Kind > SchuleLehrplan 21 – wie sich der Unterricht in der Schweiz verändert Sieglind Riedel Der Lehrplan 21 bringt Veränderungen in die obligatorischen Schulen der Schweiz. Viele Eltern wollen wissen, wie sich der Unterricht wandelt und wie du dein Kind im Schulalltag sinnvoll begleiten kannst. Hier findest du Antworten, Beispiele aus dem Unterricht und praktische Hinweise für Gespräche mit der Schule. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken Alles, was Sie zum Lehrplan 21 wissen sollten. Foto: Tim Mossholder, Unsplash Künftig wird es für Familien in der Schweiz einfacher, in einen anderen Kanton zu ziehen: Der Lehrplan 21 wurde von den deutschschweizer Kantonen gemeinsam entwickelt. Die bisherige Gliederung nach Schulstufen wurde in eine Struktur mit drei Zyklen überführt. Das klingt zunächst unkompliziert – gleichzeitig gibt es Fragen und Kritik. Hier bekommst du einen Überblick, was der Lehrplan 21 will, was sich im Alltag tatsächlich verändert und worauf du als Elternteil achten kannst. Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Lehrplan 21: Wozu wurde ein neuer Lehrplan entwickelt? Was soll er bewirken? Was ändert sich mit dem Lehrplan 21? Welche Kritik gibt es am Lehrplan 21? Wann wurde bzw. wird der Lehrplan 21 in meinem Kanton eingeführt? Wozu wurde ein neuer Lehrplan entwickelt? Was soll er bewirken? Der Lehrplan 21 ist ein gemeinsamer Lehrplan für die Volksschulen. Die 21 Kantone in der Deutschschweiz haben ihn eingeführt. Er wurde zwischen 2010 und 2014 von der Deutschschweizer Erziehungsdirektoren-Konferenz erarbeitet. Die Volksschule war zuvor je nach Kanton unterschiedlich aufgebaut und beschrieben. Der Lehrplan 21 definiert drei Zyklen, die in allen Kantonen nach der gleichen Grundlogik umgesetzt werden sollen. Trotzdem bleiben kantonale Unterschiede bestehen, zum Beispiel bei der Auswahl und Reihenfolge von Fremdsprachen oder bei der konkreten Ausgestaltung der Beurteilung. Ziel des Lehrplans 21 ist, Unterrichtsinhalte und Erwartungen stärker zu harmonisieren. Zusätzlich werden Bereiche wie «berufliche Orientierung» und «Medien und Informatik» verbindlicher beschrieben, damit Kinder und Jugendliche besser auf eine digital geprägte Lebens- und Arbeitswelt vorbereitet werden. Für dich als Elternteil kann das bei einem Kantonswechsel Orientierung geben: Es ist klarer, welche grundlegenden Ziele in einem Zyklus erreicht werden sollen – auch wenn die Umsetzung weiterhin von Schule zu Schule unterschiedlich sein kann. Was ändert sich konkret im Klassenzimmer? Kompetenzorientierung statt Stofflisten Viele Eltern hören «Kompetenzen» und fragen sich: Heisst das, Wissen sei weniger wichtig? Im Lehrplan 21 sind Kompetenzen so beschrieben, dass Kinder Wissen aufbauen, es anwenden können und dabei passende Lernhaltungen entwickeln. Im Alltag bedeutet das: Nicht nur «Was hat mein Kind auswendig gelernt?», sondern auch «Kann es das Gelernte nutzen, erklären, überprüfen und in neuen Situationen anwenden?» Beispiele, wie sich das zeigen kann: Deutsch: Dein Kind liest nicht nur einen Text, sondern übt auch, Kernaussagen zu finden, Argumente zu erkennen oder eine eigene Meinung verständlich zu formulieren (mündlich und schriftlich). Oft wird dabei stärker mit Textsorten gearbeitet, die im Alltag wichtig sind, etwa Sachtexte, Anleitungen oder kurze Stellungnahmen. Mathematik: Neben dem Rechnen geht es vermehrt darum, Lösungswege zu begründen («Wie bist du darauf gekommen?»), Aufgaben strategisch zu lösen und Ergebnisse zu überprüfen. Fehler werden häufiger als Lernschritt genutzt: Kinder sollen erkennen, warum ein Weg nicht funktioniert, und daraus ableiten, wie es besser geht. NMG (Natur, Mensch, Gesellschaft): Anstatt viele Einzelthemen «durchzunehmen», wird oft forschender gearbeitet: beobachten, Fragen entwickeln, Informationen ordnen, einfache Experimente planen oder Zusammenhänge diskutieren (zum Beispiel Umwelt, Gesundheit, Zusammenleben, Konsum). Für dich ist hilfreich zu wissen: Kompetenzorientierung kann sich für Kinder zunächst ungewohnt anfühlen, weil nicht immer «das eine richtige Blatt» zählt, sondern der Lernprozess sichtbarer gemacht wird. Das ist nicht automatisch leichter oder schwerer – aber anders. Neue Rolle von Projekten und selbstgesteuertem Lernen In vielen Klassen sind offene Lernformen stärker präsent, zum Beispiel Projektarbeit, Lernateliers, Wochenpläne oder kooperative Lernformen. Das kann Kinder darin stärken, Verantwortung zu übernehmen, Aufgaben zu planen, dranzubleiben und im Team zu arbeiten. Chancen: Selbstständigkeit, Motivation durch Wahlmöglichkeiten, Üben von Zusammenarbeit und Kommunikation, mehr Raum für unterschiedliche Lerntempi. Mögliche Stolpersteine: Manche Kinder fühlen sich überfordert, wenn Ziele zu wenig konkret sind oder wenn sie Mühe mit Planung und Organisation haben. Andere sind unterfordert, wenn sie zu schnell fertig sind und keine sinnvollen Vertiefungsaufgaben bekommen. Hier ist nicht «das Kind» schuld – oft braucht es klare Strukturen, passende Unterstützung und regelmässiges Feedback durch die Lehrperson. Wenn du merkst, dass dein Kind oft nicht weiss, was genau erwartet wird, hilft eine einfache Rückfrage an die Lehrperson: «Welche Lernziele sind diese Woche zentral, und woran merkt mein Kind, dass es sie erreicht?» Ein Beispiel aus dem Lehrplan 21: Was wird in «Medien und Informatik » gelehrt? «Medien und Informatik» vermittelt den Schülern die automatisierte Verarbeitung, Speicherung und Übermittlung von Informationen. Sie lernen zum Beispiel, wie man einen Roboter programmiert, und werden in Informations- und Kommunikationstechnologien unterrichtet. Es wird gelehrt, Medien selbstständig zu nutzen, aber auch kritisch zu betrachten. Aufgeklärt werden die Schüler über «Fake News», Soziale Medien und Datennutzung. Beurteilung und Noten im Lehrplan 21 Lernberichte, Beurteilungsraster und Notenzeugnis Ein häufiger Punkt aus Elternsicht ist die Frage: «Gibt es jetzt noch Noten?» In vielen Kantonen und Gemeinden werden Noten weiterhin eingesetzt – besonders dort, wo sie für Übertritte (zum Beispiel in die Sekundarstufe I oder in weiterführende Lösungen) eine Rolle spielen. Gleichzeitig arbeiten Schulen oft zusätzlich mit Lernberichten, Kompetenzrastern oder Beurteilungsbögen, um genauer zu beschreiben, was ein Kind bereits kann und wo es noch Unterstützung braucht. Für dich wichtig: Ein Raster oder Lernbericht ist nicht einfach «mehr Papier». Idealerweise zeigt er dir konkreter als eine einzelne Note, ob dein Kind zum Beispiel beim Schreiben eher Mühe mit Rechtschreibung, Textaufbau oder dem Formulieren von Argumenten hat – und was als nächster Lernschritt sinnvoll ist. Was Eltern aus Zeugnis und Lernberichten herauslesen können Wenn du Lernberichte oder Kompetenzraster anschaust, hilft es, nicht jede Formulierung als endgültiges Urteil zu verstehen. Häufig sind das Momentaufnahmen: Wo steht dein Kind gerade, und was ist der nächste Schritt? So kannst du das Gespräch mit Lehrer:innen konkret führen: «Welche 2–3 Kompetenzen sind im Moment die wichtigsten Lernziele?» «Woran erkenne ich als Elternteil zu Hause, dass mein Kind Fortschritte macht?» «Welche Unterstützung bekommt mein Kind in der Schule – und was wäre zu Hause hilfreich, ohne zusätzlichen Druck?» «Wenn es eine Note gibt: Welche Leistungen fliessen ein (Tests, Mitarbeit, Projekte, Lernkontrollen)?» «Gibt es Fördermassnahmen oder Zusatzangebote, wenn ein Bereich deutlich hinterherhinkt?» Wenn du unsicher bist, ob dein Kind «gut genug» unterwegs ist: Bitte um eine Einordnung in Bezug auf den Zyklus (nicht nur zur nächsten Prüfung). Das nimmt Druck raus und hilft, realistischer zu planen. Was ändert sich mit dem Lehrplan 21? Bisher waren die Lehrpläne nach Schulstufen gegliedert und diese haben sich je nach Kanton unterschieden. Nun hat man sich auf drei Zyklen geeinigt. Der erste Zyklus umfasst den Kindergarten und die 1. und 2. Primarstufe, der 2. Zyklus die 3. bis 6. Klasse und der 3. Zyklus geht von der 7. bis zur 9. Klasse. Jeder Zyklus beinhaltet verschiedene Fachbereiche, die sich über alle Zyklen ziehen können oder beispielsweise erst mit dem 3. Zyklus beginnen. Anstatt der bisherigen Schulfächer gibt es verschiedene Fächergruppierungen. Ein Beispiel: Die Gruppierung «Natur, Mensch, Gesellschaft» ist aufgeteilt in «Natur und Technik», «Wirtschaft, Arbeit, Haushalt»,«Räume, Zeiten, Gesellschaften» und «Ethik, Religionen, Gemeinschaft». Die bekannten Fächer Physik, Chemie und Biologie fallen unter die Rubrik «Natur und Technik». Die Hauswirtschaft fällt unter «Wirtschaft, Arbeit, Haushalt». Der bisherige Sportunterricht heisst im Lehrplan 21 «Bewegung und Sport». Beim Lehrplan 21 soll nicht nur die reine Wissensvermittlung im Zentrum stehen, sondern die Vermittlung von Kompetenzen. Dem Lehrplan zufolge sind drei Aspekte wichtig, um eine Kompetenz zu erwerben: Wissen, Können und Wollen. So unterstützt du dein Kind unter dem Lehrplan 21 Alltag zu Hause – ohne Nachhilfe-Stress Du musst den Lehrplan 21 nicht «zu Hause umsetzen». Was Kinder am meisten stärkt, sind verlässliche Strukturen, Interesse und ein realistischer Blick auf das, was in der Schule gerade zählt. Bei Hausaufgaben und Wochenplänen: Hilf beim Planen (Was ist bis wann fällig?), aber nicht beim «Vormachen». Eine gute Faustregel: Du unterstützt den Prozess, nicht die Lösung. Kurze Lernzeiten, klare Pausen: Gerade bei offenen Aufgaben profitieren viele Kinder von überschaubaren Einheiten (zum Beispiel 15–25 Minuten) und einer kurzen Pause dazwischen. Fragen statt korrigieren: «Wie würdest du das erklären?» oder «Was ist dein Plan?» fördert Verständnis stärker als Rotstift-Korrekturen. Lesen und Sprache im Alltag: Regelmässiges Vorlesen, gemeinsames Lesen, über Inhalte sprechen, Einkaufslisten oder kurze Nachrichten schreiben – das unterstützt Kompetenzen, ohne sich wie «Zusatzschule» anzufühlen. Externe Unterstützung (Lerncoaching, Nachhilfe) kann sinnvoll sein, wenn dein Kind trotz strukturierter Übung, guter Erklärungen und Austausch mit der Lehrperson über längere Zeit feststeckt oder stark leidet. Sie ist weniger sinnvoll, wenn vor allem Zeitmanagement, Motivation oder unklare Erwartungen das Problem sind – das lässt sich oft besser direkt mit der Schule klären. Wenn die neue Lernkultur nicht zum Kind passt Nicht jedes Kind kommt gleich gut mit offenen Lernformen, Gruppenarbeiten oder Projektphasen zurecht. Das ist normal. Achte auf Warnzeichen wie häufige Bauchschmerzen vor der Schule, Rückzug, starke Wut bei Aufgaben oder das Gefühl «Ich kann das sowieso nicht». Dann lohnt sich ein frühes, ruhiges Gespräch. Konkrete nächste Schritte, die sich bewährt haben: Mit der Klassenlehrperson sprechen: Bitte um konkrete Beispiele aus dem Unterricht (wo klappt es, wo nicht?) und um klare nächste Ziele für die nächsten 4–6 Wochen. Schulinterne Unterstützung nutzen: Je nach Schule gibt es schulische Heilpädagogik, DaZ, Förderstunden oder Teamteaching. Frage explizit, welche Angebote passen könnten. Schulsozialarbeit einbeziehen: Wenn Stress, Konflikte oder Motivation im Vordergrund stehen, kann die Schulsozialarbeit niederschwellig helfen. Schulpsychologischer Dienst: Wenn du vermutest, dass mehr dahintersteckt (zum Beispiel anhaltende Lernblockaden, starke Ängste, Konzentrationsprobleme), kann eine Abklärung und Beratung entlasten und hilfreiche Massnahmen aufzeigen. Wichtig: Du musst keine «perfekte Lernbegleitung» leisten. Für Kinder ist es oft am stärksten, wenn sie erleben: Schule darf herausfordernd sein – und wir suchen gemeinsam Wege, wie es wieder besser geht. Welche Kritik gibt es am Lehrplan 21? Die offizielle Webseite des Lehrplans 21 wird von der Bildungsdirektoren-Konferenz gepflegt und führt einige Kritikpunkte zum Lehrplan 21 auf. Wir haben ein paar Punkte sowie die Antworten von Vertretern des Lehrplans zusammengefasst. Der Erwerb von Wissen stehe nicht mehr im Zentrum, sondern der Erwerb von Kompetenzen. Damit verliere das Wissen und die Inhalte an Relevanz. Antwort: «Wissen ist die Basis für Kompetenz. Man kann nicht kompetent sein, wenn man sich in der Sache nicht auskennt. Der Lehrplan 21 weist daher aus, welches Wissen die Schule vermitteln soll, bleibt aber dort nicht stehen.» Kinder sollen überwiegend selbstständig arbeiten. Die Lehrer seien demnach nur noch Lernbegleiter und die fundamentale Aufgabe des Lehrens gehe verloren. Antwort: «Von all dem steht im Lehrplan 21 nichts. Das Lern- und Unterrichtsverständnis, das dem Lehrplan 21 zu Grunde liegt, ist in der Broschüre „Grundlagen“ dargestellt. Darin wird auf die zentrale Bedeutung der Lehrerinnen und Lehrer für die Gestaltung des Unterrichts, die Führung der Klasse und die Unterstützung der Schülerinnen und Schüler hingewiesen.» Der Lehrplan vermittle neben Kompetenzen auch Werte und Einstellungen. Das führe zu einer ideologischen Beeinflussung der Schüler. Antwort: «Der Lehrplan 21 respektiert die Privatsphäre der Schülerinnen und Schüler und ihrer Familien. Eine ideologische Beeinflussung der Schülerinnen und Schüler ist nicht zulässig. Der Lehrplan enthält keine Aufträge zur Vermittlung spezifischer Haltungen und Einstellungen. Hingegen gehört die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Haltungen und Einstellungen zum Auftrag der Schule.» Wann wurde oder wird der Lehrplan in Ihrem Kanton umgesetzt? Zürich 2018/19: Kindergarten und Primarschule (bis 5. Klasse) 2019/20: 6. Klasse Primar- und Sekundarschule Aargau 2020/2: Kindergarten, Primarschule und 1. Oberstufe 2021/22: 2. Oberstufe 2022/23: 3. Oberstufe Thurgau, Nidwalden 1 August 2017 Basel 2015/16: Primarstufe 2018/19: Sekundarstufe Bern 1. August 2018 Luzern, St. Gallen, Appenzell Ausserrhoden, Obwalden, Uri 2017/18 Schwyz 2017/18: Kindergarten- und Primarstufe 2018/19: Sekundarstufe I Graubünden, Wallis, Appenzell Innerrhoden, Solothurn 2018/19 Freiburg, Schaffhausen, Zug 2019/20 Glarus ab 2017/18 bis 2021