Mädchen in Rosa, Buben in Blau: Klischess in der Erziehung

Mädchen wollen Prinzessin sein, Jungen lieber Fussballer. Sind die Unterschiede zwischen den Geschlechtern angeboren oder anerzogen? Diese Frage diskutieren Eltern immer wieder. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass Kultur und Erziehung die Verhaltensweisen prägen.

Das geschlechtertypische Verhalten unserer Kinder ist anerzogen.

Die Erziehung beeinflusst das geschlechterspezifische Verhalten kleiner Mädchen und Jungen. Foto: Stockbyte, Thinkstock

«Auto! Auto, Auto!», rufen viele Jungen begeistert immer wieder, sobald sie Worte bilden können. Mädchen interessieren sich dagegen eher für ihr Kuscheltier. Während Jungen Schmerz und Frust oft wütend herausschreien, lassen Mädchen ihren Tränen freien Lauf. Jungen träumen von der Fussball-Karriere, Mädchen tanzen lieber Ballett. Eltern können von vielen solchen Unterschiede zwischen den Geschlechtern berichten.

Woher kommen sie nur? Sind sie angeboren oder doch anerzogen? Die Wissenschaft weiss heute: Angeboren sind nur wenige Eigenschaften, Verhaltensweise und Fähigkeiten, die für Geschlechter typisch sind. «Es gibt kleine Unterschiede im emotionalen und sozialen Bereich», sagte der Hirnforscher Lutz Jäncke, Professor für Neuropsychologie an der Universität Zürich, in einem Interview mit der Weltwoche. «Männer haben eine Tendenz, sich etwas weniger mit emotionalen Aspekten auseinanderzusetzen als Frauen», nennt er als Beispiel.

«Innerhalb der Geschlechter gibt es weit grössere Unterschiede als zwischen den Geschlechtern», resümiert der Biopsychologe Markus Hausmann, der an der Universität Bochum Forschungen zu den beiden Geschlechtern betreibt.

Tradition, Kultur und Erziehung prägen Geschlechter

Noch vor 70 Jahren war ganz klar, wie Jungen und Mädchen zu sein hatten: Hübsch, brav, still, sich um Puppen und Geschwister kümmernd – das war der Inbegriff eines gelungenen Mädchens. Stark, sportlich, technisch interessiert – so wünschte man sich einen Jungen. Trotz aller Emanzipation wirken auch heute noch diese Vorstellungen nach. Von den Geschlechtern werden unterschiedliche Eigenschaften und Verhaltensweisen erwartet. Die Anlagen eines Kindes aber sind vielseitiger. Die geschlechtsspezifischen Eigenschaften werden oft von der Gesellschaft verstärkt.

«Oh, hast du ein hübsches Kleid angezogen», loben Erwachsene Mädchen und betonen damit, wie wichtig es ihnen erscheint, dass Mädchen gut aussehen. Bei Jungen würde, wenn die Kleidung überhaupt kommentiert würde, der Satz eher lauten: «Dein T- Shirt heute, wow, voll cool!» Dies ist nur ein Beispiel dafür, wie oft ganz unbewusst Rollenklischees an Kinder weitergegeben werden. Darüber hinaus vermittelt die Gesellschaft Kindern nach wie vor, was typisch für Geschlechter ist. Mama macht den Abwasch, Papa repariert das Dach. Ein Rollenmodell, das auch in Filmen, Videos und Computerspielen vorgespielt wird.

So prägen veraltete Rollenbilder Kinder noch heute. Mädchen verhalten sich häufig freundlich und können sich schon früh gut in andere Menschen hinein fühlen, ergab eine gemeinsame Studie der Pennsylvania State University, der University of Hawaii at Manoa und der Purdue University. Sie lesen lieber als Jungen und interessieren sich oft für Kunst. Das Jungen dagegen sind abenteuerlustiger als Mädchen, treiben gern Sport und interessieren sich oft für Mathematik.

Schwer, sich Geschlechter-Erwartungen zu widersetzen

Wie schwer es sein kann, sich über gesellschaftliche Erwartungen hinwegzusetzen, zeigt dieses Beispiel: «Ich will auch einen Rock!» Der vierjährige Lars möchte sich heute am liebsten genauso wie seine Schwester kleiden. Seine Mutter hat ihm bereits zwei Röcke geschenkt, die er nachmittags oft begeistert zu Hause anzieht. «Es ist ja nichts dabei», lacht die Mutter, die versucht, locker mit der Leidenschaft ihres Sohnes umzugehen. Doch sich auch draussen mit einem Rock zu zeigen, erlaubt sie ihm nicht.

«Ein Junge im Rock kommt der Allgemeinheit merkwürdig vor», fürchtet die Mutter. «Würde man bei einem Einkaufsbummel nicht hinter meinem Rücken darüber diskutieren, ob ich Lars richtig erziehe, ob ich ihn verweichliche, ob er ein Muttersöhnchen ist?» Darüber hinaus, sorgt sie sich, können Lars vielleicht von anderen Kindern gehänselt werden.

Geschlechter-Klischees überdenken

Eltern, die sich eine Welt wünschen, in der Rollen nicht vorgeformt sind, tun gut daran, Klischees zu überdenken. Dürfen nur kleine Mädchen rosa-farbene Kleidung anziehen? Was ist schon dabei, einem Jungen zu erlauben, sich an der Fasnacht als Prinzessin zu verkleiden? Kinder, die genauso geliebt und angenommen werden, wie sie sind und sich entwickeln, sind frei und glücklich, können sich selbst verwirklichen. Schön, wenn Jungen und Mädchen, die sich für Ballett interessieren, tanzen dürfen, und wenn Kinder – gleichgültig welches Geschlecht sie haben -  im Fussballverein trainieren dürfen.


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