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Zwischen Druck und Zugehörigkeit: Wie Kinder ihren eigenen Weg finden

Teenager landen im Spital wegen TikTok-Challenges, Kinder lassen sich zu gefährlichen Mutproben verleiten oder grenzen in der Gruppe einzelne Kollegen aus. Psychologin Ina Blanc erklärt, wieso Gruppendruck lebenslang ein wichtiges Thema ist – und warum das auch positive Aspekte hat. Ausserdem gibt sie Tipps, wie Sie Ihr Kind für Drucksituationen wappnen.

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Der Mensch als soziales Wesen braucht die Gruppe, trotzdem müssen Kinder lernen, ihren eigenen Weg zu gehen. BIld: Unsplash, Daniel von Appen

Online-Phänomene wie aktuell die Skullbreaker-Challenge auf TikTok sorgen immer wieder für Schlagzeilen. Kinder und Jugendliche landen im Spital, weil sie unbedingt auch ein Challenge-Video veröffentlichen wollen. Wieso gehen Sie ein solches Risiko ein?

Solche Online-Challenges sind ein sehr gefährlicher und ungesunder Trend. Die sozialen Plattformen haben eine ganz neue Form von Gruppendruck geschaffen: Wer einen Account hat, will natürlich auch viele Likes, sonst steht man bei den Freunden und den anderen Usern schlecht da. Diese ständige Jagd nach neuen Followern erhöht das Risikoverhalten. Dazu kommt, dass während der Adoleszenz wichtige Reifungsprozesse im Gehirn stattfinden. Dieser strukturelle Umbau kann dazu führen, dass Jugendliche Risiken schlechter einschätzen können.

Wenn die Peer-Group die Familie ablöst

Was für Kleinkinder die Familie ist, sind im Jugendalter die Freunde, die sogenannte Peer-Group. Diese Gruppe erleichtert die Ablösung von den Eltern. Der Prozess der Identitätsfindung während der Adoleszenz ist für beide Seiten aber nicht immer einfach. Denn durch die neue Gruppe treten oft neue und andere Werte als die der Familie in den Vordergrund. Es ist auch ganz normal, dass Ihr Kind zu dieser Zeit seine Grenzen austestet. Als Eltern sollten Sie aber dann eingreifen, wenn Sie merken, dass das Risikoverhalten nicht mehr in einem gesunden Rahmen ist, die Gesundheit darunter leidet oder das Kind sich selbst gefährdet.

Einfach gesagt heisst das, Jugendliche können gar nichts dafür …

Jugendliche, die sich auf solche Trends einlassen, sind meist auch sonst anfälliger als andere. Sie weisen eine höhere Vulnerabilität auf.

Was genau macht Kinder und Jugendliche anfälliger, dem Gruppendruck nachzugeben?

Es gibt verschiedene Resilienzfaktoren, also Bedingungen, die das Kind widerstandsfähiger machen, zum Beispiel das Temperament, die Fähigkeit eigene Emotionen zu erkennen und zu regulieren und Problemlösestrategien. Dazu kommen familiäre Ressourcen wie verlässliche Bezugspersonen, offene Kommunikation, Wertesysteme, Empathie und Toleranz. Kinder und Jugendliche, die diese Schutzfaktoren nicht haben und einsam oder vernachlässigt sind, sind anfälliger für Gruppendruck.

Das heisst, wenn ich ein starkes Kind will, dass zu seiner Meinung steht, dann muss ich in erster Linie die Beziehung zu ihm stärken?

Jein. Ausschlaggebend ist der Selbstwert. Ein hoher Selbstwert bedeutet meist weniger Leidensdruck. Aber: Das Bindungsverhalten zu den Eltern prägt den Selbstwert eines Menschen. Kinder, die sich geliebt fühlen, auch wenn es Konflikte gibt, haben weniger Angst, in einer sozialen Situation zu ihrer Meinung zu stehen. Sie wissen, dass sie liebenswert sind, auch wenn sie nicht das Gleiche denken und fühlen wie die anderen. Wenn Eltern verständnisvoll und konstruktiv mit ihrem Kind kommunizieren, kann dieses einen gesunden Selbstwert aufbauen. Es ist wichtig, dass positive Rückmeldungen bei jedem Feedback überwiegen.

Können Eltern den Selbstwert ihres Kindes gezielt stärken?

Eltern können dem Kind helfen, sich selbst kennenzulernen und Strategien im konstruktiven Umgang mit Gefühlen zu entwickeln. Das gelingt, indem sie Interesse zeigen und mit dem Kind über seine wichtigen Themen sprechen. Fragen Sie das Kind: Wie hast du dich in dieser Situation gefühlt? Hast du die Begegnung oder Aktivität als positiv oder negativ erlebt? Wie hättest du gerne reagiert? Auch Gespräche über Werte sind wichtig. Eine kreative und wirkungsvolle Methode um den Selbstwert und das Selbstvertrauen in Kindern aufzubauen, kann das Erstellen einer Stärkensammlung sein. Kinder können zum Beispiel Fotos von tollen Erlebnissen in einer Collage darstellen oder ihre Stärken, Fähigkeiten und gute Momente anders bildlich umsetzen. Und natürlich sind Eltern auch immer ein Vorbild. Sprechen Sie Emotionen aus.

So lernen Kinder den Umgang mit Gefühlen 

Den eigenen Körper und die eigenen Gefühle wahrzunehmen, ist nicht einfach. Auch Erwachsenen fällt das schwer. Kinder können aber lernen, sich in ihrer Gefühlswelt zurechtzufinden. Dabei hilft zum Beispiel, ein Tagebuch zu führen. Eltern können mit den Kindern auch Bücher und Filme anschauen, in denen es um Gefühlswahrnehmung geht. Kinderfilme und –bücher mit starken Vorbildern helfen übrigens das Nein-Sagen zu lernen. Das Paradebeispiel: Pippi Langstrumpf, die immer zu ihrer eigenen Meinung steht und diese auch lautstark kundtut.

Eltern sollten also nicht den starken Beschützer vorspielen, sondern klar sagen, wenn sie traurig sind oder sich unter Druck gesetzt fühlen?

Ja, aber immer in Verbindung mit einer Lösung. Sie können sagen: ‚Ich bin wütend, darum gehe ich jetzt spazieren. So bekomme ich den Kopf wieder frei.’ Auf diese Art zeigen Sie ihrem Kind den Umgang mit Schwierigkeiten auf. Das Kind lernt verschiedene Strategien kennen und merkt so, dass es nicht nur einen richtigen Weg gibt, mit Gefühlen umzugehen. Kinder, die sich dem bewusst sind, können so ihre eigenen Methoden im Umgang mit negativen Gefühlen entdecken. Sie haben dann auch weniger Angst vor dem Nein-Sagen und den eventuellen sozialen Folgen davon. Denn sie wissen, wie sie mit den damit verbundenen unangenehmen Gefühlen umgehen können.

Laufen Kinder, die klar ihre Meinung vertreten und eben öfters Nein-sagen nicht auch Gefahr, sich selbst zum Aussenseiter zu machen?

Nein, das muss nicht sein. Man kann zu seiner eigenen Meinung stehen und trotzdem die Meinung der anderen respektieren. Dieser Respekt ist für das Zusammenleben zentral.

Der Mensch als Rudeltier. Beim Thema Gruppendruck denkt man schnell an eine Gruppe fieser Schüler, die andere drangsalieren. Dabei ist das Thema viel weitläufiger …

Genau, der Mensch als soziales Wesen braucht die Gruppe und das Gefühl der Zugehörigkeit. Es gibt eine Studie die zeigt, dass schon vierjährige Kinder ihre Meinung der Mehrheit der anderen Kinder anpassen, obwohl sie wissen, dass sie damit falschliegen. Kompromisse gehören zum Leben in einer Gruppe dazu. Nur muss richtig abgeschätzt werden, ob diese Kompromisse mit dem eigenen Wertesystem vereinbar sind. Es sollte eine gesunde Balance zwischen dem Individuum und der Gruppe bestehen. Wichtig ist, dass man sich immer bewusst ist, was auf dem Spiel steht, wenn man sich einer Gruppe unterordnet. Auch Familienkulturen oder nationale Kulturen können einen starken Druck auf jemanden ausüben. Das hat aber einen wichtigen Sinn: Nur so werden Traditionen und kulturelle Eigenheiten erhalten und weitergegeben. Allgemein gibt eine Gruppe dem Menschen Schutz und Unterstützung. In der Jugendzeit hilft die Gruppe den Jugendlichen auch bei der Identitätsfindung.

Dieser „Gruppendruck“ hat also auch positive Aspekte.

Ja. Nicht nur im Kontext des Kulturerhalts. Gruppenzugehörigkeit ist für jeden Menschen ein sehr wichtiges Thema – das ganze Leben lang.

Ina Blanc gibt Tipps, wie Eltern mit den Ängsten ihrer Kinder umgehen können.

Ina Blanc ist Psychologin am Zentrum für Entwicklungs- und Persönlichkeitspsychologie der Uni Basel und ist dort Leiterin der Weiterbildungen in Kinder- und Jugendpsychologie.