Wenn Kinder den Geduldsfaden zum Reissen bringen

Manchmal strapazieren Kinder unsere Nerven bis zum Anschlag, wenn sie so gar nichts von dem Leben ausserhalb des «Hier und Jetzt» wissen wollen. Beispiel eines «Geduldsprobe-Tages» und wie man damit umgehen kann.

Geduld haben - oft ist das gar nicht leicht

Die Kleine hat die kurze Zeit, in der Mama weg war, für Experimente genutzt. Bild: Lisa5201, iStock, Thinkstock.

Die Zeit drängt, aber meine Dreijährige knabbert immer noch scheinbar endlos am Frühstück herum und verschüttet dabei fröhlich die Milch. Anziehen? Nein, nur wenn Papa zuerst noch viele Male den Purzelbaum anschaut und lobt. Fast hätte ich es trotz aller Widrigkeiten doch noch geschafft, rechtzeitig das Haus zu verlassen. Doch dann stellt das Kind auf halbem Weg zur Kita fest, dass es sein Lieblings-Kuscheltier vergessen hat. Und ohne Kuscheltier in die Kita zu gehen, das geht nun mal gar nicht. Das sehe ich ein. Schliesslich ist das Kuscheltier Herzensangelegenheit und bietet Sicherheit. Aber ungeduldig bin ich dennoch.

An guten Tagen würde ich entspannt lächeln und die innige Beziehung des Kindes zum Kuscheltier süss finden. Doch heute bin ich alles andere als entspannt, eher gestresst. Vielleicht hilft es, tief durchzuatmen? Denn schliesslich weiss man, dass Eltern Geduld haben sollten; auch dann, wenn man mit der Geduld eigentlich am Ende ist.

Geduld heisst: Warten können, obwohl der Magen knurrt, der Kopf schmerzt, der Wasserhahn tropft oder die Arbeit ruft. Das Kind freundlich aushalten, auch mal dann, wenn Dringendes ansteht.

Ungeduld, ein unangenehmes Gefühl

Wenn einem der Geduldsfaden reisst, ist einem oft nicht sehr wohl in seiner Haut. Denn Ungeduld fühlt sich unangenehm an. «Sie entsteht dann, wenn eine Erwartungshaltung nicht der Realität entspricht», sagt dazu der Stuttgarter Kommunikationsexperte und Heilpädagoge Kai Rurainski. «In Bezug auf Kinder heisst das konkret: Die Vorstellung von dem, was ein Kind können müsste, passt nicht zu dem, was es tatsächlich kann.» Wie schnell sich Ungeduld in einem konkreten Fall entwickelt, sei immer auch abhängig von der eigenen aktuellen seelischen oder körperlichen Verfassung – ob man gerade generell entspannt oder eher gestresst ist.

 

Für mich heisst Geduld haben im konkreten Fall, dass wir zurück nach Hause müssen, um das Kuscheltier zu suchen. Dumm nur, dass das Haus so viele Ecken und Nischen hat, in denen es stecken könnte. Das Kind sucht tatkräftig mit und räumt dabei gewissenhaft fast alle Bücher aus dem Regal: Das Tier könnte ja hinter die Bücherreihen gerutscht sein.

Jetzt kann der Tag nur noch besser werden, oder? Am Nachmittag, als der Sohn vor den Hausaufgaben sitzt, bin ich davon nicht mehr so überzeugt. Sooo langsam geht es voran mit dem Rechnen. Mal schaut er aus dem Fenster, dann spitzt er den Bleistift, jetzt radiert er Löcher in sein Heft. Puh. Wenn ich erkläre, hört er nicht zu. Doch wie lautet das Sprichwort in Afrika nochmals? «Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.»

Die Kleine hat die ruhige Zeit für eigene Experimente genutzt. Sie hat eine Styropor-Verpackung gefunden. Nun untersucht sie, ob sich aus diesem «künstlichen Schnee» ein Schneeball formen lässt. Schon liegen Styroporkügelchen im ganzen Kinderzimmer herum, auf dem Bettzeug, dem Fenstersims und in der Spielzeugkiste – das Zeug verteilt sich überall. Wie lange ich wohl brauchen werde, um das wieder aufzuwischen und aufzusaugen, frage ich mich beim Anblick dieser Schneelandschaft? Meine imaginäre To-do-Liste für den Tag blinkt rot in meinem Kopf. Ich lasse eine Schimpftirade los. Die Kleine rennt weg und heult. Auch der Sohn bekommt sein Fett weg. Er wirft die Schulsachen in die Ecke und stürmt davon. Und ich bekomme ein schlechtes Gewissen. Meine Kinder können ja nichts dafür, dass ich mich beeilen muss, dass mir die Zeit davonrennt. Es sind ja nur Kinder, die ganz im Augenblick leben.

Ungeduld bringt nichts

Kinder seien recht fehlertolerant, beruhigt Kai Rurainsiki. «Sie vertragen durchaus ein gewisses Mass an Ungeduld – genau wie wir, als wir Kinder waren.» Allerdings bringe Ungeduld nichts, im Gegenteil. «Sie führt meist dazu, dass Kinder blockieren.»

 

Gut, dann her mit der Geduld. Gehen wir sie suchen. Fragt sich bloss wo? Vielleicht lässt sie sich im Yoga finden, in Entspannungstechniken, im Sportverein? Oh ja, wie entspannt ich nach dem Joggen war, zeigte sich daran, dass ich erschöpft auf dem Sofa eingeschlafen bin. Und wie lange diese Entspannung anhält daran, dass ich nach kurzer Zeit erschreckt wieder hochfahre. Denn die Kinder haben mein Dahingleiten ausgenutzt, um sich an die Musikanlage zu schleichen: Wummernde Bässe lassen das Sofa und das Trommelfell vibrieren.

Wahrscheinlich hilft jetzt nur noch, herzhaft zu lachen. Lachen soll gesund sein. Bestimmt ermöglicht ein humorvoller Blick, manches zu relativieren und nicht ernster zu nehmen, als es ist. Das will ich üben.

Doch wie weiter mit meiner Ungeduld? Ich werde Kai Rurainskis Rat befolgen und meine Erwartungen herunterschrauben. Konkret bedeutet dies, dass ich versuchen werde, von nun an den Tag anders zu planen und weniger eng zu takten. Denn Geduld zu haben soll sich lohnen, jedenfalls wenn das persische Sprichwort stimmt: «Geduld ist ein Baum, dessen Wurzeln bitter sind, dessen Frucht aber sehr süss ist.»

Geduld lohnt sich

«Der grösste Gewinn der Geduld ist für mich die gesteigerte Kooperationsfähigkeit und Motivation des Kindes», erklärt Kai Rurainski. «Gehe ich geduldig mit einem Kind um, beginnt es oft, sich plötzlich für Dinge zu begeistern, die sonst nur quälend für uns beide gewesen wären.» Geduld zu haben bedeute, miteinander in Verbindung zu bleiben. «Geduld lohnt sich immer!», so lautet Rurainskis Fazit.

 

«Kommst Du jetzt endlich?», brüllt die Tochter, die nicht allein in ihr Pyjama schlüpfen will. «Ich komme ja gleich», rufe ich. «Wann ist denn ‹gleich›?», ertönt es wieder vom anderen Zimmer wieder zurück. «Jetzt gleich!», antworte ich. «‹Jetzt gleich› gibt es nicht!», schreit sie altklug und schickt dann noch hinterher: «Immer muss man Geduld mit Dir haben!»

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