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Haben Sie ein Lieblingskind?

«Natürlich nicht», sagen Sie jetzt - und lügen vielleicht doch. Denn ein Lieblingskind zu haben, wäre nur natürlich. Kinder müssen auch nicht gleich behandelt werden, gleichwertig aber schon.

Alle Eltern haben zumindest phasenweise Lieblingskinder. Warum das nicht schlimm sein muss.

Eltern schauen nicht alle Kinder immer mit der gleich viel Liebe an. Bild: Annie Spratt - Unsplash

«Ein Kind zu bevorzugen, ist ein Tabu», erklärt der Münchner Familienforscher Prof. Hartmut Kasten. Deshalb haben die meisten Eltern ein schlechtes Gewissen, wenn sie fühlen, dass sie eines ihrer Kinder mehr lieben als die anderen. Tatsächlich ist aber ganz normal, ein Lieblingskind zu haben: «Vorübergehend oder phasenweise haben nahezu alle Eltern ein Lieblingskind, auch die, die es bestreiten», sagt Prof. Hartmut Kasten. «Bei 99 Prozent der Eltern ist das so, und die restlichen ein Prozent lügen», behauptet auch der Wissenschaftsjournalist Jeffrey Kruger.

Warum Eltern manche Kinder bevorzugen

«Eltern können gar nicht anders, als Lieblingskinder zu haben», erklärt der Erziehungsberater Joachim Armbrust. Denn Eltern hätten zu jedem Kind einen anderen Zugang – und zu manchen auch eine ganz besondere Verbindung. Gefühle sind so wie sie sind. Und meist sind diese Gefühle auch nicht von Dauer. Wer sich phasenweise einem Kind besonders verbunden fühlt, beispielsweise, weil es krank ist, freut sich vielleicht nach der Genesung besonders über den Charme des Geschwisterkindes.

Laut der Forschung über Lieblingskinder gibt es vielfältige – sehr unterschiedliche und individuelle - Gründe dafür, warum ein Kind bevorzugt wird. Die einen lieben ein Kind besonders, weil es ihnen sehr ähnlich ist und sie sich ihm seelenverwandt fühlen, die anderen, weil es so ganz anders ist als man selbst. Und manchmal wird ein Kind zum Liebling, weil es Eltern ermöglicht stellvertretend die eigenen Träume zu erfüllen. Eltern sind in der Regel natürlich stolz, wenn eines ihrer Kind über besondere Talente verfügt. Sei es im Sport, in der Kunst, in der Schule oder später im Berufsleben. Das ist menschlich, und wenn bestimmte Grenzen nicht überschritten werden, auch nicht verwerflich.

Kinder gleich zu behandeln wäre ungerecht

Lieblingskind auf Zeit. Eltern haben selten immer nur ein Lieblingskind, während sie das andere vernächlässigen.

Liebling auf Zeit. Häufig schenken Eltern Ihren Kindern nur phasenweise mehr Zuwendung. Bild: Annie Spratt - Unsplash

Mehr als zu versuchen allen Kindern so gut es geht gerecht zu werden, könnten Eltern nicht tun, erklärt Helga Gürtler, Diplom-Psychologin aus Berlin und Autorin verschiedener Erziehungs-Ratgeber. «Sie können sich mit dem Bemühen um Gleichbehandlung noch so verrückt machen – die Kirschen im Kompott abzählen, die Schokoladenstückchen abwiegen - Sie werden trotzdem nicht dem gelegentlichen Vorwurf entgehen, Sie hätten eines der Geschwister bevorzugt», so Gürtler.

Ein Lieblingskind zu haben, sei auch kein Problem, solange Eltern nicht ein Kind grundsätzlich bevorzugen und das andere vernachlässigen. «Kinder sind wie Seismographen», erklärt Prof. Hartmut Kasten. «Sie spüren sehr genau, wenn sie benachteiligt werden. Wenn das ständig der Fall ist, wirkt sich das nicht nur negativ aus auf die Beziehung zum Geschwister, sondern träufelt wie Gift in ihre Seele, beeinträchtigt ihre Persönlichkeitsentwickelung und ihre Fähigkeit, eine glückliches Leben zu führen.» Ausschlaggebend für eine gesunde Entwicklung der Kinder sei deshalb, dass sich alle Kinder gerecht behandelt fühlen. Aber was ist gerecht?

Kinder gerecht und fair zu behandeln, bedeutet nicht, sie immer gleich zu behandeln. Es bedeutet aber, sie gleichwertig zu behandeln. Jedes Kind sollte das bekommen, was es braucht. Und das kann sehr unterschiedlich sein. «Jedes Kind verlangt nach unserer Aufmerksamkeit auf seine ganz eigene Weise», erklärt Gürtler. «Und deshalb ist es auch gerecht, mit dem einen anders umzugehen als mit dem anderen.» 

Wozu das schlechte Gewissen

Entscheidend sei, offen zu bleiben für die unterschiedlichen Wesensarten der Kinder. Sie alle haben ihre individuellen Stärken und Schwächen, die ihre Eltern begeistern oder herausfordern können. Wenn Eltern aber ständig nur die Stärken des einen Kindes und Schwächen des anderen im Blick haben, schaffen sie neben dem Lieblingskind das schwarze Schaf der Familie. «Der macht immer Unsinn», «Anna ist gut in der Schule, aber Jan konzentriert sich einfach nicht», «Anna ist pflegeleicht, aber Jan strapaziert meine Nerven» - solche Sätze sind nicht nur schädlich, sondern wirken auch oft wie sich selbst erfüllende Prophezeihungen. Jedes Kind wird sich in die ihm angedachte Rolle einfinden. Wichtig ist deshalb, die eigene Perspektive zu hinterfragen und zu verändern. Welche Stärken haben meine Kinder? Und wissen alle um ihre Stärken?

Denn dann hat das schlechte Gewissen auch sein Gutes. Nur wenn sich Eltern eingestehen, dass Sie phasenweise eines ihrer Kinder favorisieren, können sie auch ein Bewusstsein dafür schaffen, dass ein anderes vielleicht im Moment zu kurz kommt und korrigierend eingreifen.

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