«47 Jahre Händchenhalten - das können Sie vergessen»

Streiten lernen ist kein Schulfach. Wenn wir Konflikte lösen wollen, entscheidet meist unser Bauch. Weil der aber oft mit Wut gefüllt ist, endet ein Streit in Verletzungen. Das müsse nicht sein, erklärt der Zürcher Kommunikationsexperte Werner Troxler.

Ein Paar hält Händchen, nachdem es Konflikte lösen konnte.

Konflikte lösen sich nicht von selbst. Ein Paar muss Arbeit in die Beziehung stecken. Foto: FotoimperiyA, iStock, Thinkstock

In Ihrem neuen Buch «Schrei mich nicht an!» zeigen Sie, wie wir Konflikte lösen und besser streiten können. Gelingt Ihnen das privat?

Werner Troxler: Zu 99 Prozent, denn ich habe das Buch als Betroffener geschrieben, weil ich herausfinden wollte, ob es möglich ist, konstruktiv zu streiten. Es soll nicht um einen Machtkampf gehen.

Was sind typische Fehler, die wir beim Streiten machen?

Der Hauptfehler ist, dass wir alles nur aus unserer eigenen engen Warte sehen. Es ist schwierig, sich bewusst zu sein, dass jeder Mensch ein Anrecht auf seine persönliche Wahrnehmung der Realität hat.

Warum fällt uns das so schwer?

Das liegt an unserem Überlebenskonzept: In unserem Leben haben wir gelernt, was für uns gefährlich ist und was uns Freude macht. Lernen wir einen neuen Partner kennen, wollen wir sicher sein, dass er sehr viel mit unserem Weltbild gemein hat. Deshalb suchen wir nach Gemeinsamkeiten. Nach der Verliebtheitsphase stellen wir fest, dass es die nicht überall gibt. Dann beginnt die Auseinandersetzung.

Können Sie sich erklären, warum es im schlimmsten Fall zu Rosenkriegen kommt?

Weil wir verletzt werden. Gehen wir vom klassischen Fall aus: Der Mann lässt sich wegen einer neuen Freundin scheiden. Das ist für die Frau eine so grosse Herabsetzung, dass sie sich rächt. Er soll genauso leiden, wie sie leidet. Der hässliche Krieg um die Finanzen oder das Besuchsrecht für die  Kinder wird dann zum Hauptaustragungsort.  Dabei wäre eine Mediation eine von Vernunft und Fairness gesteuerte Lösung. Beide Partner kommen zur Einsicht, dass die Beziehung nicht funktioniert und lösen sie in Anstand und Würde auf.

Wenn aber die Frau in der Beziehung so sehr verletzt wurde, ist das schwierig.

Dann landet das Paar vor dem Scheidungsrichter. Wird eine bestimmte Schwelle der Verletzung überschritten, gibt es kein Zurück mehr, weil alles zerstört wurde. Dann ist nichts mehr zu retten, da hilft auch keine Mediation.

Viele Paare, die sich in ihrer Beziehung bislang gut verstanden haben, streiten sich plötzlich mit der Geburt des ersten Kindes ständig. Es geht meist um Kleinigkeiten. Wie erklären Sie sich das?

Viele Männer leiden darunter, dass ihre Frauen sich nicht mehr für das Erotische interessieren. Der Mann ist enttäuscht, denn in seiner Vorstellungswelt ist seine Frau nicht nur Mutter. Die Frau richtet ihren Fokus auf das Kind und verlangt vom Mann, dass er sich diesem Zweierverhältnis Mutter Kind unterzieht. Diese Erwartungen werden nie miteinander ausgesprochen. Es kommt zu Stellvertreterkonflikten, also einem Streit darüber, wer den Schoppen geben oder die Windeln wechseln soll.

Konflikte lösen und sich versöhnen: Ein Paar küsst sich.

Wer Konflikte lösen will, muss die richtigen Worte finden. Foto: BobLajes, iStock, Thinkstock

Wie kommt ein Paar da wieder raus?

Es ist wichtig, dass sich Paare Zeit zu zweit nehmen. Wenn die Grosseltern zum Beispiel das Kind betreuen, wäre es gut sich zusammenzusetzen und zu fragen: Was ist gut für uns? Was erwartest du von mir? Was sind deine Bedürfnisse? Das nennt man liebevolles Wahrnehmen des anderen. Ich höre dem anderen zu.

Aber als Elternpaar ist die Zeit zu zweit sehr knapp bemessen. Da wollen viele lieber ins Kino oder essen gehen.

Wenn der Kinobesuch oder das Essen die Gemeinsamkeit stärkt – wunderbar. Aber als Flucht vor der Zweisamkeit ist es schlecht. Eine Investition in die Entwicklung der Beziehung ist wichtig, sonst mündet es darin, dass man sich auseinanderlebt,  zu streiten beginnt und  sich anschreit.

Haben Sie für die schwierigen Gespräche, die Eltern mit Teenagern führen müssen, einen Tipp?

Entscheidend ist, dass die Eltern wissen, dass diese Zeit schwierig ist und sich nicht hinreissen lassen, das Kind zu kritisieren und abzuwerten. Die Eltern sollten sich bewusst sein, was sie wollen und warum sie es wollen. Dann können sie es auch überzeugend kommunizieren.

Warum ist das so entscheidend?

Ein typischer Streitpunkt ist beispielsweise der falsche Freund. Die Eltern sollten sich fragen, warum das aus ihrer Sicht der falsche Freund ist. Warum machen sie sich Sorgen? Vielleicht befürchten sie, dass ihr Kind durch diese Beziehung in die Drogenszene gerät. Das Kind spürt dann, dass es gar nicht gegen den Freund geht, sondern, dass sich die Eltern Sorgen um es machen. Sie möchten, dass es ihm gut geht. Viele Kinder sind bereit darüber ehrlich zu diskutieren.

Sie sprechen in Ihrem Buch weitere Ideen an, wie wir Konflikte lösen können wie die «Win-Win-Strategie». Was ist das?

Wir versuchen miteinander übergeordnete Lösungen zu finden, zu denen beide ja sagen können. Ein klassisches Beispiel ist der Urlaub: Der eine möchte in die Berge zum Wandern, der andere ans Meer zum Baden. Wie bringen wir Bewegung und Ruhe zusammen? Wir suchen uns einen Ort, der beides bietet oder fahren in diesem Jahr ans Meer und im nächsten in die Berge. Das Ziel ist, dass sich beide mit der Lösung wohlfühlen.

Das hört sich nach einem Kompromiss an.

Nein, denn der Kompromiss hat den grossen Nachteil, dass ich zu etwas ja sage, das ich im Moment als das geringere Übel bezeichne. Ich sage ja, weil ich einen Streit vermeiden will und dem Frieden zuliebe nachgebe. Nachgeben gegen mein Gefühl ist schlecht. Es tut meinem Selbstwertgefühl nicht gut, wenn ich zu meiner Meinung nicht stehe. Ich muss sie kommunizieren.

Warum gehen wir einem Streit lieber aus dem Weg?

Es gibt zwei Typen von Menschen. Der eine ist aggressiv, er will etwas nach seinen Vorstellungen verändern. Der andere ist defensiv, er will verhindern und ausweichen. Interessanterweise kommen in Beziehungen oft beide Temperamente zusammen.

Was wäre ein erster Schritt für jemanden, dem es schwer fällt, seine Meinung zu sagen?

Ich habe festgestellt, dass viele Menschen, die ausweichen, sich nicht mehr bewusst sind, was sie wirklich wollen. Sie haben sich ihr ganzes Leben lang angepasst. Wenn sie ihre Bedürfnisse kennen, können sie diese auch formulieren. Sie geben sich sonst auf.

Sie sind seit fast 50 Jahren verheiratet. Liegt das Geheimnis Ihrer langen Ehe in Ihrer Streitkultur?

Unbedingt. 47 Jahre Händchenhalten – das können Sie vergessen. Es geht darum, wie wir miteinander streiten. Wie schaffen wir es, die eigenen Befürchtungen und die des Partners wahrzunehmen? Der wichtigste Punkt, dass es so lange gehalten hat, ist die Fähigkeit verzeihen zu können. Erst wenn ich loslassen kann, kann ich mich öffnen und auf das Miteinander einlassen. Das braucht Zeit. Ohne Verzeihen ist ein echter Streit nicht bereinigt.

Werner Troxler hat ein Buch darüber geschrieben, wie Paare Konflikte lösen können.

Dr. phil. Werner Troxler, geboren 1946 in Zürich, arbeitet als Autor, Verleger und Unternehmensberater. Der studierte Kommunikationswissenschaftler hat Führungskräfte gecoacht und Partnerschaftsseminare für Ärzte geleitet. Zu seinen erfolgreichsten Büchern gehört die «Beziehungskiste. Eine Anleitung für eine bessere Kommunikation in der Partnerschaft.»

 

 

 

Buchcover Schrei mich nicht an!

Sein neues Buch «Schrei mich nicht an! Warum wir streiten. Konflikte konstruktiv austragen» können Sie in jeder Buchhandlung oder unter www.beziehungskiste.ch bestellen. ISBN 978-3-9523427-5-6,

Das könnte Sie auch interessieren

Services & Newsletter