Beziehung retten: Coachen statt streiten

Wenn die Beziehung nicht mehr so rund läuft, schiebt man oft seinem Gegenüber die Schuld zu und macht seinem Partner Vorwürfe. Der Paartherapeut Wolfang Schmidbauer rät von solchen Beschuldigungen ab und erklärt im Interview, dass gegenseitiges coaching die Beziehung wieder in Schwung bringen kann.

Beziehung retten: Paare brauchen Coaching

Viele Beziehungen liessen sich durch professionelles Coaching retten. Foto: dobok, iStock, Thinkstock

Sie macht den Haushalt und erzieht die Kinder, er bringt das Geld nach Hause – solche Rollenbilder sind heute längst überholt. Frauen sind erfolgreich im Job, Männer beteiligen sich am Haushalt und interessieren sich für Kinder. Arbeitsteilung muss ausgehandelt werden. Herr Schmidbauer, haben es Paare heute schwerer als früher?

Wolfgang Schmidbauer: Die Rollenbilder in der Partnerschaft sind in unserer Gesellschaft nicht mehr von Traditionen geprägt. Das führt zu mehr Freiheit in der Liebesbeziehung – aber auch zu mehr Beziehungsproblemen.

Welche Beziehungsprobleme sind typisch für Partnerschaften?

Viele Paare gehen unbewusst davon aus, dass die eigenen Wertvorstellungen universell sind. Wenn der Partner diese Vorstellungen nicht erfüllt, scheint er ein Versprechen nicht einzulösen, das er in seinem Erleben aber gar nicht gegeben hat. Man fühlt sich gekränkt: «Wir können doch in dieser Nähe nicht miteinander auskommen, wenn du dich nicht so änderst, dass ich nicht mehr ständig enttäuscht bin!».

Können Sie diesen Konflikt an einem Beispiel veranschaulichen?

Ein Paar fühlt sich während des Urlaubs durch Lärm im Nachbarzimmer gestört. Die Frau will ein anderes Zimmer, fürchtet sich aber vor der Auseinandersetzung mit der Hotelrezeption. Sie macht ihrem Mann, der sich ebenfalls scheut, sich zu beschweren, Vorwürfe: «Du bist kein Mann», «Du tust nichts für mich», «Du kannst Dich nicht durchsetzen!» Er wiederum reagiert: «Lass mich in Ruhe», «Du vergreifst Dich im Ton!».

Wenn sich dumpfer Groll einschleicht, ist die Beziehung in Gefahr?

Ja, es entsteht eine Vorwurfswelt des «Immer-Nie». «Immer bist Du am Meckern», «Nie unterstützt Du mich», je mehr die Beziehung ins Ungleichgewicht gerät, umso öfter werden auf diese Weise Feuerlöscher mit Benzin gefüllt. Der Versuch aber, dem Gegenüber ein für alle Mal einzutränken, dass sein Verhalten – wenn nicht sofort ungeschehen gemacht – Gift für die Liebe ist, ist destruktiv. Die Partner geraten in eine Situation, in der sie flüchten, sich gegenseitig ändern oder bekämpfen wollen.

In Ihrem neuen Buch «Coaching in der Partnerschaft» raten Sie Paaren, andere Wege zu gehen. Sie sollen sich gegenseitig coachen statt bekämpfen.

Oft haben Partner schon in der Kindheit kränkende und verletzende Entwertungen erfahren. Das kann dazu führen, dass sie sich – wie das Paar im Hotelzimmer - nicht trauen, frei über Ängste und Schwächen auszutauschen. Doch individuelle Störungsanteile aus der Kindheit bedeuten nicht, keine erfüllende Partnerschaft leben zu können. Ähnlich wie die individuelle Psyche ihre Stabilität unter günstigen Bedingungen behält und unter ungünstigen verliert, können sich auch Paare unter günstigen Bedingungen stabilisieren und unter ungünstigen diese Stabilität wieder verlieren. Im Coaching geht es darum, günstige Bedingungen zu fördern.

Wie sieht ein Coaching aus, das eine Beziehung rettet und Paare aus Streit und Verwirrung zurück zu Lust und Zärtlichkeit führt?

Coach für den Partner sein, wo dieser Unterstützung braucht. Im Gegenzug von ihm unterstützt werden, wo die eigene Rolle unsicher ist. Davon ausgehen, dass eine Partnerschaft darauf beruht, das Miteinander zu erlernen. Den Partner, die Partnerin nicht nur bewundern, um es sich in der Liebe bequem zu machen, sondern Ängste und Unsicherheiten wahrnehmen – aber auch darauf bestehen, dass eigene Ängste, eigene Unsicherheiten nicht entwertet werden. Ich bin überzeugt, dass Paare heute solche Haltungen brauchen, um auszugleichen, was an verbindlichen Traditionen und Halt in den Ursprungsfamilien fehlt.

Wie lautet Ihr wichtigster Tipp für Menschen, deren Partnerschaft durch Beziehungsprobleme bedroht ist?

Das Wichtigste ist, sich aller Reaktionen zu enthalten, die den Partner tiefer in eine primitive Angst-Flucht-Wut-Reaktion hineintreiben. Das ist im Grunde mehr als die Hälfte der gesamten «Technik» einer konstruktiven Gestaltung von Beziehungen. Es setzt voraus, sich ein realitätsgetreues Bild des Partners zu machen und ihn in seinem Vertrauen zu festigen, dass er die Beziehung gut macht. Coaching in der Liebe bedeutet vor allem einen Verzicht auf Aussagen, welche die Beziehung schlecht reden oder das Gegenüber entmutigen und entwerten.

Bedeutet das nicht, Konflikte unter den Teppich zu kehren?

Nein, denn nicht die absolute Zeit, die mit Beziehungsdebatten verbracht wird, festigt den Kontakt, sondern die Empathie für die Unterschiede. Plakativ gesagt: Mein Partner hat keinen Anspruch darauf, dass ich mich ihm zuliebe ändere, aber er hat das Recht, in diesem Wunsch verstanden zu werden! Das heisst, beide Partner müssen Ängste, Wünsche und Bedürfnisse äussern.

Kann ein Partner allein mit dem Coaching beginnen, oder ist es wichtig, dass beide mitziehen?

Ich greife noch einmal das Hotel-Beispiel auf. Hätte die Frau offen über ihre Angst vor der Auseinandersetzung mit der Hotelrezeption gesprochen, hätte sie vermutlich ihren Mann als Coach gewonnen. Er würde die Gelegenheit nutzen, seine Stärke zu zeigen, und gemeinsam mit ihr ein ruhiges Zimmer organisieren.

In Ihrem Buch betonen Sie auch die Bedeutung von Ritualen in Partnerschaften … Welches Ritual ist besonders wichtig?

Sich nach einem Streit möglichst vor Mitternacht mit seinem Partner versöhnen! Dieser Rat würde nicht so oft gegeben, wenn er leicht umzusetzen wäre. Und doch gehört er zu den hilfreichsten Tipps. In der Praxis bedeutet das: Sich nicht beleidigt zurückziehen. Den Streit nicht erneuern. Die Schuld nicht auf sich nehmen. «Vertragen wir uns wieder!» anbieten oder darauf eingehen.

Zur Person

Der Diplompsychologe, Psychotherapeut und Lehranalytiker Dr. Wolfgang Schmidbauer hat neben Sachbüchern, von denen einige Bestseller wurden, Erzählungen, Romane und Berichte über Kindheits- und Jugenderlebnisse geschrieben. Er ist Kolumnist und schreibt regelmässig für Fach- und Publikumszeitschriften.

Buchtipp

Coaching in der Liebe – neue Spielregeln für ein Leben zu zweit. Wolfgang Schmidbauer zeigt überzeugend und mit vielen Beispielen aus seiner langjährigen therapeutischen Praxis, wie Paare mithilfe der Erkenntnisse des Coachings Potenziale in der Liebe neu entdecken und für sich nutzen können.

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