Laut sein macht Kinder stark

Kaum ist das Kind auf der Welt, beginnt das Leben laut zu werden.  Eltern staunen, wie ohrenbetäubend ihr Baby schreien kann. Durch die weitere Kindheit zieht sich der Lärm wie ein roter Faden. Und das ist gut so, sagen Experten. Denn laut zu sein, tut Kindern gut.

Kinder müssen laut sein

Egal ob Lachen, Kreischen oder Toben: Laut sein gehört zur gesunden Entwicklung von Kindern. Bild: maghakan, iStock, Thinkstock.

«Sei doch mal leiser!» Eltern empfinden Kinderlärm oft als unangenehm, nicht nur, weil er sie in eigenen Gedanken oder ihrem eigenen Tun stört. Oft befällt sie auch die Angst vor Beschwerden aus der Nachbarschaft, wenn die Bausteine polternd auf den Boden krachen oder im Spiel Schlachtrufe über die heimische Strasse schallen.

Kinder müssen laut sein

Doch Eltern dürfen aufatmen. «Kinderlärm ist Zukunftsmusik», heisst es in den Elternbriefen des Bayerischen Landesjugendamtes. Pädagogen sind sich einig: Kinder dürfen nicht nur, sie müssen auch laut sein! Laut zu sein, tut ihrer Entwicklung gut.

Schon Babys können richtig laut sein

Wer jemals einen schreienden Säugling auf dem Arm hatte, weiss, wie ohrenbetäubend seine Stimme sein kann. «Schreiende Babys kommen auf 120 Dezibel», berichtete das Nachrichtenmagazin Focus. «Zum Vergleich: Ein Düsenjäger erreicht 130 Dezibel.» Dass Babys so laut sein können, hat die Natur gut eingerichtet. Denn sie sind vollkommen  auf Hilfe angewiesen, um überleben zu können. Das einzige Instrument, das sie haben, um auf sich aufmerksam zu machen, ist ihre laute Stimme. Hunger, Blähungen, nasse Windel? Durch ihr Brüllen machen sie ihrer Umwelt unmissverständlich klar, dass sie ein dringendes Problem haben, für dessen Lösung sie liebevoll agierende Menschen brauchen.

Stimme als Ausdruck der Persönlichkeit

Doch warum müssen Kinder so oft laut rufen, kreischen und schreien? «Kinder haben grossen Spass daran, mit der Stimme zu experimentieren», so das Fon Institut Stuttgart. «Ein kleines Baby quietscht, gurrt, schreit und lallt, lange bevor es Laute bildet oder gar Worte und Sätze spricht. Wenn wir diese Stimmfreude von Anfang an unterstützen, trägt dies zu einer positiven Persönlichkeitsentwicklung bei.» Über eine laute Stimme lernen Kinder auch, sich unter ihresgleichen zu behaupten. Dabei mag manches Kind zunächst weit übers Ziel hinaus schiessen. Doch Kindheit ist auch ein Schonraum, eine Zeit, sich spielerisch zu erproben.

Laut toben: Spielen geht nur selten leise

Auch ohne Stimme werden Kinder laut. Da stapfen sie wie Elefanten durch die Wohnung, hüpfen dem Luftballon hinterher oder kippen mit dem Wäschekorb, pardon: dem «Boot», in den See voller Krokodile. Der Lärm gehört zum Spiel. Kinder können den Lärm vom Spiel nicht abkoppeln. Leise sein zu müssen, bedeutet, nicht frei spielen zu können. Kinder, die sich im Spiel nicht ständig regulieren müssen, bewahren sich ihre Authentizität. Gleichzeitig können sie im freien Spiel ihren Gefühlen freien Lauf lassen und sich richtig auspowern.

Wenn Kinderlärm Erwachsenen wirklich zu viel wird

Selbst wenn Eltern wissen, dass Kinder im Spiel sich auch in der Lautstärke verwirklichen, kann ihnen der Kinderlärm zu viel werden. Die Lautstärke lässt sich nicht einfach herunter drehen, ermahnende Worte helfen im Kindergartenalter nur wenig. In vielen Fällen ist geschicktes Vorgehen effizienter.

Geräuscharme Spielzeuge anschaffen:

Kinder wollen spielen, denn im Spiel wollen sie sich die Welt vertraut machen. Oft sind nicht sie selbst es, die Lärm verursachen, sondern ihre Spielzeuge. Doch Kinder brauchen keine Fahrzeuge, die heulend über den Teppich fahren, keine laut klingelnden Plastik-Handys oder  Lerncomputer, die ständig englische Vokabeln runter leiern. «Kinder brauchen das, was sie immer gebraucht haben», betont Ingetraud Palm-Walter, Vorstandsmitglied des «spiel gut»-Arbeitsauschusses in Ulm, immer wieder. Puppe und Puzzle, Teddy und Trommel, Autos und Holzeisenbahn, Bälle und Bauklötze, Arztkoffer und Bilderbücher – das sind die Dinge, mit denen Jungen und Mädchen die Welt kennen- und verstehen lernen. Ein polternd fahrendes Bobbycar lässt sich durch ein Fahrzeug mit Gummireifen ersetzen, ein Fussball in der Wohnung durch ein Softball.

Kinder aus Situation herausnehmen:

In manchen Situationen – zum Beispiel in der Kirche, bei einem Theaterstück oder Konzert – ist es einfach wichtig, halbwegs leise zu sein. Gelingt es dem Kind nicht, kann es sinnvoll sein, den Raum mit dem Kind zu verlassen.

Draussen spielen:

Wenn aufgedrehte Kinder in der Wohnung toben, kann es laut werden. Im Garten, auf dem Spielplatz, im Park oder im Wald können sie noch besser als in der Wohnung Power ablassen. Gleichzeitig kann der Spaziergang Eltern Erholung verschaffen.

Einfach mal mitmachen:

Die Kinder sind laut? Wie wäre es, sich mitreissen zu lassen und einfach mal mit zu singen? Die Musik aufzudrehen und mit den Kindern abzutanzen, wirkt herrlich befreiend!

Wenige Regeln üben:

Je jünger Kinder sind, umso weniger können sie ständig daran denken, sich kontrollieren zu müssen. Doch leise zu sein, lässt sich punktuell üben. «Im Treppenhaus reden wir leise», kann zum Beispiel eine Regel heissen. Andere Regeln lauten: «Nach dem Mittagessen suchen wir, bis der grosse Zeiger auf der Zwölf steht, ein leises Beschäftigung – wie Malen, Lesen oder Puzzeln» oder «Im Arbeitszimmer oder Schlafzimmer haben die Eltern Ruhe – hier wird nicht getobt.

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