Von Monstern und fotografierenden Göttern: die Magische Phase

Der Wind ist so stark, weil die Bäume wütend sind. Die Welt von Kleinkindern ist voller Fantasie. Im Alter von drei bis vier Jahren durchleben sie die «Magische Phase». Unsere Autorin erklärt, welche Rolle wir Eltern dabei spielen.

Magische Phase: Der kleine Junge sieht das Auto ganz genau.

Magische Phase: Kleinkinder entdecken die Welt mit anderen Augen. Foto: Olesiabilkei, iStock, Thinkstock

Die Bäume bewegen sich, um Wind zu machen. Die Sterne funkeln, damit wir Menschen sie sehen können. Der Ball ist unter das Bett gerollt, weil er schlafen will. Kinder sehen die Welt mit anderen Augen und vor allem mit viel Fantasie. «Zwei mal drei macht vier, widewidewitt und drei macht neune, ich mach mir die Welt, widewide wie sie mir gefällt», trällert Pippi Langstrumpf, wenn sie auf ihrem Pferd namens Onkel durch die Gegend reitet.

Magische Phase beginnt ab drei Jahren

Kleinkinder erleben die Welt um sie herum als so gross und derart komplex, dass sie noch viele Jahre brauchen, um sie wenigstens annähernd zu verstehen. Warum blitzt es am Himmel? Kinder wissen nichts von Physik und Chemie. Doch all das, was sie nicht durchschauen, verunsichert sie zutiefst. So müssen sie ihre eigenen Zusammenhänge schaffen – mit Hilfe ihrer Fantasie.

Natürlich, am Himmel blitzt es, weil der liebe Gott das Unwetter fotografiert! Und die Wolken weinen, weil die Sonne weg ist! Wo kommen die Ostereier auf der Wiese und die Geschenke unterm Weihnachtsbaum her? Kinder glauben felsenfest an den Osterhasen und Samichlaus. Diese «Magische Phase», in der Kinder ab ca. drei Jahren fantasievoll ihre Wissenslücken ergänzen, zieht sich bis ins Primarschulalter hinein. Magie und Fantasie helfen ihnen, Struktur und Ordnung in seine Vorstellung der Welt zu bekommen, bis sie mehr und mehr sachliche Zusammenhänge knüpfen können.

Magische Phase: Angst

Die rege Fantasie in der Magischen Phase sorgt durchaus nicht nur für Beruhigung des Kindes. Im Gegenteil – gerade in der Magischen Phase werden Kinder von vielen Ängsten geplagt. Kleidungsstücke, die am Schrank hängen, werden zu Gespenstern; ein Schatten vom Stuhl ist ein lauerndes Monster. Und in der Badewanne sorgen sich Kinder, durch den Siphon zu rutschen, weil sie noch nicht wissen, dass sie viel zu gross dafür sind. Sie können die Welt um sich herum einfach noch nicht einschätzen.

In der Magischen Phase plagen Kinder darüber hinaus oft schwere Schuldgefühle. Mama ist bestimmt krank, weil ich böse war! Hat mein Bruder sich in den Finger geschnitten, weil ich ihm gewünscht habe, dass er sich richtig doll weh tut? Das Kuscheltier ist weg, weil ich es wütend gegen die Wand geworfen habe. Einerseits fühlen sich Kinder allmächtig, andererseits macht ihn genau dieses Allmachtsgefühl Sorgen.

Fantasie und Magie nicht in Frage stellen

«Mein Kind hat zu viel Fantasie», sorgen sich manche Eltern, wenn ihr Kind sie mit unsichtbaren Freunden und Zwergen konfrontiert. Doch Eltern müssen sich nicht ängstigen. Eine grosse Fantasie macht nicht schwach, sondern stark. Sie deutet auf eine gute Portion Kreativität hin, die im Leben hilft, Lösungen für vielfältige Probleme zu finden.

Hilfreich ist für Eltern zu wissen, dass Kinder während der Magischen Phase wirklich glauben, was sie erzählen. Berichtet ein Kind, ein unsichtbarer Freund habe das Essen, das es nicht mag, in den Abfall geworfen, so lügt es nicht vorsätzlich. Es lebt in seiner Fantasiewelt. «Auch wenn Ihnen manche Geschichte Ihres Kindes besonders fantasievoll erscheint - als «Lügengeschichten» sollten Sie die Erzählungen Ihres Kindes keinesfalls abtun», darauf weist die Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung hin. «Das Gleiche gilt auch für die alterstypischen Ängste der magischen Phase, die nun wieder manche Nachtruhe stören können.»

Gehen Eltern rational an die Fantasiewelt heran, stellen sie Zusammenhänge, die das Kind geschaffen hat, in Frage. Das verunsichert das Kind. «Die Folge: Kinder erfahren, dass sie nicht ernst genommen werden, sie genieren sich, über ihre Theorien, Gedanken und Ängste zu reden», schreibt Richard Michaelis in seinem Buch «die ersten fünf Jahre – Wie sich Ihr Kind entwickelt». Besser ist es, dem Kind die Welt, die es sich geschaffen hat, zu lassen.

So reagieren Eltern sinnvoll auf Fantasie-Geschichten

Dennoch lassen sich Ängste nehmen. Ist das Kind beunruhigt, tun Eltern gut daran, es eigene Schlüsse ziehen zu lassen. «Oh, da ist gar kein Monster, das war nur ein Schatten», seufzen Kinder erleichtert, wenn Eltern das Licht eingeschaltet haben. Beim Blick unters Bett können Eltern fragen: «Siehst Du dort etwas?», «Nein, nur einen Socken, ein Buch und Taschentücher», wird das Kind vermutlich antworten. Ist das Kind immer noch nicht beruhigt, können Eltern fragen: «Was wollen wir tun, damit sich hier kein Monster herein traut?» Bestimmt hat das Kind eine gute Idee, die Eltern aufgreifen können.

«Für Kinder ist es wichtig zu erleben, was sie selbst bewirken können – das ermutigt und ist eine Ressource für die Zukunft», darauf weist der Schweizer Spielgruppenleiter Marcus Zimmermann in einem Interview mit der Fachzeitschrift «spielgruppe.ch» hin. Vielleicht lässt sich das Monster mit einer Flöte, einem Zauberspruch oder einer Trommel in die Flucht schlagen? «Wie immer auch die Strategie aussieht; es empfiehlt sich, sie mit dem Kind zusammen zu erarbeiten und ihm so viel Handlungsspielraum wie möglich zu geben.»

Fantasie und Magie für Erwachsene

«Die grossen Leute verstehen nie etwas von selbst. Für die Kinder ist es zu mühsam, ihnen immer wieder alles erklären zu müssen», schrieb Antoine de Saint-Exupéry augenzwinkernd in seinem Buch «Der kleine Prinz». Doch die Magische Phase ihres Kindes kann auch Erwachsene inspirieren, die Welt mit anderen Augen zu sehen. «Phantasie ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt», darauf wies schon Albert Einstein hin. Der grosse Schriftsteller Thomas Mann sagte: «Fantasie haben heisst nicht, sich etwas auszudenken, es heisst, sich aus den Dingen etwas zu machen.»

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