Lebenskompetenzen: So lernen Kinder, was sie fürs Leben brauchen

Vom Platten beim Velo bis zur Lehrstellensuche: Je grösser Kinder werden, desto mehr sollen sie lernen, selbst mit Situationen zurechtzukommen. Damit dies gelingt, brauchen sie Lebenskompetenzen. Der Pädagoge Rolf Gollob weiss, wie Eltern sie vermitteln können.

Lebenskompetenzen: Was Kinder fürs Leben brauchen

Eltern geben ihren Kindern viel Lebenskompetenz mit auf den Weg. (Foto: Wavebreakmedia Ltd/iStock, Thinkstock)

Kinder sollen lebenstüchtig werden. Das wünschen sich Eltern jeder Generation. Hat die Generation der heutigen Eltern die Lebenskompetenzen erhalten, die sie braucht?

Rolf Gollob: Bis spät ins 20. Jahrhundert hinein herrschte die Vorstellung, das Leben mit seinen Anforderungen sei konstant. Man ging davon aus, dass es möglich sei, genau festzulegen, was Menschen grundsätzlich brauchen, um das Leben gut zu meistern. Ein klassischer Bildungskanon und Fleiss standen im Vordergrund, einen guten Beruf sollte man lernen und seiner Firma ein Leben lang treu sein. Pädagogen versuchten, aus vielen Bausteinen Lehrpläne zusammen zu bauen, die garantieren sollten, dass Kinder gut aufs Leben vorbereitet sind.

Ist die Rechnung aufgegangen? Können wir erwachsen gewordenen Eltern auf diese Weise gut unser Leben meistern?

Wir tun es, jeden Tag. Bildungsangebote sind immer zeitbedingt. War es richtig, war es falsch? Diese Frage stellt sich nicht so sehr.

Welche Lebenskompetenzen brauchen Kinder künftig?

Das soziale, politische und wirtschaftliche Leben verändert sich rasanter denn je. Niemand kann voraussehen, was in der Zukunft sein wird. Wurden in stabilen Gesellschaften das langsame Erwachsenwerden mit traditionsbehafteten Ritualen oder Initiationen gefeiert und begangen, haben wir heute in Zeiten des permanenten Wandels die Aufgabe, auf eine Zukunft vorzubereiten, die niemand kennt.

Wir können also gar nicht wissen, auf welche Kompetenzen unsere Kinder in ihrem erwachsenen Leben zurückgreifen müssen?

Genau! Deshalb fragen wir heute weniger «Was müssen wir Kindern heute für die Zukunft beibringen?», sondern mehr «Was müssen Kinder heute können?». Eltern begleiten ihre Kinder in deren Zukunft hinein, indem sie mit ihnen gemeinsam das aktuelle Leben gestalten. Es geht nicht darum, Kinder so auf das Leben vorzubereiten, dass sie irgendwann erfolgreich sind. Es gilt, jetzt mit den Kindern zusammen erfolgreich zu sein. Denn heute findet das Leben statt! Mit anderen Worten: Was Kinder lernen müssen, orientiert sich nicht an unbekannten Zielen, sondern an realen Lebenssituationen. Das Leben schreibt den Fahrplan zahlreicher Lernprozesse.

Was müssen Kinder heute können?

Der Alltag bietet eine Fülle von Herausforderungen. Allein die Aufgabe, gemeinsam ein Abendessen zu gestalten, führt automatisch zu einer Vielzahl von Kompetenzen. Was muss ich tun? Was wollen wir essen? Welche Sauce schmeckt uns zum Salat? Ah, ich muss Geschirr holen! Wie viele Tassen brauche ich denn? Sind Löffel oder nur Gabel und Messer nötig? Wollen wir noch eine Kerze anzünden? Wie funktioniert das Feuerzeug? Gleichgültig, ob es um die Planung der Ferien, das Einschlaf-Ritual oder das Anziehen geht, all diese Herausforderungen zielen nicht auf eine unbekannte Zukunft ab, sondern jeder weiss, wofür er sich einsetzt. Und immer gilt es, Wünsche zu entwickeln, zu formulieren, für sie einzustehen, aber auch, sich zu einigen.

Es reicht also, sich mit seinen Kindern am Alltag zu orientieren?

Ja! Der Alltag bietet so viele abgeschlossene Lernkreise. Auf diese können Eltern am Abend gut zurückschauen, um zu überlegen, was sie ihren Kindern gut und was weniger gut vermitteln konnten.

Bei der Bewältigung des Alltags spielen soziale Fähigkeiten eine grosse Rolle …

Die Vorstellung von Erziehung und Bildung hat sich verschoben. Nach 1968, dem Höhepunkt der Studenten- und Bürgerrechtsbewegungen, ging es vor allem darum, das Individuum zu stützen. Die starke Individualisierung hat dazu geführt, dass heute der Einzelne unter starkem Erfolgsdruck steht. Man darf nicht nur individuell sein, man muss es auch – und hat damit sehr viele Aufgaben und Rollen alleinverantwortlich zu bewältigen.

Die Frage ist: «Können wir den individuellen Menschen ein Stück weit entlasten?» Der Familienalltag bietet die Chance, Kindern die Erfahrung zu bieten, zu einer Gruppe zu gehören, als seien sie Teil eines Blumenstrausses. Niemand muss sich ständig durchsetzen oder glänzen, aber jeder darf sich auch mal durchsetzen und hat seine kleinen Auftritte. So lernen Kinder, Rücksicht zu nehmen und sich gleichzeitig einzubringen. Kinder werden eingebunden, nicht als Ego-Maschinen gefördert, lernen zu warten, erhöhen ihre Frustrationstoleranz und lernen gleichzeitig, gemeinsame pragmatische Lösungen zu finden.

Prof. Rolf Gollob

Zur Person

Rolf Gollob, Jahrgang 1955, leitet seit rund 15 Jahren das Zentrum International Projects in Education der Pädagogischen Hochschule Zürich. In Rahmen seiner Arbeit beschäftigt er sich in vielen Ländern Südost- und Osteuropas auch als Experte des Europarates mit Fragen der Demokratie- und Menschrechtsbildung. Das Zusammenleben von Klassen- und Schulgemeinschaften wird für viele junge Demokratien zum zentralen Lernfeld. Als Vater von vier Kindern hatte und hat er sich zudem regelmässig selbst den Realitäten des Zusammenlebens zu stellen.

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