Weihnacht ohne Religion: «Gemeinsame Freude, gemeinsames Fest»

Weihnachten naht, ein grosses, christliches Fest. Doch Weihnachten ist auch Kindern wichtig, die nicht religiös erzogen werden. Wie Familien sinnvoll ohne Religion feiern, erklären Ulrike von Chossy und Michael Bauer, Autoren des Ratgebers «Erziehen ohne Religion».

Weihnachten ohne Religion

Statt christliche Rituale zu zelebrieren, können Eltern ihren Kindern Geschichten zu den unterschiedlichen Festen auf der Welt vorlesen. (Bild: Choreograph/iStock, Thinkstock)

Viele Menschen in der Schweiz stehen der Religion distanziert gegenüber. Frau von Chossy und Herr Bauer, feiern diese Menschen Ihrer Erfahrung nach Weihnachten?

Michael Bauer: Um den 24. Dezember herum sind die Tage am kürzesten und die Nächte am längsten. Der Winter beginnt. Solche markanten Zeitpunkte im Jahr werden oft überwölbt von religiösen Festen. Die meisten nicht religiösen Menschen feiern an den Weihnachtstagen, aber nicht die Geburt von Jesus Christus, sondern die Wintersonnenwende! Und weil es dann oft auch sehr kalt ist, bietet sich ein Familienfest an, in das sich Freunde einbeziehen lassen. Das Ende des Dezembers und die erste Januarwoche bieten ein wenig Zeit und Raum, um zur Ruhe zu kommen, sich auf das zu besinnen, was einem Halt gibt im Leben gibt.

Welchen Sinn kann Weihnachten ohne Religion haben?

Ulrike von Chossy: Es geht nicht darum, was religiöse und nicht religiöse Menschen trennt, sondern darum, was sie verbindet. Wir alle haben ein Bedürfnis nach Gemeinsamkeit und schönen Momenten. Deshalb liegt der Sinn der Feier in der gemeinsamen Freude, im gemeinsamen Fest. Es ist schön, es sich im kleinen Kreis gemütlich zu machen.

Weihnachten ohne Religion wird also nicht zum reinen Konsumfest?

von Chossy: Schenken heisst «Wir machen uns Freude» Es fordert heraus, ein Mal im Jahr zu überlegen «Wer ist der andere?», «In welcher Lebenssituation befindet er sich?», «Was könnte ihm gefallen?». Ein schönes Geschenk kann ein Spruch, etwas Gebasteltes, auch etwas Gekauftes sein. Es kann weniger oder mehr kosten. Wichtig ist, dass es passt. Nicht nur beschenkt zu werden, auch Schenken macht grossen Spass, besonders Kindern!

Welche Rituale mit Kindern sind bei einer Weihnacht ohne Religion möglich?

von Chossy: Fast alle Rituale, die auch religiöse Menschen pflegen. Wer nicht religiös ist, stellt wahrscheinlich keine Krippe auf und geht eher nicht zu einem Weihnachtsgottesdienst. Aber es ist authentisch, wenn Eltern mit Kindern Kekse backen und sich über den Duft freuen, den sie im Haus verbreiten. Natürlich lässt sich auch ohne Religion die Vorfreude auf das Fest geniessen, beobachten, wie es draussen immer dunkler wird, während gleichzeitig am Abend in Fenstern und Vorgärten immer mehr Lichter angehen. Abends können Eltern ihren Kindern erzählen, was sie selbst zu Weihnachten erlebt haben, als sie Kinder waren. So wird Weihnachten auch zur Familienbiographie. Möglich ist es, mit Kindern in Büchern nachzulesen, welche Feste es um den Jahreswechsel auf der Welt gibt. Was wird gefeiert? Und wie wird gefeiert? Welche Geschichten ranken sich um die Zeit? Wer will, kann aus den Geschichten einen Sinn ziehen, ohne einen Wahrheitsgehalt anzunehmen. Und Heiligabend wird der Baum gemeinsam geschmückt!

Bauer: Der Brauch, einen Baum aufzustellen, ist im 19. Jahrhundert entstanden. Das hatte erst mal keinen religiösen Hintergrund. Es ging darum, sich ein Stück Natur ins Haus zu holen.

Rund 22 Prozent der Schweizer ab 15 Jahren und damit fast 1,5 Millionen Menschen in der Schweiz gehören Angaben des Bundesamtes für Statistik zufolge keiner Religionsgemeinschaft oder Konfession an. Sie sind konfessionsfrei. 32 Prozent von ihnen sind atheistisch (rund 480'000 Personen), während 25 Prozent die Existenz einer Gottheit für nicht beweisbar halten und daher agnostisch sind. Darüber hinaus steht ein grosser Teil der Schweizer Christen der Religion indifferent gegenüber. «Eine Mehrheit der Protestantinnen und Protestanten sowie ein Teil der Katholikinnen und Katholiken weisen gewissermassen eine religiöse Entfremdung auf, indem sie der Religion keine Sonderstellung einräumen», heisst es im Bericht «Religiöse und spirituelle Praktiken und Glaubensformen in der Schweiz» aus dem Jahr 2016, herausgegeben vom Bundesamt für Statistik.


Lichter spielen in der dunklen Jahreszeit eine wichtige Rolle …

Bauer: Der Humanistische Verband in Deutschland veranstaltet um die Wintersonnenwende herum ein Lichtfest. In der Schweiz gibt es eine ähnliche Organisation, die Freidenkervereinigung, die an vielen Orten Gemeinschaften mit Treffmöglichkeiten hat. Es ist schön, gemeinsam am Feuer zu stehen, die Wärme zu spüren und sich auf die wärmere Zeit und längere Tage zu freuen. Dabei helfen auch Kerzen. Statt eines Adventskranzes lässt sich ein Lichterkranz aufstellen, der symbolisiert, dass das schöne Fest näher rückt.

von Chossy: So wird das Fest selbst zum Ritual. Rituale strukturieren das Leben und geben Sicherheit.

Zu den Personen

Michael Bauer ist Politologe und geschäftsführender Vorstand des Humanistischen Verbands Deutschland, Landesverband Bayern. Ulrike von Chossy ist diplomierte Sozialpädagogin und Bereichsgeschäftsführerin Pädagogik des Humanistischen Verbands Deutschland, Sektion Bayern, und Leiterin der Humanistischen Grundschule Fürth in Deutschland.

Buchtipp

Erziehen ohne Religion: www.reinhardt-verlag.de

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