Kleine Nachtgespenster: Wie gefährlich Schlafwandeln sein kann

Manche Kinder sitzen nachts plötzlich verwirrt im Bett oder geistern durch die Wohnung. Dr. Christian Neumann, Leitender Arzt in der Klinik für Schlafmedizin Bad Zurzach, erklärt, warum Schlafwandeln nicht immer harmlos ist.

Wie gefährlich Schlafwandeln sein kann

Schlafwandeln ist nicht immer harmlos. Foto: cranach, iStock, Thinkstock

Viele Kinder sitzen nachts verwirrt im Bett, laufen durch das Kinderzimmer oder gehen gar auf die Strasse. Wie viele Kinder schlafwandeln nachts?

Dr. Christian Neumann: Kinder und Jugendliche zwischen fünf und zwölf Jahren bilden die Hauptgruppe unter den Schlafwandlern. Etwa 15 Prozent aller Kinder und Jugendlichen bis zwölf Jahren schlafwandeln mindestens einmal, etwas mehr als zehn Prozent sogar mehrmals. Nach wenigen Minuten ist der Spuk meist beendet.

Woran bemerken Eltern, dass ihr Kind schlafwandelt?

Vor allem in der ersten Nachthälfte kommt es aus dem Schlaf heraus zu plötzlichen Handlungen, die zum Teil sehr koordiniert und gezielt wirken. Erst wenn das Kind angesprochen wird, kann man bemerken, dass es nicht richtig wach ist und anders reagiert als gewohnt. Oft ist das ganze wenig spektakulär.

Ist Schlafwandeln ein Zeichen für emotionale Belastungen?

Stress, auch Schlafmangel und Fieber können es zwar fördern. Doch der Umkehrschluss «Wer schlafwandelt, hat Stress» ist falsch.

Worin liegt stattdessen die Ursache?

Als Grund fürs Schlafwandeln vermutet man eine Reifungsverzögerung des Gehirns. Darüber hinaus gibt es eine genetische Neigung. Wenn beide Eltern als Kinder Schlafwandler waren, ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Kind es auch wird, höher als 50 Prozent. War nur ein Elternteil betroffen, liegt die Quote immer noch bei mehr als 20 Prozent.

Was passiert beim Schlafwandeln?

Ein Weckreiz wie zum Beispiel ein Geräusch in der Wohnung kann plötzlich eine Weckreaktion im Gehirn auslösen. Das Kind wird aus dem Tiefschlaf gerissen – doch nur ein Teil des Gehirns wacht auf, der andere schläft weiter. Deshalb gehört Schlafwandeln zu den Aufwachstörungen. Manchmal dreht sich das Kind herum und schläft wieder ein, ein anderes Mal sitzt es verwirrt im Bett, schaut sich suchend um, bewegt sich stark oder steht sogar auf.

Ist Schlafwandeln gefährlich?

Nein, aber es kann zu Gefahren führen. Die «Schlafwandlerische Sicherheit» ist ein Mythos. Ein Kind, das schlafwandelt, kann sich verletzen, weil es zum Beispiel gegen eine Tür läuft, sich an der Kante eines Möbelstücks stösst oder die Treppe hinunterfällt. Etwa ein Mal im Jahr lese ich in der Zeitung, dass ein schlafwandelndes Kind aus dem Fenster gefallen ist. Zum Glück verläuft das Schlafwandeln allerdings in den meisten Fällen problemlos.

Was raten Sie Eltern?

Wer einen Schlafwandler zu Hause hat, sollte für Sicherheit und regelmässigen sowie ausreichenden Schlaf sorgen. Das heisst: Fenster sichern, Haustüre abschliessen und Schlüssel weglegen, Gegenstände, mit denen das Kind sich selbst oder andere verletzen könnte, wegräumen. Die Unfallgefahr ist besonders in fremder Umgebung wie im Ferienlager hoch.

Sollen Eltern ihr Kind wecken?

Das gelingt in der Regel nicht. Eltern sollten versuchen, ihr Kind sanft zurück ins Bett zu führen. Allerdings kann es passieren, dass es beginnt, sich zu wehren. Dann ist es sinnvoll, abzuwarten und aufzupassen, dass dem Kind beim Schlafwandeln nichts passiert.

Wird aus einem kleinen Schlafwandler später ein grosser?

Nein. Meist hören Jugendliche in der Pubertät auf schlafzuwandeln. Ihr Gehirn ist dann ausgereift. Unter den Erwachsenen ist nur noch ein Prozent vom Schlafwandeln betroffen.

Dr. Christian Neumann ist Leitender Arzt in der Klinik für Schlafmedizin Bad Zurzach

Dr. Christian Neumann ist Leitender Arzt in der Klinik für Schlafmedizin Bad Zurzach. Der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie FMH sowie für Neurologie FMH hat sich auf Schlafstörungen spezialisiert.

«Ausreichend langer und erholsamer Schlaf ist für unser Wohlbefinden, aber auch für unsere Gesundheit und das Gedächtnis essenziell und zwar in jedem Alter», erklärt er.

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