufmerksamkeit zeigen, das Gehörte zwischendurch mit eigenen Worten wiederholen. Wer darüber hinaus seinen Kindern zeigt, dass er sie wertschätzt und in Konflikten die Zuversicht ausstrahlt, dass sich gemeinsam eine Lösung finden lässt, hat bereits viel dafür getan, ein guter Vater zu sein

Zur Person:

Andrea Micus weiss was einen guten Vater ausmacht.Andrea Micus, freiberufliche Journalistin und Buchautorin, hat sich die Themenschwerpunkte‚ Erziehung und Familie‘ sowie ‚Familie und Partnerschaft‘ spezialisiert. Beraten von dem Kinderpsychologen Uwe Bohlmann schrieb sie den Ratgeber «Starke Väter – starke Kinder. Was Kinder von ihren Papas brauchen.» 

 

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