Kindererziehung: «Erfahrung und Wissen gehören untrennbar zusammen»

Wie erziehe ich meine Kinder richtig? Kann ich bei der Kindererziehung intuitiv vorgehen oder muss ich Ratgeber lesen? Fragen wie diese stellen sich Eltern, sobald sie merken, dass ihr Baby seinen eigenen Willen entwickelt. Annette Cina, Oberassistentin am Institut für Familienforschung und –beratung und wissenschaftlicher Leiterin des Zentrums für Psychotherapie an der Universität Fribourg, erklärt im Interview mit Familienleben, worauf es beim Erziehen ankommt.

Bei der Erziehung sind Wissen und Erfahrung wichtig

Was müssen Eltern bei der Erziehung beachten? Foto: iStockphoto, Thinkstock

Bei der Erziehung des ersten Kindes sind sich Eltern oft unsicher und wissen nicht, wie sie sich anstellen sollen. Können sie sich auf ihr Bauchgefühl verlassen?

Annette Cina: Erziehung ist eine Kombination aus Erfahrungen und Ideen. Diese hat man als Tochter oder Sohn selbst einmal gesammelt oder bei Bekannten und Freunden abgeschaut. Wenn etwas gut funktioniert, macht man es beim nächsten Mal wieder so, wenn nicht, überlegt man sich etwas anderes.

Dann wird Erziehung mit wachsender Erfahrung leichter?

Eindeutig. Schon beim zweiten Kind sind Eltern gelassener, weil sie wissen, dass sie nicht alles kontrollieren können. Manchmal sollten Eltern ihre Kinder einfach mal entdecken und erfahren lassen ohne alles planen zu wollen.

Ganz ohne Grenzen?

Mit überlegten Grenzen! Eltern sollten sich Gedanken darüber machen, was ein Kind braucht und wie es ein Gefühl von Selbstständigkeit entwickeln kann, ohne gefährdet zu sein. Wenn ein Kind sich in Gefahr bringt, muss es auf die Anweisungen der Eltern reagieren. Die Eltern müssen also Grenzen setzen und dem Kind so zeigen, dass etwas nicht geht. Gleichzeitig sollten Kinder so früh und so oft wie möglich spüren, dass sie geliebt werden.

Wann fängt Erziehung an?

Sobald ein Kind beginnt, seinen eigenen Willen zu entwickeln, Sachen ausprobiert und Grenzen ausloten will. Ab diesem Zeitpunkt ist von Eltern auch einmal ein klares Nein oder ein entsprechender Gesichtsausdruck gefragt, den Kinder bereits im Alter von neun bis zehn Monaten deuten können. In der ersten Zeit nach der Geburt steht jedoch die Pflege im Vordergrund. Gezielte Erziehung ist meist erst nach eineinhalb bis zwei Jahren nötig.

Wie begleiten Eltern ihre Kinder in den verschiedenen Entwicklungsstadien?

Ein Kleinkind begibt sich auf Entdeckungsreisen und merkt, dass es etwas bewirken kann. Im Schulalter werden soziale Kontakte und der Bezug zu Mitmenschen wichtig. Wie können sich Kinder einfügen? Wie werden Freundschaften geschlossen? Schutz und Begleitung sind in diesen Phasen besonders wichtig, da es für Kinder schwierig ist, grössere Entscheidungen selbstständig zu treffen.

Im Teenageralter nimmt die Selbstständigkeit der Kinder zu.

Bei Jugendlichen ist es eine grosse Herausforderung für Eltern, eine Balance zwischen einer guten Beziehung und sinnvollen Grenzen zu finden. Das Setzen von Grenzen läuft nun mehrheitlich über Verhandlungen; der Teenager sollte mitdenken, damit eine Diskussion entstehen kann. Eltern sollten ihre Regeln immer gut begründen können und auch bereit zu Kompromissen sein. Zum Beispiel darf der Sohn ruhig einmal bis nach Mitternacht wegbleiben, solange die Eltern wissen, wo und mit wem er unterwegs ist.

Wann machen Eltern Fehler bei der Erziehung?

Grobe Fehler sind Kindsmisshandlung und Vernachlässigung. Kinder sollten keine Angst vor ihren Eltern haben müssen und auch nicht das Gefühl vermittelt bekommen, dass ihre Eltern sich nicht für sie interessieren.

Dürfen sich die Grosseltern oder Bekannte in solchen Situationen einmischen?

Bei Gewalt oder Vernachlässigung auf jeden Fall! Ansonsten: Anmerkungen und Kritik dürfen Aussenstehende anmerken, ob diese aber umgesetzt werden, liegt jedoch bei den Eltern. Es gibt jedoch Fälle, in denen Eltern unbedingt Hilfe von aussen hinzuziehen sollten.

Zum Beispiel?

Wenn sie nur noch gestresst sind und das Familienleben nicht mehr nach Wunsch gestaltet werden kann. Gewalt ist häufig ein Zeichen von Überforderung. In solchen Fällen kann ein Erziehungskurs oder Coaching helfen.

Werden Erziehungskurse genutzt?

Das Angebot ist momentan noch viel grösser als die Nachfrage. Meist ist ein Zeit- oder Geldproblem schuld daran. Viele Eltern schämen sich jedoch auch dafür, Hilfe von aussen holen müssen.

Kann es zu spät für einen Kurs sein?

Nein, das ist es nie. Erziehung ist ein langer Prozess.

Was ist denn nun wichtiger: Wissen oder Erfahrung?

Wissen und Erfahrung gehören untrennbar zusammen. Wissen aus der Entwicklungspsychologie kann sehr hilfreich sein: Was will man mit der Erziehung erreichen? Was darf man von einem Kind in einem gewissen Alter erwarten? Wenn man bei einem zweijährigen Kind voraussetzt, dass es stundenlang ruhig in einem Restaurant sitzt, sind die eigenen unrealistischen Erwartungen schuld, wenn der Abend nicht wie geplant verläuft.

Welches ist das beste Erziehungsmodell?

Viele Studien zeigen deutlich, dass der autoritative Erziehungsstil am besten funktioniert. Dabei werden Zuwendung, Liebe, Wertschätzung, Ermutigung, aber auch Forderung und Grenzsetzung kombiniert. Es gibt ein hohes Mass an Lenkung, aber auch ein grosses Mass an Wertschätzung für das Kind.

Dr. phil. Annette Cina ist Oberassistentin am Institut für Familienforschung und –beratung und wissenschaftlicher Leiterin des Zentrums für Psychotheaphie uan der Universität Freiburg. Kürzlich entwickelte sie das Training «Unterrichtsstörungen sicher begegnet», welches Lehrpersonen im Umgang mit schwierigem Schülerverhalten trainiert.

 

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