Von Nesthäkchen und Sandwich-Kindern: Geschwisterpositionen prägen

Die Älteste bringt gute Noten mit nach Hause. Das mittlere Kind ist frech, während der Kleinste mit seinem Charme alle zum Lachen bringt. Ob ein Kind als Erstgeborenes, Sandwich-Kind oder Nesthäkchen geboren wird, prägt seine Entwicklung und seinen Charakter. Geschwisterpositionen spielen eine entscheidende Rolle.

Geschwisterpositionen können die Entwicklung und den Charakter von Kindern prägen

Das jüngste der Geschwister gilt als verwöhnt und bleibt in seiner Position als Nesthäkchen oft unterfordert. Foto: Eleonora_os, iStock, Thinkstock

«Wie unterschiedlich unsere Kinder sind», staunen Eltern oft. «Schliesslich behandeln wir sie alle gleich», glauben sie. Dabei übersehen viele, dass die Startbedingungen für ihre Kinder ganz unterschiedlich sind. «Ein wesentlicher Faktor für die Entwicklung und das Selbstverständnis ist die Position in der Geschwisterreihe», erklärt die Kinder- und Jugendhilfe St. Gallen. Denn je nachdem, ob ein Kind als ältestes, als eines der mittleren oder als Nesthäkchen aufwächst, erhält es einen anderen Platz in der Familie. «So wächst beispielsweise der erstgeborene Sohn, der täglich hört, dass er der Grosse ist, völlig anders auf als die kleine Schwester, die jahrelang «meine Kleine», «meine Süsse» genannt wird», erklären Birgit Gebauer-Sesterhenn, Anne Pulkkinen, Katrin Edelmann in ihrem Buch «Die ersten drei Jahre meines Kindes». Längst hat die Wissenschaft typische Wesensmerkmale für Geschwisterpositionen herausgearbeitet.

Vernünftige Erstgeborene

Das Erstgeborene ist das einzige Kind in der Familie, das die Zuneigung seiner Eltern zu Beginn seines Lebens nicht mit Geschwistern teilen muss. Die Eltern haben Zeit, mit ihm zu spielen, mit ihm zu singen, zu puzzeln und Bauklötze übereinander zu stapeln. Viel mehr Zeit, als sie es später bei ihren weiteren Kindern haben werden. Das Erstgeborene geniesst zu Beginn seines Lebens eine besondere Förderung. Ein grosser Teil der Erstgeborenen ist besonders intelligent, ergab eine norwegische Langzeitstudie.

Viele Eltern erleben die Entwicklung ihres Erstgeborenen sehr intensiv. Weil das Leben mit Kind für sie eine grundlegend neue Erfahrung ist, beobachten sie ihr Erstgeborenes genau und registrieren jeden Entwicklungsschritt. Dadurch bekommt es viel Wertschätzung, was ihm zum einen eine gute Portion Selbstwertgefühl verleiht. Zum anderen steht es dadurch unter besonderer Kontrolle – und damit unter mehr Leistungsdruck als seine späteren Geschwister. Viele Erstgeborene wachsen deshalb zu kleinen Perfektionisten heran.

Sind die Geschwister auf der Welt, wird von Erstgeborenen vielfach verlangt, sich um sie zu kümmern. «Sie werden vernünftiger, weil sie früh Verantwortung übernehmen müssen für jüngere Geschwister», stellte der Psychologe Frank J. Sulloway von der kanadischen Universität Berkeley fest (www.sulloway.org).Oft fungieren sie auch als Vorbild. «Indem sie ihr Wissen weitergeben, schlüpfen sie in eine Art «Lehrerrolle», schreiben Birgit Gebauer-Sesterhenn, Anne Pulkkinen und Katrin Edelmann. «Man vermutet, dass dies der Grund ist, warum Erstgeborene oft erfolgreicher im Beruf sind als die nachfolgenden Geschwister. Sie haben unter anderem gelernt, ihre Mitmenschen zu führen, Verantwortung zu übernehmen und andere etwas lehren zu können.»

Diplomatische Sandwichkinder

Weil das mittlere Kind (oder die mittleren Kinder) zwischen dem ältesten und dem jüngsten Kind liegt, wird es auch «Sandwich-Kind» genannt. Selten steht es im Mittelpunkt. Fast immer muss es die Aufmerksamkeit der Eltern teilen – entweder mit dem älteren oder mit dem jüngeren Geschwister-Kind. «In einer britischen Studie fühlten sich fast 50 Prozent der Sandwich-Kinder benachteiligt und gaben an, um die Aufmerksamkeit ihrer Eltern kämpfen zu müssen», schreiben Birgit Gebauer-Sesterhenn, Anne Pulkkinen und Katrin Edelmann. Das Selbstwertgefühl des Sandwich-Kindes entwickelt sich dadurch nicht immer optimal. «Es hat weder die Privilegien des Älteren noch die des Jüngsten. Um mit dieser Rolle zurechtzukommen, können mittlere Kinder anspruchsvoll wirken oder kompromissbereit und anpassungsfähig», so die Kinder- und Jugendhilfe St. Gallen.

Gleichzeitig hat das Sandwich-Kind eine besondere Entwicklungs-Chance. «Durch seine Position in der Familie lernt es, sich durch Diplomatie zu behaupten», so Birgit Gebauer-Sesterhenn, Anne Pulkkinen und Katrin Edelmann. Deshalb sind Sandwich-Kinder im Freundeskreis oft besonders beliebt. «Das Kind dazwischen kann oft besser als das älteste oder das jüngste Kind seinen eigenen Weg gehen», schreibt  Heidi Hess in der Aargauer Zeitung in einem Beitrag zu Geschwisterpositionen.

Charmante Nesthäkchen

Das Nesthäkchen, das jüngste der Geschwister, gilt als verwöhnt. Für die Eltern bleibt das Kleinste klein – und zwar ein Leben lang. Mütter schätzen das Nesthäkchen sogar kleiner und damit wohl auch jünger ein, als es tatsächlich ist, ergab eine australische Studie der Technischen Universität in Swinburne. Als Kleinstes kann es sich viel Nachsicht von den Eltern erhoffen. Die sind ohnehin meist nicht mehr so streng, wie sie einst mit dem Erstgeborenen waren – der Alltag mit Kind ist längst selbstverständlich und sie selbst einfach relaxter geworden.

Beim jüngeren Kind besteht nicht nur die Gefahr, dass es in der Rolle des Nesthäkchens belassen und damit unterfordert wird. «Das jüngste Kind erlebt Geschwister, die schon mehr können. Es entwickelt sich oft schneller, weil es ihnen nacheifert. Das Nacheifern birgt jedoch das Risiko, nie den Entwicklungsstand der Älteren zu erreichen und dadurch entmutig zu werden», so Kinder- und Jugendhilfe St. Gallen.

Geschwisterpositionen: Worauf Eltern achten sollten

«Die ersten werden auf Gradlinigkeit getrimmt, die mittleren auf das Lavieren und die Jüngsten auf Selbstverwirklichung», fasst Bernd Beuscher in seinem Buch «Set me free» die Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschung zusammen. Sich solche Tendenzen bewusst zu machen, ist sinnvoll. Dennoch ist es wichtig zu wissen, dass sich unterschiedliche Wesenszüge aufgrund der Geschwisterpositionen nicht zwangsläufig einstellen. Entscheidend für den Platz, den Kinder in ihrer Familie finden, sind nämlich nicht nur die Geschwisterpositionen, sondern eine Reihe weiterer Faktoren wie zum Beispiel die Geschlechter, die Altersunterschiede und die Art und Weise, wie Eltern mit ihren Kindern umgehen.

Tipps für Erstgeborene:

«Erstgeborene benötigen Verständnis für ihre Enttäuschung, nicht mehr einziges Kind zu sein. Es ist wichtig, ihnen immer wieder zu zeigen, dass ihnen der Platz als Ältestes nie streitig gemacht wird», so die Kinder- und Jugendhilfe St. Gallen. Eltern tun gut daran, von ihren Erstgeborenen nicht zu viel zu erwarten. Die Kleinen müssen nicht perfekt sein – jeder Mensch hat Stärken und Schwächen. Darüber hinaus sollten Eltern ihre Erstgeborenen möglichst selten als Aufpasser einsetzen, um die Beziehung zu den jüngeren Geschwistern nicht zu stören.

Tipps für Sandwich-Kinder:

«Bei mittleren Kindern besteht die Gefahr, dass sie übersehen werden», warnt die Kinder- und Jugendhilfe St. Gallen «Deshalb sind Eltern gerade bei diesen Kindern herausgefordert, sie bewusst wahrzunehmen.» Ganz besonders wichtig seien für Sandwich-Kinder weitere Erwachsene im familiären Umfeld, insbesondere Grosseltern und Paten. Eltern sollten diese Kontakte aktiv unterstützen.

Tipps für das Nesthäkchen:

«Wichtig ist, die Fähigkeiten der nachfolgenden Kinder zu entdecken und sie auf ihrem Weg zu unterstützen», so die Kinder- und Jugendhilfe St. Gallen. Zu viel Freiraum und Augenzudrücken tun Nesthäkchen nicht gut. Sie brauchen – wie die älteren Kinder – Familienregeln, an die sie sich halten müssen.

 

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