Kinderwunsch > UnfruchtbarkeitSchilddrüse und Kinderwunsch: Wann der Hals eine Rolle spielt – und was der TSH-Wert verrät Julia Wohlgemuth Luisa Müller Wer nicht schwanger wird, denkt nicht automatisch an den Hals als mögliche Ursache. Doch eine gesunde Schilddrüsenfunktion ist bei Kinderwunsch wichtig. Wenn die Schilddrüse durch Unter- oder Überfunktion durcheinandergeraten ist, kann das Auswirkungen auf die Fruchtbarkeit und eine spätere Schwangerschaft haben. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken Eine Fehlfunktion der Schilddrüse kann Grund für unerfüllten Kinderwunsch sein. Foto: Fuse, Thinkstock Schon jedes Kind weiss, dass Babys im Bauch der Mutter wachsen. Wenn es mit einer Schwangerschaft nicht klappt, suchst du vermutlich zuerst bei den Fortpflanzungsorganen nach Ursachen. Nicht immer liegen die Probleme dort. Manchmal steckt die Ursache im Hals, in der Schilddrüse. Kurz erklärt: Was macht die Schilddrüse? Die Schilddrüse produziert Hormone, die viele Stoffwechselvorgänge im Körper steuern. Entscheidend sind vor allem die Schilddrüsenhormone T4 und T3 sowie das TSH (Thyreoidea-stimulierendes Hormon), das die Hirnanhangdrüse ausschüttet und mit dem sie die Schilddrüse antreibt. Ein erhöhter TSH-Wert deutet meist auf eine Unterfunktion (Hypothyreose) hin. Ein zu tiefer TSH-Wert spricht für eine Überfunktion (Hyperthyreose). Beide Störungen können sich auf den Zyklus, den Eisprung und die allgemeine Gesundheit auswirken. Wie beeinflusst die Schilddrüse die Fruchtbarkeit? Die Schilddrüsenhormone und die Sexualhormone stehen in engem Austausch. Wenn der hormonelle Haushalt aus dem Gleichgewicht gerät, kommt es häufig zu Zyklusstörungen: Deine Regel kann verspätet auftreten, sehr schwach sein oder ganz ausbleiben. Auch verkürzte Zyklen sind möglich. Bleibt der Eisprung regelmässig aus, wird es schwierig, schwanger zu werden. Die Schilddrüse ist dabei nur eine von mehreren möglichen Ursachen. Auch das PCO-Syndrom und andere Hormonstörungen kommen infrage. Bei Männern kann eine ausgeprägte Schilddrüsenstörung die Libido und Erektionsfähigkeit beeinträchtigen sowie die Spermienqualität verändern. Trotzdem ist bei Männern selten die Schilddrüse alleinige Ursache für Unfruchtbarkeit. Meist kommen weitere Faktoren hinzu. Wann solltest du deine Schilddrüse testen lassen? Wenn du seit mindestens zwölf Monaten (bei Frauen über 35 bereits nach sechs Monaten) auf eine Schwangerschaft wartest oder wenn dein Zyklus auffällig ist, sprich mit deiner Gynäkolog:in oder Hausärzt:in. Ein einfacher Bluttest auf TSH und bei Bedarf freies T4 (fT4) gibt erste Hinweise [3]. Bei unerfülltem Kinderwunsch werden zusätzlich die Anti-TPO-Antikörper bestimmt, je nach Befund auch weitere Antikörper [3]. Welche Ursachen sonst noch hinter einem unerfüllten Kinderwunsch stecken können, klärt ihr am besten gemeinsam ab. Ein Reihentest der Schilddrüse für alle ist in der Schweiz wie in Deutschland nicht vorgesehen [3] [4]. Getestet wird gezielt, wenn es einen Anlass gibt: unerfüllter Kinderwunsch, auffälliger Zyklus, Fehlgeburten oder Frühgeburten in der Vorgeschichte, eine Schilddrüsenerkrankung in der Familie, eine bekannte Autoimmunerkrankung oder Beschwerden, die dazu passen. Autoimmunerkrankungen der Schilddrüse: Hashimoto und Basedow Zu den häufigsten Ursachen für eine gestörte Schilddrüsenfunktion gehören Autoimmunerkrankungen. Bei Hashimoto (chronische lymphozytäre Thyreoiditis) greift das Immunsystem die Schilddrüse an und führt langfristig meist zu einer Unterfunktion. Bei Morbus Basedow führen stimulierende Antikörper gegen den TSH-Rezeptor zu einer Überfunktion [3]. Beide Erkrankungen lassen sich über Antikörper im Blut nachweisen. Eine wichtige Einordnung dazu: Anti-TPO-Antikörper sind zwar mit Unfruchtbarkeit und Fehlgeburten verbunden. Ein Schilddrüsenhormon vorbeugend einzunehmen, senkt dieses Risiko nach heutigem Wissensstand aber nicht [2]. Wenn du also positive Antikörper hast und deine Werte sonst in Ordnung sind, ist das allein noch kein Grund für eine Therapie. Was in deinem Fall sinnvoll ist, entscheidet deine Ärzt:in. Was tun bei Nachweis einer Schilddrüsenunterfunktion? Bei einer diagnostizierten Unterfunktion ist die Behandlung gut etabliert: Levothyroxin (synthetisches T4) wird in einer individuell angepassten Dosis verabreicht. In der Schweiz gilt bei Kinderwunsch und in der Schwangerschaft ein TSH-Wert ab 4,0 mU/l als Grund, eine Behandlung zu beginnen [2]. Unter laufender Therapie wird dann ein TSH zwischen 0,5 und 2,5 mU/l angestrebt. Diese beiden Zahlen werden oft verwechselt: Die 2,5 sind ein Zielwert unter Behandlung, keine Schwelle, ab der jede Frau behandelt werden müsste. Die früher verbreitete Faustregel «TSH unter 2,5 für alle» gilt heute nicht mehr [2]. Wichtig, sobald der Schwangerschaftstest positiv ist: Wenn du bereits vor der Schwangerschaft Levothyroxin nimmst, steigt der Bedarf sofort an. Die Dosis muss dann in aller Regel vorübergehend erhöht werden [3] [4]. Melde dich deshalb gleich bei deiner Ärzt:in, sobald du es weisst. Ändere die Dosis nie auf eigene Faust. Während der Schwangerschaft werden die Werte engmaschig kontrolliert, unter Substitution etwa alle vier Wochen [2]. Nach der Geburt wird die Dosis meist wieder auf den Stand von vorher zurückgenommen [2]. Überfunktion: Risiken und Behandlung in der Familienplanung Eine unbehandelte Hyperthyreose kann sowohl für dich als auch für eine mögliche Schwangerschaft Risiken bergen [3]. Symptome wie Herzrasen, Gewichtsabnahme, Nervosität oder Schlafstörungen sollten ernst genommen werden. Die Therapie richtet sich nach Ursache und Schweregrad. Medikamente, sogenannte Thyreostatika, werden bei Bedarf eingesetzt. In manchen Fällen kommen eine Operation oder eine Radiojodtherapie in Frage. Für die Familienplanung ist die Reihenfolge entscheidend. Bei Morbus Basedow oder einer Schilddrüsenautonomie sollte eine Schwangerschaft erst angestrebt werden, wenn das Schilddrüsenproblem gelöst ist [2]. Nach einer Operation wird empfohlen, ein bis zwei Monate zu warten oder bis die Werte neu eingestellt sind. Nach einer Radiojodtherapie beträgt die Wartezeit vor Konzeptionsversuchen sechs Monate [2]. Nuklearmedizinische Untersuchungen und Therapien sind während Schwangerschaft und Stillzeit zudem grundsätzlich nicht erlaubt [2]. Plane deshalb früh ein Gespräch ein, wenn eine solche Behandlung ansteht. Auch die Wahl des Medikaments hängt davon ab, ob und wann eine Schwangerschaft geplant ist. Spezielle Bedeutung während der Schwangerschaft Die Schilddrüse ist nicht nur für die Empfängnis wichtig. Auch während der Schwangerschaft beeinflusst sie die Entwicklung des Kindes. Der Bedarf an Schilddrüsenhormonen steigt schon in den ersten Wochen deutlich, bis zur zwölften Woche um rund ein Drittel [3]. Deshalb sind unbehandelte Störungen mit erhöhten Risiken verbunden, etwa Fehlgeburt, Präeklampsie oder Frühgeburt. Was in der Schwangerschaft als normal gilt, verschiebt sich dabei: TSH-Werte bis rund 4 mU/l gelten als unauffällig [3] [4]. Ein Wert knapp darüber ist also kein Alarmzeichen, sondern ein Grund für eine Kontrolle. Wie es weitergeht, entscheidet deine Ärzt:in anhand des fT4-Werts, der Antikörper und deiner Vorgeschichte. Bei einer bekannten Schilddrüsenerkrankung wird der TSH-Wert mindestens einmal pro Schwangerschaftsdrittel kontrolliert [4]. Jod: Warum es wichtig ist — aber nicht einfach mehr ist besser Jod ist ein zentraler Baustein der Schilddrüsenhormone. In der Schwangerschaft steigt der Bedarf von 150 auf 200 bis 300 Mikrogramm pro Tag [3]. Und genau hier hat die Schweiz ein Problem: Eine Studie zum Jodstatus der Bevölkerung zeigt, dass Frauen im gebärfähigen Alter, Schwangere, Stillende und Säuglinge im ersten Lebensjahr zu wenig Jod aufnehmen [1]. Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen empfiehlt deshalb eine jodreiche Ernährung: jodiertes Speisesalz, Milchprodukte und Meerfisch. Der Bund geht aber noch einen Schritt weiter. Er empfiehlt ausdrücklich, mit der Frauenärztin oder dem Frauenarzt zu besprechen, ob du zusätzlich Jod in Tablettenform nehmen solltest — und zwar bereits bei Kinderwunsch, nicht erst in der Schwangerschaft [1]. Achtung: Bei einer bestehenden Überfunktion oder bestimmten Schilddrüsenerkrankungen ist zusätzliches Jod nicht angezeigt und kann schaden [3]. Wer wegen einer Schilddrüsenerkrankung bereits behandelt wird, braucht in der Regel kein zusätzliches Jodid. Auch das ist ein Grund, das Thema anzusprechen, statt selbst zu dosieren. Psychische Belastung und Umgang mit Wartezeit Unerfüllter Kinderwunsch belastet emotional. Wenn zusätzlich eine Schilddrüsenerkrankung festgestellt wird, können Sorgen und Unsicherheit zunehmen. Sprich offen mit deiner Ärzt:in darüber, was die Diagnose für dich bedeutet. Eine manifeste Unter- oder Überfunktion lässt sich gut behandeln, und die Behandlung nimmt einen Störfaktor aus dem Weg [2]. Eine Garantie für eine Schwangerschaft ist sie nicht. Welche Anlaufstellen es in der Schweiz gibt und wie andere Paare mit der Wartezeit umgehen, liest du im Beitrag über die psychische Belastung bei unerfülltem Kinderwunsch. Praktische Checkliste für dich Wenn du seit einem Jahr vergeblich versuchst, schwanger zu werden (ab 35 nach einem halben Jahr): TSH und fT4 testen lassen. Bei unerfülltem Kinderwunsch gehören die Anti-TPO-Antikörper mit dazu. Positive Antikörper allein sind aber noch kein Therapiegrund. Bei einer Unterfunktion: Levothyroxin einnehmen und die Kontrolltermine wahrnehmen. Sobald der Schwangerschaftstest positiv ist: sofort melden. Die Levothyroxin-Dosis muss meist erhöht werden. Bei Überfunktion: Therapieoptionen und Wartezeiten abklären, bevor du schwanger wirst. Nach einer Radiojodtherapie sind es sechs Monate. Jod schon bei Kinderwunsch ansprechen. Keine eigenmächtigen hohen Dosierungen. Bei bestehender Schilddrüsenerkrankung: engmaschige Kontrollen während der Schwangerschaft einplanen. Hol dir bei Belastung psychologische Unterstützung oder such den Austausch in einer Selbsthilfegruppe. Weiterführende Links Mehr Informationen finden sich auf der folgenden Website: www.forum-schilddruese.de Quellen Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV): Ernährung in Schwangerschaft und Stillzeit — Jod, ein kritischer Nährstoff. Abgerufen am 21.08.2026. Trepp R.: Schilddrüsenerkrankungen vor, während und nach der Schwangerschaft. GYNÄKOLOGIE 2/2019, S. 20–24. Abgerufen am 21.08.2026. Obsgyn-Wiki, Fachliche Weisung Geburtshilfe: Schilddrüsenerkrankungen in der Schwangerschaft. Abgerufen am 21.08.2026. Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM): Patienteninformation «Erhöhter TSH-Wert — Verdacht auf Schilddrüsenunterfunktion bei Schwangeren», AWMF-Registernummer 053-046, 2023. Abgerufen am 21.08.2026.