Zivilcourage macht Kinder stolz

Ein Schüler wird auf dem Schulhof geärgert, geschubst und ausgelacht. Wie stolz wären wir doch, wenn unser Kind jetzt eingreifen und Flagge zeigen würde! Wie Kinder Zivilcourage lernen, ohne sich selbst zu gefährden, weiss die Psychologin und Professorin Veronika Brandstätter-Morawietz von der Universität Zürich.

Ein Kind mit Zivilcourage

«Zivilcourage braucht ein starkes Kind.» Foto: yaruta, iStock, Thinkstock

Wer kommt besser durchs Leben – wer stets Erwartungen erfüllt oder wer Zivilcourage zeigt?

Prof. Brandstätter-Morawietz: Wer stets Erwartungen erfüllt, verhält sich unkritisch. Und wer ständig aufbegehrt, stört das Zusammenleben. Erwartungen erfüllen und Zivilcourage schliessen sich aber nicht aus. Eine Gesellschaft braucht Menschen, die fein zu unterscheiden wissen, wann es sinnvoll ist, sich anzupassen, und in welchen Situationen es wichtig ist, wachsam zu sein und einzuschreiten, selbst dann, wenn man damit gegen Erwartungen verstösst.

Zivilcourage ist einer Ihrer Forschungsschwerpunkte. Warum brauchen Menschen Zivilcourage?

Ohne Zivilcourage ist keine Demokratie möglich, oder anders ausgedrückt: Demokratie braucht Zivilcourage! Nicht nur staatliche Institutionen, jeder einzelne muss für die Werte unserer demokratischen Grundordnung – wie Respekt, Toleranz, Gewaltfreiheit, Friedfertigkeit und soziale Verantwortung – einstehen. Zivilcourage nützt auch dem Einzelnen, nicht nur, weil jeder zum Opfer werden und auf Hilfe angewiesen sein kann. Die Forschung zeigt: Wer couragiert handelt, gewinnt Selbstvertrauen. Zivilcourage macht stolz, Mut tut gut!

Haben Kinder diesen Mut?

Wissenschaftliche Studien haben ergeben: 80 Prozent der Kinder wollen unbedingt einschreiten, wenn anderen Gewalt angetan wird. Doch nur 19 Prozent trauen sich in einer kritischen Situation tatsächlich, etwas zu tun. Das zeigt: Einem Grossteil der Kinder fehlen Handlungskompetenzen. Vielfach glauben sie, Zivilcourage bedeute, sich mit ins Getümmel werfen zu müssen. Sie fürchten sich vor der Gefahr, selbst verletzt zu werden.

Nicht nur Kinder, auch Eltern, die Zivilcourage vermitteln können, haben Angst vor den Folgen. Wie gefährlich ist Zivilcourage?

Handlungen, die Courage erfordern, sind per se mit einem Risiko behaftet. Das, was man riskiert, kann aber ganz unterschiedliche Formen annehmen. Für ein Kind kann es schon sehr unangenehm sein, plötzlich mit der eigenen abweichenden Meinung im Mittelpunkt zu stehen. Möglicherweise besteht auch die Gefahr, den Rückhalt der eigenen Gruppe zu verlieren. Doch solche Risiken müssen Menschen mutig und tapfer eingehen, die gilt es auszuhalten. Allerdings darf kein Kind, auch kein Erwachsener, sich dem Risiko aussetzen, selbst tätlich angegriffen zu werden!

Zivilcourage ist also nur dann hilfreich, wenn sie nicht blindlings, sondern mit Vernunft eingesetzt wird. Gibt es Strategien, die Kinder kennen sollten?

Ja! In Situationen, in denen es nicht um körperliche Gewalt geht, gilt es, mit Worten einzugreifen. Denn aggressive Kinder empfinden Schweigen als Zustimmung. Dabei sollten immer «Ich-Botschaften formuliert werden: «Ich finde es nicht richtig, dass du der Lea die Mütze weggenommen hast!» Ein solcher Satz wirkt im Gegensatz zu «Du bist doof, weil du der Lea die Mütze weggenommen hast» nicht provozierend. Ruhig zu wirken, das aggressive Kind weder berühren noch beschimpfen, ist wichtig. Eine Gruppe tritt natürlich stärker auf als ein einzelnes Kind. Deshalb ist es sehr sinnvoll, andere Kinder aufzufordern, ebenfalls einzuschreiten. Insgesamt müssen Kinder wissen, dass Angst in solchen Situationen natürlich ist und man lernen kann, mit ihr umzugehen.

Viele Kinder wollen keine Hilfe holen, weil sie nicht als Petze da stehen wollen …

Wer Hilfe holt, ist keine Petze! Das müssen Kinder wissen. Eine Petze ist jemand, der andere verrät, um sich einen eigenen Vorteil zu verschaffen. Hier aber geht es darum, jemanden vor Schaden zu bewahren. In kritischen Situationen sollten Kinder unbedingt andere Menschen konkret ansprechen: «Peter, hole die Pausenaufsicht!», «Dort wird ein Kind angegriffen. Rufen Sie die Polizei!» Es ist eine grosse Entlastung für ein Kind, wenn es einen Erwachsenen ins Vertrauen ziehen und um Mithilfe bitten kann.

Was können Eltern tun, damit ihr Kind Courage zeigt, wenn es darauf ankommt?

Zivilcourage braucht ein starkes Kind. Wichtig ist deshalb, dass Eltern ihr Kind im Selbstwertgefühl stärken. Dafür müssen sie dem Kind mit Wärme und Einfühlungsvermögen, respektvoll und tolerant begegnen. Es ist gut, wenn Eltern ihr Kind wissen lassen, dass es seine eigenen Meinungen und seine Bedürfnisse äussern darf – und dass sie ernst genommen werden! Eine selbstverständliche Grundregel in der Familie sollte lauten: «Wir sprechen auch kritische Themen offen und ruhig an!» Kinder orientieren sich stark an Vorbildern. Wer sich ein Kind wünscht, dass sich für Schwächere einsetzt, sollte mit gutem Beispiel vorangehen!

Zur Person

Veronika Brandstätter-Morawietz

Foto: ©Marc Latzel

Veronika Brandstätter-Morawietz ist seit 2003 Professorin für Allgemeine Psychologie mit dem Schwerpunkt Motivation und Emotion an der Universität Zürich. Besonders wichtig ist ihr, die theoretischen Erkenntnisse der Psychologie für gesellschaftlich relevante Fragen nutzbar zu machen. Als Mutter von zwei Kindern hat sie Einblick in die Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen.

Weiterführende Links zum Thema Zivilcourage

www.eingreifen.de

www.zeige-courage.de

Das könnte Sie auch interessieren

Services & Newsletter