Besser Stottern statt Schweigen

Vier Prozent aller Kinder zwischen zwei und vier Jahren stottern. Viele dieser Kinder leiden erheblich unter dem gehemmten Redefluss. Eltern möchten gerne wirkungsvoll helfen. Geduld, Lockerheit und geeignete Therapien helfen am besten, das Stottern zu überwinden.

Stottern: So helfen Sie Ihrem Kind, den Redefluss zu verbessern

Wenn Kinder stottern, reden sie nicht gerne. Helfen Sie Ihrem Kind den Redefluss zu verbessern. Foto: iStock, Volodina, Thinkstock

Wenn Laura redet, kommen ihr die Worte einfach nicht flüssig über die Lippen. Immer wieder unterbrechen Pausen die Sätze. Manche Laute klingen stark verlängert, andere werden oft wiederholt. «Ich mmmmmmöchte im B-B-Bett llllllllliegen bleiben.» Laura stottert. Der Mund, die Zunge und die Stimmbänder gehorchen ihr einfach nicht. Weil der Versuch, flüssig zu sprechen, sie anstrengt, sind ihre Gesichtsmuskeln angespannt, der Fuss wippt mit. Laura wird wütend. Sie möchte flüssig sprechen können!

«Stottern ist eine unfreiwillige Unterbrechung des natürlichen Redeflusses», so die dipl. Schweizer Logopädinnen Sabrina Disabato und Ann-Sabine Künzler auf ihrer Webseite www.kindersprache.ch. «Stottern kann sich in Wiederholungen, Dehnungen und/oder Blockierungen äussern.» Oft bewegen sich auch Augen, Mimik, Beine oder anderer Körperteile mit.

Mögliche Anzeichen des Stotterns

  • Ein Kind wiederholt Laute, Silben oder Wortteile sehr oft.
  • Es verlängert einzelne Laute (z. B. «Mmmmmami»).
  • Das Sprechen wird von Blockaden unterbrochen (z. B. «P- - - papa»).
  • Es spricht lauter und höher.
  • Es zwinkert mit den Augen, macht Mitbewegungen im Gesicht oder mit anderen Körperteilen.
  • Es zeigt deutliche Anspannungen oder sogar Sprechangst (z. B. Wegschauen, Schweigen, Vermeiden von Gesprächssituationen).

(Quelle: www.kindersprache.ch)

 

Jungen stottern öfter

Stottern ist auf der ganzen Welt verbreitet. «Weltweit und in allen Kulturen stottert rund ein Prozent der Bevölkerung», informieren die Logopädinnen Anita Kuster und Daniela Habegger auf ihrer Website www.stotterinfo.ch. Allein in der Schweiz stottern etwa 80.000 Menschen. In der Altersgruppe der Kinder, die zwischen zwei und zehn Jahren jung sind, ist der Redefluss bei vier Prozent gestört. Vor allem Jungen sind betroffen. «Im Kindesalter liegt die Geschlechterverteilung bei 1:4 (Mädchen zu Jungen), wobei die Symptome bei Mädchen meist früher eintreten», so Anita Kuster und Daniela Habegger.

Ursachen des Stotterns

Warum manche Kinder beginnen zu stottern und andere nicht, ist wissenschaftlich noch nicht eindeutig geklärt. Möglicherweise kann das Gehirn den komplexen Ablauf des flüssigen Redens nicht steuern, bei dem viele Muskeln der Stimmlippen, des Kiefers, der Zunge und der Lippen zu koordinieren sind.

Stottern steht im Verdacht, erblich zu sein. Stotternde Mütter haben öfter stotternde Kinder als nicht stotternde Mütter. «Zwillingsstudien haben ergeben, dass bei eineiigen Zwillingen, die ein identisches Erbgut haben, häufiger beide Zwillinge stottern als bei zweieiigen Zwillingen», informiert die deutsche Bundesvereinigung Stottern und Selbsthilfe e.V. «Stottern wird jedoch nicht direkt vererbt, sondern vermutlich wird eine Veranlagung zum Stottern weitergegeben. Damit ist eine Bereitschaft des Körpers gemeint, die zum Stottern führen kann, aber nicht muss.»

Was aber löst das Stottern aus? Wissenschaftlich untermauerte Antworten stehen noch aus. Klar ist: Stottern entsteht in einer Zeit, in der sich das Kind körperlich, geistig, emotional und sprachlich am schnellsten entwickelt. «Viele Einflüsse aus dem körperlichen, dem psychischen, dem sprachlichen und dem sozialen Bereich können bei der Entstehung eine Rolle spielen.» «Das Kind denkt schneller als es spricht», «Es ist nervös», «Es will Aufmerksamkeit erregen» - solche Erklärungsversuche entbehren jeder Grundlage.

Wie sich Kinder beim Stottern fühlen

«Die Angst vor dem Stottern ist das Schlimmste am Stottern», so die Bundesvereinigung Stottern und Selbsthilfe. Es braucht wenig Einfühlungsvermögen, um sich vorzustellen, dass es sich schlecht anfühlt, nicht herausbringen zu können, was man sagen möchte. Zum anderen fürchten sich stotternde Kinder oft vor der Reaktion der anderen: «Halten sie mich für dumm?», «Werden sie mir überhaupt zuhören», sind Fragen, die Kinder beim stotternden Sprechen beschäftigen. Deshalb versuchen sie oft mit der Zeit, bestimmte Wörter und Situationen zu vermeiden, die ein Stottern hervorrufen könnten. So verfallen sie oft in ein ängstliches Schweigen. Das Selbstvertrauen schwindet.

Doch Stottern sagt nichts über die Persönlichkeit eines Menschen aus. «Wir Stotternden stottern nicht aus Angst, Nervosität oder Verlegenheit. Wir können in jeder Situation und in jeder Verfassung stottern», erklärt die Zürcher Gesprächsrunde für Stotterer. Stotternde Kinder sind weder ängstlicher und nervöser noch dümmer als andere. Kein einziges Vorurteil ist gerechtfertigt. «Stottern kann zwar je nach Gefühlslage und Verfassung des betroffenen Menschen schwanken, dennoch ist Stottern eine körperlich bedingte Sprechbehinderung – keine psychische Störung», so der Bundesvereinigung Stottern und Selbsthilfe.

Gut, wenn Eltern ihrem Kind helfen, ihre Sprechangst zu überwinden! Wer keine Angst vor dem Stottern hat, kann das Stottern leichter bewältigen. Übrigens gibt es viele weltbekannte Stotterer. So stottert zum Beispiel «der Graf» von der Band «Unheilig». Probleme mit dem Redefluss hatten oder haben unter anderem auch Marilyn Monroe, Bruce Willis, Hamit Altintop, Rowan Atkinson alias Mr. Bean und John Larkin alias Scatman John.

Stottern: So können Eltern ihren Kindern helfen

Klar, dass sich auch Eltern durch das Stottern des Kindes verunsichert fühlen. Gerne möchten sie ihm helfen. Dazu gehört zunächst, das Stottern zu akzeptieren. Stottern ist besser als Schweigen!

Das fällt umso leichter, je mehr sich Eltern darauf konzentrieren, was das Kind sagen will. Der Inhalt der Botschaft ist wichtiger als die Art und Weise, wie sie überbracht wird. Klar, dass Eltern ein wenig Geduld brauchen, wenn die Kommunikation länger dauert. «Lassen Sie das Kind aussprechen und nehmen Sie sich dafür Zeit», raten Anita Kuster und Daniela Habegger. Eine ruhige und gelassene Atmosphäre sei wichtig, damit sich das Kind möglichst gut äussern kann. Dabei sollten Eltern auch versuchen, Blickkontakt zu halten. «Gut gemeinte Ratschläge wie zum Beispiel ‚Hol erst mal tief Luft‘ oder ‚Sprich langsam‘ setzen das Kind unter Druck», warnen Anita Kuster und Daniela Habegger. «Je mehr es gegen sein Stottern ankämpft, umso stärker wird es.»

Stottern: Früh reagieren

Gut, wenn Eltern früh reagieren. Experten unterscheiden zwischen zwei effektive Hauptrichtungen, an denen sich die meisten Therapien gegen das Stottern orientieren. «Fluency Shaping» verfolgt das Ziel, die Sprechweise so zu verändern, dass Stottern erst gar nicht auftritt. Bei der Stottermodifikation dagegen lernt das Kind, Sprechängste abzubauen und sein Stottern zu beherrschen.

Je eher Therapien einsetzen, umso grösser die Erfolgsaussichten. «Eine Fachperson sollte kontaktiert werden, wenn die Entwicklungsunflüssigkeiten seit mehr als einem halben Jahr vorhanden sind», raten Sabrina Disabato und Ann-Sabine Künzler. Schon bei kleinen Kindern, die erst zwei oder drei Jahre alt sind, kann eine Stottertherapie sinnvoll sein. Die Bundesvereinigung Stottern und Selbsthilfe hält die Chance für groß, dass ein sehr früh behandeltes Kind weniger angestrengt zu stottern lernt oder sein Stottern sogar ganz verliert.

Weiterführende Links:

  • Vereinigung für Stotternde und Angehörige, Bezugspersonen und weitere interessierte Kreise: www.versta.ch

  • Lieder, Verse, Reime, Bilderbücher finden Sie hier.

  • Die Website für stotternde Jugendliche

 

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