Facebook Pixel

Regretting Motherhood: Wenn die Mutterschaft nicht glücklich macht

Ein Kind zu haben ist für viele Frauen ein grosser Wunsch. Wenn es dann aber da ist, haben nicht alle Mütter das Gefühl, in ihrer Mutterrolle aufzugehen. Stattdessen bereuen sie es, Kinder bekommen zu haben. Das nennt sich Regretting Motherhood. Immer mehr Frauen bekennen sich offen dazu, keine Erfüllung in der Mutterschaft zu finden.

Familienleben Logo

Nicht jede Frau kann sich mit ihrer Mutterrolle anfreunden oder bereut es sogar, Mutter geworden zu sein – auch wenn sie ihr Kind liebt. Bild: SolStock E+

Viele Paare und Frauen erleben es als Erfüllung, ein Kind zu haben. Aber nicht alle. Und immer mehr Mütter sprechen offen darüber. Wahrscheinlich gab es auch früher schon Frauen, die in ihrer Mutterrolle zutiefst unglücklich waren. Doch diskutiert wird diese Möglichkeit erst seit fünf Jahren, seit die Soziologin Orna Donath «Regretting Motherhood» (englisch für «Mutterschaft bereuen») in einer Studie zum ersten Mal dokumentierte und so die Debatte rund ums Thema Mutterschaft und die Rolle der Mutter auslöste. Orna Donath löste damit aber nicht nur Diskussionen aus, sondern auch einen Aufschrei: Frauen müssen doch glücklich sein, wenn sie Mütter sind, glücklich sein, ein Kind geboren zu haben und voll aufgehen in dieser Rolle. Oder etwa nicht?

Mehr Verständnis für das Thema 

Nein, müssen sie nicht. Das zeigt die aktuelle Debatte und Diskussion unter dem Hashtag #regrettingmotherhood in den sozialen Medien und sozialen Netzwerken. «Andere Mütter wie ich kommen in diesem System nicht vor. Diese Mütter, die das Kind mit Freude extern betreuen lassen», heisst es zum Beispiel auf Instagram. Eine andere Frau schreibt: «Ich bin nicht gerne Mutter – und doch bin ich es.» Von einer der anderen bereuenden Mütter hört man online: «Muttergefühl, was ist das eigentlich genau? Ist das nicht auch Unsicherheit, Überforderung, Selbstzweifel, Wut und Verzweiflung?»

Orna Donath

Orna Donath ist eine israelische Soziologin und feministische Wissenschaftlerin. Sie untersucht an der Ben-Gurion-Universität im Süden Israels die Erwartungen der Gesellschaft an die Frauen – Mütter sowie auch (freiwillige) Nicht-Mütter. Donaths Studie «Wenn Mütter bereuen – #regretting motherhood», die international veröffentlicht wurde, löste in vielen Ländern ein grosses Echo aus: Dass Mütter – teilweise schon in der Schwangerschaft – die Mutterschaft bereuen, ihr Kind aber dennoch lieben, sorgte für kontroverse Diskussionen.

Das Verständnis für Regretting Motherhood, für die bereuenden Mütter, ist gewachsen. Die Erkenntnis, dass Frauen, die ihre Mutterrolle innerlich ablehnen, ihrem Kind keine schlechten Mütter sein müssen, sickert in der Gesellschaft durch. Denn Frauen können ihr Kind durchaus lieben und sich sehr gut darum kümmern. Was diese Mütter unglücklich macht, sind stattdessen die Lebensumstände, die ihnen ihre Mutterschaft und auch die Gesellschaft aufzwingt.

Ne ganz normale 50 Stunden Woche
Heim kommen
Und erst mal für die Kleinen kochen
Ist für sie ja kein Problem
Weil die Kids für sie an erster Stelle stehen

(Max Giesinger in seinem Song «Wenn sie tanzt»)

Hadern mit den Lebensumständen

Mütter sollen sich um die Kinder kümmern, die zu selbstbewussten, sozial kompetenten, lieben und klugen Geschöpfen aufwachsen sollen. Sie sollen geduldig sein, Fachfrauen in Babypflege und Ernährung sein, die Freizeit ihrer Kinder managen, sie weder zu viel noch zu wenig bemuttern, und am besten geduldig und fröhlich sein. Als moderne, am besten auch noch junge Frau sollen sie trotzdem auch berufstätig sein, obwohl sie mit einem grossen Teil der Haushaltsaufgaben allein gelassen werden. Wichtig ist natürlich auch, nicht nur eine gute Mutter zu sein, sondern auch eine gute Partnerschaft zu führen. «Frauen fühlen sich von Familie, Beruf und Haushalt oft überlastet», weiss Daniel Huber, Geschäftsführer der schweizerischen «Fachstelle UND Familien- und Erwerbsarbeit für Männer und Frauen».

Sie fragt sich wie's gelaufen wär'
Ohne Kinder
Selber laufen lernen
Aber ihr Tag lässt keine Pause zu

(Max Giesinger in seinem Song «Wenn sie tanzt»

Alleinerziehende unter besonderem Druck

Besonders hart trifft es Alleinerziehende. Alleinerziehend zu sein bedeutet in vielen Fällen mit erheblichen finanziellen Schwierigkeiten zu leben. «Keine Kraft mehr zu haben ist meine grösste Angst. Denn wenn ich kippe, dann kippt alles!», ist ein typischer Gedanke Alleinerziehender. Wenn aus einer Last oder gar Belastung das Gefühl einer Bedrohung wird, dann drängt sich irgendwann die Frage auf, wie das Leben wohl kinderlos ausgesehen hätte. Und der Wunsch wächst, das Leben anders gestaltet zu haben. Zum Beispiel kein Kind oder zu einem anderen Zeitpunkt Kinder gehabt zu haben.

Was betroffenen Frauen helfen kann

Weniger schlechtes Gewissen:

Gefühle sind erlaubt. Nur wer sich seine Gefühle zugesteht, kann sich auch mit ihnen auseinandersetzen. «Wir alle kennen zwei Arten von Gefühlen: Die schönen, die wir gerne haben, die uns guttun, mit denen wir uns wohlfühlen. Und die anderen, die wir als unangenehm empfinden, die anstrengend sind, für die wir uns schämen und die wir nur schwer ertragen können. Beide Arten von Gefühlen gehören zu unserem Leben und sind in Ordnung», erklärt der Kinderschutz Schweiz. Aber es gebe Reaktionen, welche auf negativen Gefühlen basieren und aber nicht in Ordnung sind – zum Beispiel schlagen oder Sachen kaputt zu machen. «Hier ist es wichtig, die Notbremse zu ziehen, bevor wir die Kontrolle verlieren.»

Mehr Reden:

«Manche Frauen schweigen ihr Leben lang und bereuen die Mutterschaft heimlich», berichtet die Soziologin, Autorin und Germanistin Christina Mundlos in ihrem Buch „Wenn Muttersein nicht glücklich macht“ (mvg Verlag). Schliesslich koste es grosse Überwindung, mit anderen darüber zu sprechen, als Mutter nicht glücklich zu sein. «Dabei würde das Reden helfen! Mich haben Mütter angerufen, die schon älter als 60 Jahre waren, um mir zu erzählen, dass sie seit Jahrzehnten fühlen, dass ihr Leben mit Kind nicht ihr Leben ist. Jetzt, wo sie erfahren, dass es ihnen nicht alleine so ergeht, sind sie erleichtert. Sie verstehen, dass das Gefühl nicht falsch ist.»

Weniger Perfektionismus

Perfektionismus stresst – er setzt die Messlatte zu hoch. Niemand kann Karriere machen, immer für das Kind Zeit haben, die Partnerschaft pflegen und am Wochenende den Gästen gelassen ein Drei-Gänge-Menü servieren. Die vorhandene Zeit lässt sich nicht strecken. Da müssen der Mann, die Frau oder beide irgendwo zeitlich «abspecken», denn jeder Plan und jede Erwartung lassen sich nicht umsetzen und erfüllen.

Weniger Unklarheiten

Unklarheiten belasten. Paare sollten daher wichtige Fragen klären: Für wen ist zu welchem Zeitpunkt welcher berufliche Entwicklungsschritt wichtig? Wie lässt es das ermöglichen? Wie viel Geld wollen wir verdienen? Sind wir auch mit weniger zufrieden? Wieviel Kinderbetreuung können wir uns leisten? Wie können wir innerhalb dieser Rahmenbedingungen die Hausarbeit sinnvoll aufteilen?

Öfter mal «Nein!» sagen:

Lange nicht jede Anforderung muss frau annehmen. Schon gar nicht dann, wenn sie weder Zeit noch Lust hat, sie zu erledigen. Dabei ist es eigentlich ganz leicht, «Nein» zu sagen, ohne das Gegenüber vor den Kopf zu stossen. «Nein, ich möchte heute keine Überstunden schieben und länger bleiben, weil mein Kind auf mich wartet.» – «Nein, ich möchte heute nicht mit dir basteln, weil ich noch die Steuerunterlagen suchen muss.» – «Nein, ich möchte heute nicht ins Kino, weil ich einfach müde bin.» Das schafft Freiraum zum Durchatmen.

Professionelle Hilfe

Ablehnung einer Situation hat viel mit Überforderung zu tun. Wichtig ist, Hilfe zu holen, wenn Mütter merken, dass sie nicht nur ihre Mutterrolle, sondern auch ihr Kind ablehnen. In Familienberatungsstellen und Mütterberatungen sind Profis, die zuhören und helfen, mehr Ordnung und Klarheit in den Alltag zu bringen.