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Leben > Konflikte

Streit und Abwertungen belasten Scheidungskinder besonders

Wenn Eltern nur noch streiten, kann eine Scheidung eine Befreiung sein. Doch für die Kinder ist sie oft ein Schock. Jetzt brauchen sie beide Elternteile umso mehr. Worauf Sie besonders achten müssen und wie Sie als Eltern Ihr Kind unterstützen können.

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Scheidungskinder können oft nur schlecht damit umgehen, wenn die Eltern sich streiten und gegenseitig abwerten. Bild: bymuratdeniz, Getty Images 

Wenn Eltern sich trennen und scheiden lassen wollen, steht das Leben der Familie Kopf. Nicht nur für die Eltern. Auch für Kinder bleibt nach der Trennung zunächst vieles nicht mehr, wie es war. Vielleicht ist der Vater ausgezogen, sodass sie ihn seltener sehen. Oder Mama ist traurig und weint viel. Freizeitangebote werden gestrichen, weil die Eltern die Kosten nicht mehr tragen können. Und möglicherweise ist eine Folge der Scheidung sogar ein Wohnungswechsel. Die Welt, in der die Kinder bislang selbstverständlich aufwuchsen, existiert nicht mehr. Wenn die Situation der Familie sich so stark verändert, ist die Verunsicherung gross.

Destruktiver Streit ist Gift

Besonders aber leiden Scheidungskinder unter dem Zerwürfnis der Eltern. Unter den bösen Blicken und Worten, die sie sich zuwerfen. Unter dem Streit um sie, um das Haus, das Auto, den Hund. Stark belastend sind Bemerkungen, mit denen Elternteile sich gegenseitig abwerten. «Weil dein Vater nicht mehr zahlen will, müssen wir uns eine kleinere Wohnung suchen!», «Weil deine Mutter nicht mehr arbeiten will, habe keine Zeit für euch!». Durch solche Bemerkungen geraten Scheidungskinder in einen inneren Konflikt. «Darf ich Mama oder Papa trotzdem lieben?», fragen sie sich. «Nicht selten glauben die Kinder, dass ihr mangelnder Gehorsam die Ursache der Trennung der Eltern ist. So kommen auch noch unbegründete Schuldgefühle hinzu», warnt die Kinderschutzorganisation Schweiz.

Scheidungskinder: Spätfolgen nicht absehbar

Auch Ängste, die Mutter oder den Vater zu verlieren, können Scheidungskindern zusetzen. «Sie können bei kleineren Kindern zum Beispiel dazu führen, dass sie in der Nacht wieder ins Bett machen oder sehr anhänglich sind, nicht mehr in den Kindergarten gehen oder nur noch bei der Mutter im Bett schlafen wollen», berichtet Monika Czernin, Autorin des Ratgebers «Glückliche Scheidungskinder». Eine Folge der Trennung oder Scheidung bei älteren Kindern seien oftmals Einbrüche bei den Schulleistungen. Sie seien unkonzentriert oder unmotiviert und traurig. Unter welchen Spätfolgen Scheidungskinder leiden, wenn sie erwachsen sind, ist nicht absehbar.

Studien machen Hoffnung

Immerhin belegen viele wissenschaftliche Studien, dass Scheidungskinder eine ebenso glückliche Kindheit und Jugend haben können wie ihre Altersgenossen aus nicht geschiedenen Elternhäusern. Spätfolgen einer Trennung können also eintreten, müssen aber nicht sein. «Bei Kindern, die nach der Scheidung ein gutes Verhältnis zu beiden Elternteilen haben, scheint die Trennung das Selbstwertgefühl oder die Gesundheit der Kinder nicht negativ zu beeinflussen», ist das Ergebnis einer aktuellen Studie der Universität Bergen in Norwegen. Kinder brauchen also eine gute Beziehung zu beiden Elternteilen.

Was Eltern tun können

Eltern bleiben

«Am besten ist für das Kind, wenn es nach der Trennung zu den Eltern gleichermassen Kontakt hat», erklärt die Kinderschutzorganisation Schweiz. Das sorge für die Stabilisierung der Kinder. «Eltern sollten nach wie vor miteinander reden – auch im Beisein des Kindes.»

Hilfe holen

Trotz einer Scheidung oder Trennung gemeinsam Eltern zu bleiben, ist eine Herausforderung, die sich lohnt. Hilfreich ist es, möglichst frühzeitig professionelle Hilfe zum Beispiel von Mediatoren oder Psychologen in Anspruch zu nehmen. Mit professioneller Hilfe lernen Eltern mit der Zeit, mit ihrer belasteten Beziehung zueinander besser zu leben. Sie sind weniger gestresst und können planvoller vorgehen, was sich auf ihre Kinder sehr positiv auswirken kann.

Ins Gespräch kommen

Kinder, die ihre Trauer und ihre Wut äussern dürfen, fühlen sich verstanden. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass die Eltern ihre Gefühle nicht bewerten «Haben Eltern ein offenes Ohr für ihre Kinder, fühlen sie sich verstanden», so die Kinderschutzorganisation Schweiz. «Dann müssen sie uns auch nicht durch Hilferufe oder in Form von Verhaltensauffälligkeiten zeigen, dass es ihnen nicht gut geht.» Dazu gehört, sie nicht nur vor vollendete Tatsachen zu stellen. Kinder auch in dieser Situation mitgestalten zu lassen, sorgt für eine gute und vertrauensvolle Beziehung.

In der Nähe bleiben

Gerade während einer Scheidung mit Kindern ist verstärkte Präsenz wichtig. Wenn die Elternteile nah beieinander wohnen, ist es leichter, liebgewonnene Rituale der Familie beizubehalten. Rituale helfen Kindern, mit der Angst, ein Elternteil zu verlieren, leichter fertig werden. Leben beide Elternteile in der Nähe, lassen sich ausserdem Umzüge und damit Schulwechsel und Abschiede von Freunden und Bekannten vermeiden.

So geht es nach der Scheidung mit Kindern weiter

Nach einer Trennung oder Scheidung mit Kindern erhalten in der Regel beide Elternteile automatisch das Sorgerecht. Ist das der Fall, dürfen und müssen die Eltern gemeinsam Entscheidungen treffen. Als Betreuungsmodell können Eltern alternierende Obhut wählen. Oder die Kinder bleiben in der Obhut eines Elternteils, der dann das Vermögen allein verwalten und den Aufenthaltsort bestimmen darf.

Rechte für Scheidungskinder

Kinder haben ein Recht darauf, im Rahmen der Scheidung angehört zu werden. Das gibt die UN-Kinderrechtskonvention vor, die Parlament und Bundesrat 1997 unterzeichnet haben. Allerdings gehören Anhörungen noch immer nicht zur verbreiteten Praxis. Folge ist, dass die Wünsche und Bedürfnisse der Scheidungskinder immer noch wenig zur Kenntnis genommen werden, obwohl sie bei Scheidungen selbst zentral betroffen sind. Auch von der Möglichkeit, einen Kinderanwalt einzusetzen, machen Richter selten Gebrauch.