Folgenschwerer Sturz

Nach einem schweren Unfall mit anschliessender Behinderung zurück ins Leben zu finden ist nicht immer einfach.

Die Familie kann helfen, um nach einem Unfall wieder zurück ins Leben zu finden.

Die Männerriege von Sevelen organisierte für den 25. August 2001 eine Bike-Tour im Jura. Jürg Keller hatte sich angemeldet und wäre an jenem Morgen trotzdem lieber liegen geblieben.

Er fährt als Zweitletzter. Der Waldweg ist kiesig. In einer Rechtskurve rutscht der Kollege vor ihm aus und er - relativ nahe aufgefahren - muss ausweichen. Er schaut nach links, sieht ein Bachbett, hat das Gefühl, dass er dort hinein fahren könne, weil es aussieht, als hätte es Rasen.

«Es gab einen Knall, und ich konnte mich nicht mehr bewegen. Dann kam Erwin Widmer, jener, der vor mir ausgerutscht war. Ich sagte zu ihm: Es ist passiert. Er antwortete, nein, das kann, das darf nicht sein. Dann war auch Felix Hauser da, der Kollege, der hinter mir gefahren ist. Ich sehe noch haargenau seinen Gesichtsausdruck, als er sagte, es müsse sofort eine Ambulanz her. Es schien mir, als daure es eine Ewigkeit, bis diese vor Ort war, denn ich hatte derart heftige Schmerzen, dass ich dachte, man hätte mir ein Messer in den Hals gesteckt. Weil ich mich nicht mehr bewegen konnte, wusste ich sofort, dass ich gelähmt bin.» «Keine Chance, dass ihr Mann mit den Extremitäten je wieder etwas machen kann. Er ist Tetraplegiker», habe der zuständige Arzt gesagt.

Zwei Tage später die Verlegung nach Nottwil ins Schweizer Paraplegiker-Zentrum. Er bleibt vier Wochen auf der Intensivstation. Wird künstlich beatmet. Der 37-jährige Mann ist körperlich und psychisch am Ende. Das einzige, was er wahrnimmt: seine Frau, die immer da ist.

Besserung in kleinen Schritten

Der innere und äussere Heilungsprozess verlief langsam. Der Therapieplan in Nottwil war mehr als ausgefüllt. Von morgens bis abends Termine. Zudem sollte ihm intensive Computerschulung einen Neubeginn im Berufsleben ermöglichen. Dank der professionellen Hilfe von Ruth durfte Jürg bereits ab November über die Wochenenden nach Hause. Kollegen vom Kiwanis-Club Werdenberg, von der Männerriege Sevelen und vom Handballclub haben ihn jeweils abgeholt. Dazu erstellten sie einen Fahrplan. Wenn einer verhindert war, kam ein anderer. Diese Kollegen kommen auch heute noch und unterstützen die Familie. Die Kiwanis-Kollegen zum Beispiel holen Jürg jeden zweiten Freitag zum Lunch.

Ein neues, fast normales Leben

Nach 10 Monaten hat Jürg das Schweizer Paraplegiker-Zentrum verlassen. Die Anpassungen im Haus in Sevelen waren realisiert, die Familie auf die schwere Aufgabe vorbereitet. Ruth meistert die Transfers vom Rollstuhl ins Bett und umgekehrt ebenso wie jene vom Auto in den Rollstuhl und umgekehrt. Auch die Darm- und Blasenpflege sowie die tägliche Pflege hat sie intus. Heute jedoch lässt sie sich dreimal pro Woche von der Spitex helfen.

Familie Keller hat zurückgefunden, in ein neues, anderes Leben. Jürg geht nicht mehr auf die Baustelle, sondern organisiert seinen Betrieb mit seinem heutigen Geschäftspartner Rolf Hobi, der die ganze Baustellenbetreuung macht, von zu Hause aus, wo das Geschäftsbüro schon immer war.

Text: Trudi von Fellenberg-Bitzi, Paraplegie, Nr. 112, Paramedia

Quelle: Stiftung MyHandicap www.myhandicap.ch

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