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Wie du einen Seitensprung verzeihen kannst – und wann Paarberatung hilft

Über einen Seitensprung spricht kaum jemand offen – zu peinlich, zu verletzend. Ist er passiert, stehen beide vor einem Scherbenhaufen. Wie es danach weitergehen kann, woran ihr arbeiten müsst und wo ihr Hilfe findet.

Eine Frau redet gestikulierend auf ihren Partner ein, der sich mit verschränkten Armen abwendet.
Wenn dich dein Partner betrogen hat, fällt Verzeihen schwer. Foto: iStock, Thinkstock

Wie häufig sind Seitensprünge in der Schweiz?

Verlässliche Schweizer Zahlen sind rar. Die grösste Erhebung stammt aus der Präventionskampagne LOVE LIFE: Für die Studie «Sex in der Schweiz» befragte die Forschungsstelle sotomo im Sommer 2016 rund 29 000 Menschen zu ihrem Sexualleben. Das Ergebnis fällt weniger beruhigend aus, als man hoffen möchte: Knapp 30 Prozent hatten während einer festen Beziehung bereits einmal Sex mit jemand anderem [1].

Eine Einschränkung gehört dazu: Die Teilnehmenden meldeten sich selbst, die Stichprobe beruht nicht auf einer Zufallsauswahl. Sie wurde nachträglich auf die Wohnbevölkerung zwischen 18 und 64 Jahren gewichtet [1]. Und ausgerechnet beim Thema Treue dürfte nicht jede Antwort ehrlich ausgefallen sein. Als Grössenordnung taugen die Zahlen trotzdem – und sie sagen etwas anderes, als viele annehmen: Untreue ist kein Randphänomen, das nur die anderen trifft.

Gelegenheiten gibt es viele: die berüchtigte Weihnachtsfeier, eine ausgelassene Party, ein Flirtportal im Internet. Grundsätzlich unterscheiden sie sich aber. Eine angeheizte Stimmung mit viel Alkohol und ein sympathisches Gegenüber – so kann auch ein treuer Mensch einmal in die Seitensprungfalle tappen. Das Verhalten ist spontan und ungeplant. Eine Anmeldung bei einem Online-Date geschieht dagegen vorsätzlich und mit der vollen Absicht, den Partner zu betrügen. Den Partyausrutscher können die meisten Betrogenen eher verzeihen – wenn überhaupt.

Warum ein Seitensprung so tief verletzt

Fremdgehen ist der grösste Vertrauensmissbrauch in einer Partnerschaft. Es ist enorm schwer, das zu verzeihen: Der Mensch, mit dem du seit Jahren dein Leben teilst, mit dem du Kinder hast und dem du Liebe schenkst, ist für diesen Schmerz verantwortlich. Er hat ihn in Kauf genommen – für eine Affäre oder einen One-Night-Stand. Wie soll man das überhaupt verzeihen?

Wie Verzeihung gelingt

Bevor über Verzeihung nachgedacht werden kann, müssen zunächst alle Karten auf den Tisch. Der oder die Betrogene hat das Recht auf die ganze Wahrheit: Wer war es? Wie lange ging es? Wann kam das schlechte Gewissen? Ging es nur um Sex oder sind Gefühle im Spiel? In dieser ersten Phase geht es darum, den Schaden zu begrenzen und die Verletzung so klein wie möglich zu halten. Tägliche Streitereien und Anfeindungen vertiefen den bestehenden Graben und erschweren das Aufeinanderzugehen.

Eine Möglichkeit ist eine Auszeit, um die Situation sacken zu lassen und sich langsam an das Geschehene zu gewöhnen. Sind ein paar Tage vergangen, reagieren die meisten Betrogenen besonnener und nicht mehr so impulsiv.

Die Frage nach dem Warum

Die erste dringende Frage ist meist das Warum. Wie kam es dazu? Der Psychotherapeut und Buchautor Wolfgang Krüger sagte 2010 in einem Interview mit der «Süddeutschen Zeitung», an einem Seitensprung seien nicht die Gene schuld; es seien «immer soziale und emotionale Gründe, die zur Untreue führen» [2]. «Häufig liegt die Ursache in der Beziehung. Man ist so ausgehungert nach Verständnis, Lebendigkeit und Sexualität, dass man einer Versuchung erliegt.» Krüger sieht den Grund auch in mangelnder Anerkennung: «Es heisst, dass wir den Partner fünf Mal loben müssen, um ihn ein Mal kritisieren zu dürfen. Sonst kippt die Beziehung, der andere zieht sich zurück – und ist offen für Charme-Offensiven.» [2]

Was aber, wenn diese Erkenntnis zu spät kommt und es schon passiert ist? Dann ist die Frage nach dem Warum der Schlüssel: Was hat dazu geführt? Seid ihr beide glücklich in der Beziehung? Erfüllt euch das gemeinsame Leben? Was fehlt? Was wird vermisst? Was war schön? Was liebt ihr aneinander? Mit welchen Charakterzügen kommt ihr überhaupt nicht klar? Möchtet ihr zusammenbleiben?

Sind diese Hintergründe geklärt, beginnt die eigentliche Arbeit: das Gesprochene in die Tat umzusetzen. Beiden sollte bewusst sein, dass es nicht mit einer Aktion getan ist. Eine Veränderung braucht Zeit, kostet Nerven und Disziplin. Erst am Ende dieser Phase lässt sich realistisch entscheiden, ob die Beziehung auf Dauer Bestand hat – oder ob eine Trennung der ehrlichere Weg ist.

Wo ihr Hilfe findet

Eine Paartherapie kann helfen, Beziehungsprobleme herauszuarbeiten und die Erkenntnisse umzusetzen. Nur nennt kaum ein Ratgeber, wo man eine findet. In der Schweiz gibt es diese Wege:

  • Kantonale und regionale Paar- und Familienberatungsstellen: Viele werden von Kanton, Gemeinde oder Kirchen mitgetragen und rechnen nach Einkommen ab. Wann eine Paartherapie Sinn macht und was sie kostet, haben wir separat zusammengetragen.
  • Psychologinnen und Psychotherapeuten: Über den Psyfinder der Föderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen (FSP) findest du Fachpersonen in deiner Nähe [3].
  • Wenn du allein nicht weiterkommst: Die Dargebotene Hand berät unter der Nummer 143 per Telefon, Chat oder Mail, anonym und vertraulich. Die Beratung selbst ist kostenlos; je nach Telefonanbieter fallen Verbindungsgebühren an [4].

Im Gespräch bleiben – bevor es so weit kommt

Mangelnde Kommunikation kann ein Grund für einen Seitensprung sein. Vielen ist es unangenehm, über sexuelle Wünsche zu sprechen; im Alltag bleibt keine Zeit; wer Zärtlichkeit vermisst, zieht sich zurück. Der andere deutet den Rückzug als Desinteresse. So zimmert sich jeder seine eigene Wahrheit zurecht, die bei näherer Betrachtung oft keinen Bestand hat. Deshalb ist es wichtig, im Gespräch zu bleiben:

  • Dir fällt auf, dass das letzte Mal Wochen zurückliegt? Sprich deinen Partner darauf an. Ist es ihm auch aufgefallen? Überleg dir vorher, warum du selbst nie den ersten Schritt gemacht hast. Frag ihn, warum er es hat schleifen lassen. Habt ihr beide den Sex vermisst?
  • Der Sex ist dir zu langweilig? Wie soll dein Partner das bemerken, wenn du es nicht sagst? Sprich deine Wünsche in einer passenden Stunde an und erklär deine Vorlieben. Und frag nach: Was vermisst er? Was gefällt ihr?
  • Es ist nie zu spät, neue Impulse in die Beziehung zu bringen. Damit sind nicht neue Sexpraktiken gemeint, sondern Dinge, die das gemeinsame Leben bereichern: Reisen, verrückte Unternehmungen oder schlicht Interesse am anderen. Wie sieht er die Welt? Worüber kann er lachen? Was macht ihn glücklich? Was bewegt ihn?
  • Nehmt euch feste Zeit füreinander, die nicht von Kindern, Arbeit und Terminen aufgefressen wird – einen Abend in der Woche, der nur euch gehört.

Internet- und Bücher-Tipps zum Thema Seitensprung

  • Jeder wünscht sie sich, fast jeder Zweite bricht sie: Treue ist schwer, aber möglich, sagt Psychotherapeut und Buchautor Wolfgang Krüger im Interview mit www.sueddeutsche.de
  • Trotz aller Liebe: Wie überstehen wir den Seitensprung? von Maureen Luyens und Alfons Vansteenwegen
  • Absolut Sex: Wie Sie jeden Mann um den Verstand bringen von Anne West
  • Die Psychologie sexueller Leidenschaft von David Schnarch

 

Quellen

  1. Hermann, M. et al. / Forschungsstelle sotomo: Sex in der Schweiz. Studie im Auftrag der LOVE-LIFE-Kampagne, Zürich 2016 (PDF). Abgerufen am 17.08.2026.
  2. Süddeutsche Zeitung: Treue in der Partnerschaft – Fremdgehen ist auch keine Lösung. Interview mit Wolfgang Krüger, 17.05.2010. Abgerufen am 17.08.2026.
  3. Föderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen FSP: Psyfinder. Abgerufen am 17.08.2026.
  4. Die Dargebotene Hand: Häufige Fragen. Abgerufen am 17.08.2026.

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