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Englisch lernen in der Schule mit Aunt Annie

Seit zwei Jahren tourt Aunt Annie mit ihrem kleinen Rollkoffer durch Schweizer Primarschulen. Die Tante aus Kanada spricht und versteht nur Englisch. Das motiviert Schüler, Englisch zu lernen. Wir haben Aunt Annie bei ihrem letzten Besuch in der 6. Klasse in der Schule Stallikon im Kanton Zürich begleitet.

Mit Aunt Annie lernen Kinder Englisch in der Schule.

Englisch wird immer wichtiger - auch an den Schulen. Foto: XiXinXing, Thinkstock

Jonas* ist der erste Schüler, der das Klassenzimmer betritt. Zögernd bleibt er im Türrahmen stehen und mustert den Gast, der neben seiner Englischlehrerin vorn an der Tafel steht. Da ruft ihm seine Lehrerin zu, er könne ruhig schon seinen Platz besetzen. Also legt Jonas die Sporttasche an seinen Platz und kommt pflichtbewusst nach vorn, um seine Lehrerin und den Gast mit einem Handschlag zu begrüssen. Er kennt ihn schon, diesen Gast. Es ist Aunt Annie, die Tante aus Kanada, die nur Englisch versteht und schon fünf Mal in seiner Klasse zu Gast war. Heute ist sie zum letzten Mal im Unterricht, weil die Kinder die Primarschule verlassen.

«Hey, Jonas, du bist ja der Erste», redet Aunt Annie auf Englisch auf ihn ein. «Warum bist du denn schon so früh dran?» fragt sie. «Ich have not duscht», sagt Jonas und die Tante schaut ihn mit fragenden Augen an. «Not duscht? What does that mean?» Jonas zeigt auf seine Haare. Auch das versteht sie nicht. Ein Glück, da hilft ihm seine Lehrerin aus der Klemme und nennt ihm den englischen Begriff für duschen. Jetzt versteht ihn die Kanadierin. Jonas hat nach der Sportstunde nicht geduscht und ist deshalb schon eher im Klassenzimmer als die anderen.

Die anderen Schüler kommen nun so langsam herein. Auch sie begrüssen die Englischlehrerin und Aunt Annie persönlich mit Handschlag. Dann kann es endlich losgehen. Die Tante aus Kanada will wissen, wohin die Kinder im Sommer in die Ferien fahren. Die Hände schnellen blitzschnell in die Höhe. Die Schüler erzählen, dass sie nach Spanien, Amerika, nach Australien und ins Tessin fahren. Wer ein Wort nicht auf Englisch weiss, dem hilft die Klasse weiter.

Englisch lernen von Muttersprachlern

Das Prinzip «Aunt Annie» ist einfach: Eine fremde Sprache lernen Kinder am besten mit Muttersprachlern. Wer der Kanadierin etwas zu erzählen hat, muss Englisch sprechen. Denn sie versteht nur diese Sprache. Aunt Annie heisst im wahren Leben Neera Steinke und kommt aus Kanada. Sie ist eine von insgesamt acht Tanten, die in Schweizer Primarschulen unterwegs sind. Alle haben Englisch als Muttersprache und eine didaktische Ausbildung oder langjährige gleichwertige Erfahrung. Dreimal pro Schuljahr besuchen sie die Schüler im Englischunterricht.

Rund 900 Franken kostet der Besuch pro Schuljahr

Das Angebot ist nicht ganz billig. Rund 900 Franken kosten die drei Besuche pro Jahr, durch Sponsoren kann ein günstigerer Preis angeboten werden. Für Lehrerin Edith Blum waren die hohen Kosten von etwa 600 Franken kein Problem. «Wir haben in unserer Schule ein extra Budget für besondere Anlässe», erklärt sie. «Daraus habe ich das Projekt finanziert.»

Dass sich der kurze Besuch auszahlt, ist den Schülern anzumerken. Sie haben Freude daran, Englisch zu sprechen. Die Klasse 6 der Schule Stallikon hat schon seit dem 2. Schuljahr Englischunterricht. Heute können Sie Neera Steinke zeigen, wie gut sie die Vokabeln für das Thema Ferien gelernt haben.

Mit Aunt Annie können Schüler nur Englisch sprechen.

Die Schüler bereiten einen Trip nach Kanada vor. Aunt Annie findet das «excellent».

Die Kanadierin teilt ein Blatt Papier aus. Darauf sind die schönsten Ausflugsziele ihrer Heimat vermerkt. Die Schüler sollen in Gruppenarbeit einen dreitägigen Trip durch Kanada planen. Kein Problem für die Zwölfjährigen. Schliesslich waren einige Schüler schon selbst dort, wie Jeanette*, die zum Camping in Kanada war oder Brian*, der die Niagara-Fälle schon gesehen hat. Schnell sind die Routen und die Sehenswürdigkeiten, die angeschaut werden sollen, festgelegt. Selbstbewusst gehen die Schüler nach vorn vor die Klasse und stellen ihren Ausflug vor. Auf Englisch, natürlich. Es geht nach Vancouver und Toronto. Eine Gruppe will sogar einen Helikopter ausleihen, um die Niagara Fälle von oben anzuschauen. Neera Steinke lacht. «Excellent, thank you», sagt sie und klatscht fröhlich in die Hände.

Kanada in die Klassenzimmer holen

«Wir können ein bisschen Kanada, Amerika oder England in die Klassenzimmer bringen», sagt Steinke. «Aber Aunt Annie ist immer nur eine Ergänzung zum Englischunterricht.» Als Edith Blum von dem Projekt in der Zeitung las, war sie sofort angetan von der Idee, eine Muttersprachlerin in die Klassenzimmer zu holen. Auch wenn es nur drei Besuche pro Schuljahr sind, so sei es doch motivierend für die Schüler, meint sie: «Aunt Annie ist so ein bisschen wie ein Dessert. Es ist etwas besonderes, worauf sich die Kinder freuen.» Gerade die Erfahrung, dass die Kommunikation mit dem Gast nur auf Englisch funktioniere, sei wichtig. «Ich als Schweizer Englischlehrerin kann nicht so tun, als würde ich die Kinder nicht verstehen, wenn sie mit mir Deutsch sprechen.»

Der zwölfjährige Brian findet es gut, dass die Klasse mit der Tante so viel Sprechen geübt hat. «Ich bin schon ein bisschen traurig, dass Aunt Annie das letzte Mal bei uns war», sagt er. Denn auf den Besuch der Kanadierin habe er sich immer gefreut. Genauso wie sein Freund Michael*, der Lust bekommen hat, selbst mal nach Amerika zu fahren.

*Name von der Redaktion geändert.

Mehr Informationen zu Aunt Annie

Die Besuche von Aunt Annie basieren auf der ALE (Authentic Learning Experience) Method®, entwickelt von der Schweiz-Amerikanerin Sharon Kroska und dem Schweizer Markus Schulthess. Das neuartige Bildungsangebot bringt die Schüler bewusst in eine Situation, in der sie die englische Sprache verstehen und sprechen müssen. Jede Aunt Annie ist von englischer Muttersprache.

Das Projekt wurde vor 5 Jahren das erste Mal durchgeführt. Im Schuljahr 2010/2011 wurden 111 Klassen in der Zentralschweiz und den Kantonen St. Gallen sowie Zürich von insgesamt acht Aunt Annies besucht. Ziel ist es, bis ins Jahr 2020 das Angebot für rund 1000 Schulklassen auszuweiten.

Die Kosten für 3 Besuche pro Schulklasse und Schuljahr betragen 870 Franken. Einen Teil davon müssen die Schulgemeinden selbst tragen. Ein Grossteil der Kosten wird aber von Unternehmen und Institutionen übernommen.

Mehr Informationen gibt es unter www.auntannie.ch und per E-Mail unter info@alemethod.com.

Quelle: ALE Method