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So können Eltern bei der Maturaarbeit helfen

Irgendwo hakt es bei der Maturaarbeit. Was Eltern tun können, um ihre Kinder zu unterstützen, weiss Balz Müller, Pädagogischer Leiter beim Nachhilfeinstitut LearningCulture.

Manchmal läuft die Maturaarbeit nicht rund. Aber Eltern können helfen. Foto: Siora Photography, Unsplash

Manchmal läuft die Maturaarbeit nicht rund. Aber Eltern können helfen. Foto: Siora Photography, Unsplash

Das Wichtigste in Kürze:

  • Die Hilfe beginnt damit, dass Eltern ihre Jugendlichen auf deren Interessen aufmerksam machen können.
  • Eltern müssen ihrem Kind auf Augenhöhe begegnen.
  • Ein Nachhilfelehrer kann eine sinnvolle Unterstützung sein, da die Betreuungsperson nicht in jedem Fall der richtige Ansprechpartner ist.

Herr Müller, viele Eltern wollen ihre Kinder gern bei der Maturaarbeit begleiten und unterstützen. Welche Art der Hilfe ist denn besonders hilfreich?

Schüler können ihre Themen grundsätzlich wählen. Die Qual der Wahl kann sie schnell überfordern. Eltern geben eine gute Hilfestellung, wenn sie den Jugendlichen daran erinnern, wofür er oder sie sich interessiert. «Schau mal, dieser Themenbereich hat dir doch immer gefallen!» Jugendlichen ist das oft gar nicht bewusst. Sie brauchen jemanden, der ihnen ihre Neigungen und Interessen deutlich macht. So bekommen sie Ideen.

Können Eltern auch bei der Wahl der Arbeitsweise beraten?

Ja, Eltern kennen ihr Kind. Sie wissen, ob es kommunikativ ist oder lieber alleine arbeitet. «Ich kann mir vorstellen, dass du gern online oder in der Bibliothek recherchierst»: Dieser Tipp hilft denen, die konzentriert und selbstständig in Ruhe arbeiten können. Eine Literaturarbeit liegt ihnen besonders. Andere machen besonders gern Experimente oder sind so kommunikativ, dass eine Umfrage als Methode gut zu ihnen passt. Ist das Thema einmal gewählt, ist auch eine klare Fragestellung sehr wichtig, damit sie sich nachher nicht im Kontext verlieren.

Aus Erfahrung weiss ich, dass Gruppenarbeiten oft nicht so glücken.

Wie erkennen Eltern eine solche klare Fragestellung? Haben Sie ein Beispiel?

Wenn sich ein Jugendlicher zum Beispiel für die Klimabewegung interessiert, ist es angezeigt, eine Fragestellung nicht allgemein wie «Was sind die Folgen von Gretas Schulstreik», sondern spezifisch auf das engere Umfeld der Jugendlichen zu begrenzen, weil sie da auch leichter recherchieren und auf vorhandenen Kenntnissen aufbauen können. Also etwa: «Inwiefern zeigten die Schulstreiks im Frühjahr 2019 Auswirkungen auf das Reiseverhalten von Gymnasiasten in der Stadt Zürich?»

Wovon sollten Eltern ihrem Jugendlichen eher abraten?

Aus Erfahrung weiss ich, dass Gruppenarbeiten oft nicht so glücken. Einzelarbeiten fallen leichter, weil sie weniger Koordination erfordern und weil man inhaltlich und methodisch keine Kompromisse machen muss.

Wie wichtig ist die Wahl der Betreuungsperson?

Schüler können Betreuungspersonen grundsätzlich frei wählen; in manchen Schulen wird sie auch nach Fachgebiet zugewiesen. Auch dann aber kann man über das Fachgebiet die Fachperson, die die Arbeit betreuen wird, steuern. Die Betreuungsperson spielt eine zentrale Rolle, weil sie erste Ansprechperson bei Fragen oder Schwierigkeiten und auch für die Bewertung zuständig ist. Aber da die Jugendlichen die Lehrer besser kennen als die Eltern, sind die Eltern da eher aussen vor.

Wenn Eltern fasziniert sind und der Jugendliche Hilfe zulässt, werden die Inhalte zum Gesprächsthema «am Küchentisch». Das kann den Jugendlichen sehr inspirieren.

Welche Facts über diese speziellen Arbeiten müssen Eltern kennen, wenn sie ihr Kind begleiten wollen?

Eltern sollten auf jeden Fall die Reglemente der Schulen lesen, damit sie wissen, was verlangt wird. Besonders wichtig ist der Zeitplan für die Maturaarbeit. Denn die Einhaltung der Termine fällt oft besonders schwer. In einer hektischen Nachtschicht sind selbst Teilarbeiten nicht zu erledigen. Das liegt nicht nur am Aufwand, sondern auch an den äusseren Umständen. Schliesslich sind die Schreibenden abhängig von den Öffnungszeiten der Bibliotheken, von Meetings, Interviews und natürlich von den übrigen Herausforderungen des schulischen Alltags wie Prüfungen, Referaten und so weiter. Eltern übernehmen oft einen riesigen Part bei der Zeitkontrolle, was zwangsläufig zu kleineren oder grösseren Konflikten mit den Jugendlichen führt.

Jugendliche wollen oft nicht, dass Eltern sich einmischen …

Eltern müssen sich immer auf Augenhöhe mit ihrem Jugendlichen bewegen. «Ich bin bereit, dir zu helfen, wenn du mitmachst», so sollte das Signal lauten. Ich habe einige Eltern erlebt, die selbst viel Freude am Thema der Arbeit entdeckt haben. Wenn Eltern fasziniert sind und der Jugendliche Hilfe zulässt, werden die Inhalte zum Gesprächsthema «am Küchentisch». Das kann den Jugendlichen sehr inspirieren.

Was tun, wenn der Schreibende eine Durststrecke hat?

Nicht immer ist die Betreuungsperson der richtige Ansprechpartner bei Schwierigkeiten. Schliesslich ist die Betreuungsperson auch diejenige, die den Arbeitsprozess bewertet.

Es ist wichtig herauszufinden, wo es hakt. In der Regel tun sich Schüler bei der Organisation schwer. Sie strukturieren dann ihre Aufgaben nicht klar. So schreiben sie zum Beispiel schon am Hauptteil, obwohl sie die Recherche noch nicht beendet haben. Ein sauberer Plan hilft. Also: zuerst breit Infos über das Thema sammeln, dann eine Fragestellung entwickeln, die Methode definieren und anschliessend die Grobgliederung erstellen. Erst jetzt folgen die vertiefte Recherche und anschliessend das Texten. Wenn man aufgrund des Plans den Fokus auf die einzelnen Schritte legt, kann es geordnet vorgehen.

Was tun bei Prokrastination?

Ängste, die ja oft hinter einer Aufschieberei oder Prokrastination stecken, hindern die Jugendlichen eher selten daran, die Aufgabe zu erledigen. Schliesslich wissen sie schon lange, was auf sie zukommt. Und in der Mediathek sind sie guten Arbeiten begegnet, die sie sicher schon mal angeschaut haben, um herauszufinden, wie sie aufgebaut sind. Manche Gymnasien führen mit kleinen Vorarbeiten an die Maturaarbeit heran.

Kann Nachhilfe eine Lösung sein?

Ja, denn nicht immer ist die Betreuungsperson der richtige Ansprechpartner bei Schwierigkeiten. Schliesslich ist die Betreuungsperson auch diejenige, die den Arbeitsprozess bewertet. Je nach Einstellung kann sie es positiv bewerten, wenn jemand Schwierigkeiten artikuliert und sie überwindet. Sie kann aber auch eine andere Einstellung haben und Probleme generell eher negativ beurteilen. Und auch die Eltern können nicht immer helfen, weil sie vielleicht selbst zu wenig von wissenschaftlichem Arbeiten verstehen oder kaum Zeit dafür haben. Hilfe von aussen kann darüber hinaus erfrischend sein, eine neue Perspektive öffnen und eventuell schnell Knoten lösen.

Konzentrations- und Entspannungsübungen helfen in jedem Falle und gehören zur Vorbereitung der mündlichen Präsentation.

Wie erkennen Eltern einen guten Nachhilfelehrer für diesen Zweck?

Der Nachhilfelehrer sollte Gymnasiallehrer mit einer gewissen Erfahrung sein und einige Jahre Maturaarbeiten begleitet haben, damit er die typischen Probleme kennt, die auftreten können. Natürlich ist es auch hilfreich, wenn der Nachhilfelehrer mit dem Thema einigermassen vertraut ist.

Wie wichtig ist die Präsentation der Arbeit?

Sehr wichtig. Denn bewertet werden nicht nur der Arbeitsprozess und die schriftliche Arbeit, sondern auch die Präsentation. Der dosierte Einsatz von Powerpoint oder anderen Visualisierungen lockert die Präsentation auf.

Was tun bei Lampenfieber?

«Wenn du Lust hast, kannst du uns deine Arbeit schon mal vortragen», können Eltern vorschlagen. Den Vortrag auf diese Weise zu üben, gibt viel Sicherheit. Freies Sprechen mit Stichwortkärtchen lässt sich üben. Auch Grosseltern und Freunde können sich zur Verfügung stellen. Konzentrations- und Entspannungsübungen helfen in jedem Falle und gehören zur Vorbereitung der mündlichen Präsentation.

Was lässt sich aus der Maturaarbeit lernen?

Sie bietet einen wichtigen Erfahrungsschatz für das Studium. Eltern von Jugendlichen, die die Maturaarbeit nur widerwillig erledigt haben, können ihm oder ihr raten zu überlegen, ob eine eher praktisch orientiert Ausbildung wie zum Beispiel eine Fachhochschule vielleicht mehr Freude und Erfüllung bringt als ein akademisches Studium.

Balz Müller kennt sich aus mit Maturaarbeiten.

Zur Person:

Balz Müller arbeitet seit 2016 als pädagogische Leiter beim Nachhilfeinstitut LearningCulture in Zürich, das auch Schul- und Lernberatung, Coaching und gezielte Prüfungsvorbereitungen für das Gymnasium und die Berufsmaturitätsschule anbietet. Der ehemalige Rektor internationaler Privatschulen wie dem Lyceum Alpinum Zuoz und dem Institut Montana Zugerberg hat viele Maturaarbeiten selbst betreut und immer wieder erlebt, dass eine erfolgreiche Maturaarbeit die Jugendlichen mit Stolz erfüllt und eine unvergessliche Erfahrung während der gymnasialen Ausbildung bedeutet.