Leben > Krisen & HilfeRegretting Motherhood: Wenn dich die Mutterschaft nicht glücklich machtEin Kind zu bekommen ist für viele Frauen ein grosser Wunsch. Und trotzdem erleben manche Mütter die eigene Mutterschaft nicht als Erfüllung – sie bereuen die Entscheidung, Mutter geworden zu sein, auch wenn sie ihr Kind lieben. Dieses Erleben wird oft als «Regretting Motherhood» beschrieben. Wenn du dich darin wiedererkennst: Du bist nicht allein, und du musst damit nicht alleine bleiben. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken Nicht jede Frau kann sich mit ihrer Mutterrolle anfreunden oder bereut es sogar, Mutter geworden zu sein – auch wenn sie ihr Kind liebt. Bild: SolStock E+ Viele Frauen erleben Mutterschaft als sinnstiftend – aber nicht alle. Dass Mütter darüber sprechen, ist heute sichtbarer als früher. Ausgelöst wurde die öffentliche Debatte unter anderem durch die Soziologin Orna Donath, die «Regretting Motherhood» in einer Studie dokumentierte und damit ein Tabu berührte: Es ist möglich, ein Kind zu lieben und gleichzeitig zu bedauern, Mutter geworden zu sein. Worum es bei «Regretting Motherhood» geht – und worum nicht Liebe zum Kind vs. Bedauern der Entscheidung: beides kann gleichzeitig da sein Viele Betroffene beschreiben ein inneres Nebeneinander: Sie sorgen sich zuverlässig um ihr Kind, empfinden Verantwortung und Zuneigung – und gleichzeitig Trauer, Wut, Erschöpfung oder das Gefühl, das eigene Leben nicht mehr wiederzuerkennen. Das ist für viele Mütter besonders belastend, weil sie daraus schliessen: «Mit mir stimmt etwas nicht.» Dabei sagt dieses Erleben zunächst vor allem eins: Deine Situation ist (zu) schwer geworden – und du brauchst Entlastung statt Selbstvorwürfe. Abgrenzung: postpartale Depression/Angst, Eltern-Burnout, Trauma «Regretting Motherhood» ist keine medizinische Diagnose. Es kann aber mit psychischen Belastungen zusammenhängen oder von ihnen überlagert werden. Wichtig ist die Abgrenzung, weil sich daraus konkrete Hilfe ableitet: Postpartale Depression oder Angststörung: Anhaltende Niedergeschlagenheit, Interessenverlust, starke Schuldgefühle, Angst- oder Paniksymptome, Grübeln, Schlafprobleme (auch unabhängig vom Baby) oder Gedanken, nicht mehr leben zu wollen. Depressionen gut behandelbar – und je früher Unterstützung startet, desto besser. Eltern-Burnout: Tiefe Erschöpfung, emotionale Distanzierung, das Gefühl «ich kann nicht mehr», häufig in Kombination mit chronischer Überlastung. Die WHO beschreibt Burnout als Folge von chronischem Stress am Arbeitsplatz; ähnliche Mechanismen werden auch im Familienalltag diskutiert, wenn Erholung dauerhaft fehlt. Belastende Geburt oder Trauma: Flashbacks, starke Vermeidung (z. B. alles, was an die Geburt erinnert), Übererregung, anhaltende Angst. Hier sind traumasensible Abklärung und Behandlung wichtig. Wenn du unsicher bist, was bei dir im Vordergrund steht, kann eine Abklärung bei deiner Hausärztin, Gynäkologin oder einem/einer Psychotherapeut:in enorm entlasten. Es geht nicht darum, dir ein «Etikett» zu geben, sondern den passenden Weg zur Hilfe zu finden. Warum Tabus schaden Scham macht still. Und Stille macht einsam. Viele Mütter halten lange durch, funktionieren im Alltag und brechen innerlich immer weiter ein. Genau hier liegt ein Risiko: Je länger du dich allein fühlst, desto eher werden Überforderung, Reizbarkeit oder emotionales Abschalten stärker – und desto schwerer wird es, Hilfe anzunehmen. Die gute Nachricht: Scham wird meist kleiner, sobald du erlebst, dass dir jemand zuhört, ohne zu urteilen. Mehr Verständnis für das Thema Nein, du musst nicht automatisch glücklich sein als Mutter. Das zeigt auch die Diskussion unter dem Hashtag #regrettingmotherhood in sozialen Medien. «Andere Mütter wie ich kommen in diesem System nicht vor. Diese Mütter, die das Kind mit Freude extern betreuen lassen», heisst es zum Beispiel auf Instagram. Eine andere Frau schreibt: «Ich bin nicht gerne Mutter – und doch bin ich es.» Von einer anderen Mutter hört man online: «Muttergefühl, was ist das eigentlich genau? Ist das nicht auch Unsicherheit, Überforderung, Selbstzweifel, Wut und Verzweiflung?» Orna Donath Orna Donath ist eine israelische Soziologin und feministische Wissenschaftlerin. Sie untersucht an der Ben-Gurion-Universität im Süden Israels die Erwartungen der Gesellschaft an die Frauen – Mütter sowie auch (freiwillige) Nicht-Mütter. Donaths Studie «Wenn Mütter bereuen – #regretting motherhood», die international veröffentlicht wurde, löste in vielen Ländern ein grosses Echo aus: Dass Mütter – teilweise schon in der Schwangerschaft – die Mutterschaft bereuen, ihr Kind aber dennoch lieben, sorgte für kontroverse Diskussionen. Das Verständnis für bereuende Mütter ist gewachsen. Die Erkenntnis, dass Frauen, die ihre Mutterrolle innerlich ablehnen, ihrem Kind keine schlechten Mütter sein müssen, sickert in der Gesellschaft durch. Denn du kannst dein Kind lieben und dich sehr gut kümmern. Was dich unglücklich macht, sind oft die Lebensumstände, Dauerbelastung und Erwartungen, die sich nicht gleichzeitig erfüllen lassen. Was betroffenen Frauen helfen kann: Weniger schlechtes Gewissen Alle Gefühle sind erlaubt – auch die unangenehmen. Entscheidend ist, sie wahrzunehmen und konstruktiv damit umzugehen, bevor sie in schädliches Verhalten umschlagen. Mehr reden Viele Frauen sprechen aus Scham nicht über ihre Unzufriedenheit mit der Mutterschaft. Offene Gespräche zeigen jedoch: Diese Gefühle sind nicht ungewöhnlich und bringen spürende Entlastung. Weniger Perfektionismus Perfektion setzt unrealistische Maßstäbe und erzeugt Dauerstress. Nicht alles lässt sich gleichzeitig erfüllen – Prioritäten sind notwendig. Öfter Nein sagen Nicht jede Anforderung muss erfüllt werden. Ein klares Nein schafft Freiräume und schützt vor Überforderung. Professionelle Hilfe Bei anhaltender Überforderung ist Unterstützung wichtig. Beratungsstellen helfen, die Situation zu ordnen und neue Wege zu finden.