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Regenbogenfamilien: viele innovative Familienformen

In Ihrem Buch werden besonders viele Regenbogenfamilien, also Lesben oder Schwule mit Kindern, porträtiert. Warum hat Sie diese Familienform interessiert?

Einerseits gibt es gerade eine politische Debatte um die Rechte von Regenbogenfamilien und andererseits ist das der Bereich in der Gesellschaft, wo die innovativsten Familienformen entstehen. Natürlich oft aus der rechtlichen Lücke heraus oder aus einer biologischen Unzulänglichkeit heraus, weil man nicht als Paar Kinder bekommen kann. So entstehen Formen wie die geplante Patchworkfamilie mit zwei Lesben und zwei Schwulen, die ich interviewt habe. Oder ein Lesbenpaar, dass einen Mann fragt, ob er seinen Samen spenden kann, der dann unverhofft doch noch Teilzeit-Vater wird.

Der Bundesrat hat sich kürzlich dafür ausgesprochen, dass Homosexuelle die Kinder ihres Partners, nicht aber fremde Kinder adoptieren dürfen. Wenn man sich Kommentare von Lesern im Internet dazu anschaut, findet man oft die Meinung, dass zu einer Familie immer noch Vater und Mutter gehören. Sind wir in der Schweizer Gesellschaft schon bereit für homosexuelle Paare mit Kindern?

Ich denke ja. Ich finde es interessant wie gross die Diskrepanz ist: zwischen dem, was Leute im Forum sagen und wie es in der Realität ist. Ich habe sechs Regenbogenfamilien interviewt, aber nur eine einzige hat so etwas wie Diskriminierung erlebt. Der eine schwule Vater hat es sehr gut auf den Punkt gebracht. Er sagte: «Die Leute erwarten von uns haarsträubende Geschichten von Diskriminierung. Die können wir aber gar nicht bieten.» Er war selbst darüber erstaunt. Die Menschen reagieren überrascht und neugierig, aber nicht negativ. Das hängt sicherlich auch mit der schweizerischen Zurückhaltung zusammen. Wenn jemand etwas Negatives denkt, würde er oder sie einem das kaum ins Gesicht sagen. Aber es zeigt auch, dass die Menschen offen dafür sind.

Können Sie Argumente, wonach ein Kind nur glücklich wird, wenn es Vater und Mutter hat, nachvollziehen?

Ich bin Soziologin, ich kann mir erklären, warum Menschen dieses Bild haben. Ich bin aber selber nicht dieser Meinung, weil es eine Vielfalt an Familienformen bereits gibt. Historisch gesehen ist die Kleinfamilie etwas neues. Es ist neu, dass Liebe, Partnerschaft, Sexualität und Kindererziehung so eng miteinander gekoppelt sind. Im Mittelalter und bis ins 20. Jahrhundert hinein war es so, dass Kinderbetreuung sehr stark von anderen Menschen als den biologischen Eltern übernommen wurde.

Wenn es nicht Vater und Mutter sind, die ein Kind braucht, um glücklich zu sein, was braucht es dann?

Zu dieser Frage habe ich die Leiterin des Marie Meierhofer Instituts für das Kind befragt, die Psychologin Heidi Simoni. Sie sagte zum Thema Kindeswohl: «Ein Kind braucht vor allem verlässliche, vertraute und verfügbare Bezugspersonen, um glücklich zu sein. Und es braucht eine anregungsreiche Umgebung, damit es seine Entdeckungslust ausleben kann.» Das ist zwar sehr allgemein und abstrakt formuliert, aber ich glaube, das ist wirklich die Basis. Wer dafür sorgt, dass diese Bedingungen erfüllt sind, ob das die biologischen Eltern oder andere Bezugspersonen sind, das spielt keine Rolle.

Was würden Sie sich für die Anerkennung dieses Familienbildes wünschen?

Ich würde mir einerseits wünschen, dass die unkonventionellen Familienformen rechtlich besser anerkannt würden. Das geht über das Recht für homosexuelle Paare hinaus. Das Schweizer Familienrecht hinkt der realen Vielfalt stark hinterher und anerkennt auch die Sorgeberechtigung von Stiefeltern oder ledigen Vätern nicht beziehungsweise nur nach Abschluss komplizierter Verträge. Dazu sagt auch die Juristin, die ich befragt habe, etwas sehr spannendes: «Die Erwachsenen, die für ein Kind da sind, sollten auch rechtlich anerkannt werden.» Sei das mit einer vollen Elternschaft oder mit einer Art kleinem Sorgerecht, was es in Deutschland gibt. Noch wichtiger finde ich aber, dass die Vielfalt an Familienformen, wie sie hierzulande gelebt wird, auch in den Köpfen der Menschen ankommt. Dass den Menschen bewusst wird, wie viele verschiedene Möglichkeiten es gibt, Familie zu sein. Denn das erweitert auch den eigenen Handlungsspielraum, ganz egal wie der eigene Lebensentwurf aussieht. Und genau das möchte ich mit meinem Buch: den Familien-Horizont erweitern.

Interview: Angela Zimmerling im Februar 2012

Über die Autorin Christina Caprez

Christina Caprez hat über Patchworkfamilien und Regenbogenfamilien geschrieben.Christina Caprez ist seit 2004 Redaktorin bei DRS 2. Sie studierte Soziologie, Ethnologie und Geschichte. Schon während des Studiums beschäftigte sie sich mit Familien hier und heute, früher und anderswo.

Auf die Idee ein Porträtbuch zu schreiben kam sie, weil sie selbst gern Porträtbücher liest.


Foto: Nicole Burgermeister

 

Das Buch «Familienbande»

«Familienbande» berichtet über Familien, die ganz unterschiedliche Wege gegangen sind, um Kinder gross zu ziehen. In 15 Porträts stellt Christina Caprez die unkonventionellen Familienformen vor. Sie erzählt von Schwulen und Lesben mit Kinderwunsch, von Teilzeit-Vätern, von Alleinerziehenden, von Familien, die sich in einem Wohnkollektiv organisieren, von Patchworkfamilien mit Kindern aus verschiedenen Beziehungen und von Pflegefamilien. Im Buch kommen auch drei Experten zu Wort: ein Historiker, eine Juristin und eine Psychologin. Sie liefern die Hintergründe zur Familienvielfalt.

Das Buch ist im Limmatverlag erschienen. Weitere Informationen unter www.limmatverlag.ch

Welche Erfahrungen haben Sie mit Patchworkfamilien oder Regenbogenfamilien gemacht? Schreiben Sie uns! Hier geht es zum Kommentar.

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