Resilienz: So lernen Kinder, mit schwierigen Situationen fertig zu werden

Manche Kinder wachsen unter schwierigen Bedingungen auf. Wie können sie Resilienz entwickeln, also widerstandsfähig werden und sich trotz widriger Umstände positiv entwickeln? Der Fribourger Psychologe Fabian Grolimund erklärt, wie Erwachsene helfen können.

Resilienz: Kinder brauchen eine feste Bezugsperson

Resilienz: Eine feste Bezugsperson macht Kinder stark. (Bild: Tommaso Tagliaferri/iStock, Thinkstock)

Armut, Vernachlässigung, Misshandlung, psychische Störungen der Eltern, kriminelles Milieu, – können sich Kinder da überhaupt positiv entwickeln?

Fabian Grolimund: Kinder aus Hochrisikofamilien müssen nicht zwangsläufig Probleme oder psychische Störungen entwickeln, das haben wissenschaftliche Untersuchungen ergeben. Die bekannteste Studie, die sogenannte Kauai-Studie der Psychologin Emmy Werner von der University of California zeigt, dass etwa ein Drittel der Kinder, die vier oder mehr der Hoch-Risikofaktoren ausgesetzt sind, sich dennoch positiv entwickeln. Das heisst, sie sind erfolgreich in der Schule, haben als Erwachsene stabile Beziehungen, leben gesetzeskonform, sind ins Arbeitsleben integriert und haben eine hohe Lebenszufriedenheit.

Wodurch unterscheiden sich Kinder, die sich zu psychisch gesunden Erwachsenen entwickeln, von Kindern, die an solchen Herausforderungen zerbrechen?

Sie verfügen über Resilienz, also eine besondere Widerstandkraft. Zu dieser Resilienz tragen Anlagen des Kindes, aber auch die Umwelt bei. Dabei beeinflussen sich Anlagen und Umwelt gegenseitig. So entwickeln sich beispielsweise Säuglinge mit einem einfachen Temperament eher zu resilienten Jugendlichen, unter anderem deshalb, weil sie wenig weinen und gut schlafen, ihre Eltern weniger an ihre Belastungsgrenzen bringen und es diesen erleichtern, positiv zu reagieren.

Eltern wissen oft um die schwierigen Umstände, in denen ihr Kind aufwächst, ohne sie ändern zu können. Was können sie für die Resilienz ihres Kindes tun?

Im Zuge der Studien fanden Forscher unter anderem heraus, dass fast jedes Kind, das über eine gute Resilienz verfügt, eine stabile und warme emotionale Bindung zu mindestens einer Bezugsperson hatte. Selbst wenn ein Elternteil – aus welchen Gründen auch immer – unzuverlässig ist, kann der andere Elternteil genug Halt bieten, um das Kind zu stabilisieren, indem er Geborgenheit schenkt, durch klare Regeln und Grenzen Halt gibt und dem Kind zeigt: «Hey, ich traue dir was zu!».

Zur Person

Fabian Grolimund

 

Der Psychologe Fabian Grolimund ist Leiter der Akademie für Lerncoaching und Autor. Gemeinsam mit seinen Kolleginnen Stefanie Rietzler und Nora Völker hat er die Filmserie «Was Kinder stark macht» entwickelt.

Können auch Lehrer, Nachbarn, Tanten oder Grossväter die Rolle dieser einen wichtigen Bezugsperson einnehmen?

Ja, die zuverlässige Person, die dem Kind ein Stück Resilienz verleiht, kann auch ausserhalb der Familie leben. Lehrpersonen haben die Möglichkeit, einen positiven Einfluss auf das Kind auszuüben – denn sie gehören zu denjenigen Erwachsenen ausserhalb der Familie, die das Kind besonders regelmässig und häufig sehen und zu denen Kinder eine enge Bindung aufbauen.

Lehrpersonen wecheln aber häufig.

Ja, das stimmt. Doch oft reicht die Zeitspanne aus, um eine kritische Phase des Kindes abzudecken. «Damals, in der dritten, vierten Klasse, da hatte ich einen Lehrer, der hat an mich geglaubt und mir Halt gegeben», hört man manchmal. Für Schüler aus schwierigen Verhältnissen kann die Schule ein Zufluchtsort sein, in der sie positive Erfahrungen machen, Freunde finden und Kompetenzerfahrungen nach dem Motto «Ich kann etwas!» machen. Auch Grosseltern sind oft in der Lage, ein Kind aufzufangen – sofern sie das Kind regelmässig betreuen.

Oft sehen Nachbarn, Patentanten oder Trainer die Not eines Kindes. Sie wollen sich engagieren, sehen sich aber zeitlich überfordert …

Wichtig ist erst einmal, überhaupt zu wissen, dass man im Leben eines Kindes einen Unterschied machen kann. Wie oft hört man den Satz «Wenn die Eltern nichts machen, ist eh alles verloren!» Es braucht wenig Extra-Aufwand, einem Kind zu signalisieren: «Ich nehme dich an!», «Ich mag dich», «Ich habe ein offenes Ohr für dich!», «Ich helfe dir, Probleme zu lösen». Es sind oft nur ehrlich gemeinte, positive Sätze, die sich bei einem Kind festsetzen und die es ermutigen, seinen eigenen Weg zu gehen, etwa «Mir fällt auf, dass du sehr geschickt bist und gut Handwerken kannst », oder «Ich könnte mir vorstellen, dass du mal Ingenieur wirst!». Besonders hilfreich ist es, einem Kind Verantwortung zu übertragen. Das ist gelebte Art, einem Kind etwas zuzutrauen!

Wie Jugendliche zu selbstbewussten Personen heranwachsen: Fabian Grolimund, Stefanie Rietzler und Nora Völker erklären, wie's geht. (Video: zVg/Akademie für Lerncoaching)

Das könnte Sie auch interessieren

Services & Newsletter