«Ich sags Dir jetzt zum letzten Mal!»

«Iss doch einen Apfel, wenn du Lust auf etwas Süsses hast!» Wer hat nicht an der Zurechnungsfähigkeit seiner Mutter gezweifelt, wenn ihr dieser Satz über die Lippen kam? Doch kaum haben wir selbst Nachwuchs, rutschen uns ähnlich merkwürdige Sprüche heraus. Was Eltern sagen und was Kinder verstehen, unterscheidet sich oft.

Elternsätze: Sprüche von Eltern, die es nur gut meinen

«Was sollen denn die Leute denken?», das sagen viele Eltern zu ihren Kindern, aber was verstehen diese eigentlich? Foto: iStock, Liudmila Sundikova, Thinkstock

Wer kann sich nicht an bestimmte Sprüche erinnern, die Eltern immer wieder über die Lippen rutschen? «Das schmeckt dir!» behaupteten unsere Mütter oft, wenn wir den verkochten Spinat oder das saure Rhabarbermus am liebsten heimlich im Mülleimer hätten verschwinden lassen. Und schmeckte es einmal richtig gut, hiess der Kommentar: «Pass auf, dass dir nicht schlecht wird!» Viele dieser Sätze, die schon unsere Eltern benutzten, geistern immer noch in Familienhäusern herum.

Kaum eine Situation, auf die nicht einer dieser Sprüche passt. «Wir sind doch nicht aus Zucker!» tönt es wacker, wenn der Regen eiskalt in den Nacken tropft. Tropft es zu lange aus der Dusche, rufen Eltern dagegen gern: «Das ist doch pure Verschwendung!» Und mit den Worten «Das hat mir auch nicht geschadet!» lässt sich Einspruch in jeder Lebenslage abwiegeln.

Sicher schwor sich jeder von uns, solche Sprüche seiner Nachkommenschaft nicht angedeihen zu lassen. Und doch rutschen sie manchmal über die Lippen; die Zurechtweisungen, Vorwürfe und Mahnungen. Erinnern wir uns, wie sie bei Kindern ankommen.

«Ich sags Dir jetzt zum letzten Mal!»

Das denken Kinder darüber:
«Wetten, dass das nicht der Fall ist? Du hast doch schon die ganze Zeit geredet und wirst es noch weiter tun. Ich stell da mal lieber auf Durchzug! Denn schliesslich ist es voll gemein von dir, dass du dich auf keine Diskussion mit mir einlässt. Du willst nur deinen eigenen Willen durchdrücken, gleichgültig, wie es mir dabei geht. Was mir am Herzen liegt, interessiert dich gar nicht.»

Zuhören wirkt Wunder, wenn Kinder sich verschliessen. Erziehungsexperte Jan-Uwe Rogge: «Erst wenn Kinder das Gefühl haben, dass die Eltern ihnen wirklich zuhören, öffnen sie sich. Zuhören meint: Ich bin an dir und an deiner Schilderung interessiert, ich möchte noch mehr hören.» Tipps für Eltern, die wirklich zuhören wollen, gibt es hier.

«Was sollen denn die Leute denken?»

Das denken Kinder darüber:
«Ich möchte aber meinen Lieblingspulli anziehen, denn in dem fühle ich mich am wohlsten. Auch dann, wenn Oma ihren 70. Geburtstag in einem feinen Restaurant feiert. Darf ich mich auf Omas Geburtstag nicht wohl fühlen? Sicher gefällt mein Pulli auch den anderen. Und wenn nicht: Warum ist meinen Eltern die Meinung anderer über mein Outfit wichtiger als meine Ansicht?»

Dieser Satz gehört zu den Sprüchen, die Generationen von Kindern gehört haben. Letztendlich bedeutet er nicht anderes als: «Pass Dich an!» Doch wollen Eltern das wirklich? Wer die Eigenständigkeit von Kindern fördern will, braucht manchmal etwas Mut, die Experimentierfreude seines Kindes auszuhalten. Und keine Sorge: Die anderen Leute finden ohnehin immer einen Grund zu tratschen!

«Du bist doch kein Baby mehr!»

Das denken Kinder darüber:
«Ja, ein Baby bin ich nicht, trotzdem macht es Spass, mit dem Essen zu matschen. Wenn nur Babys tun dürfen, was lustig ist, werde ich eben wieder zum Baby!»

«Dieser Satz fällt meistens dann, wenn die arme, geschundene Kleinkindseele eigentlich etwas Balsam vertragen könnte», so Lisa Seelig, die in dem kleinen Buch «Da wächst du schon noch rein!» die schönsten Sätze aller Eltern zusammengefasst hat. Sie rät Eltern: «Machen Sie das Rollenspiel einfach mit!» Auch grosse Kinder wollen zwischendurch einfach mal wieder klein sein.

«Jetzt geh und entschuldige dich!»

Das denken Kinder darüber:
«Ich bin im Recht. Wieso soll ich mich dann entschuldigen? Na gut, wenn Mami diese Floskel wichtig ist, dann sage ich eben ‚Entschuldigung‘. Aber hinter meinem Rücken kreuze ich die Finger. Ich bin nämlich immer noch sauer auf Sven, weil er mir meinen Sandbagger weggenommen hat. Gleich haue ich ihm noch mal auf die Mütze!»

«Die Ansage ‚Jetzt geh und entschuldige dich!‘ ist vom pädagogischen Wert her ebenso unnütz wie das berüchtigte ‚Wie heisst das Zauberwort?‘», so Lisa Seelig. «Denn für das Kind ist er eine schlimme Demütigung, der es sich mittels ‚Auf-Durchzug-Schalten‘ zu entziehen versucht.» Viel besser ist es, den Kindern zu helfen, den Konflikt zu klären.

«Immer machst Du alles kaputt!»

Das denken Kinder darüber:
«Ach so ist das. Ich bin ein Kind, das immer alles kaputt macht. Ich bin also ungeschickt. Wenn ich etwas in die Hand nehme, ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich damit umgehen kann, gering.»

«Immer machst Du alles kaputt!» ist ein Verunsicherungs-Satz, der genau das Gegenteil von dem erreicht, was Eltern wollen. Er fördert statt mehr Geschick langfristig die Missgeschicke. Psychologen haben längst herausgefunden, dass Worte unser Denken und Handeln intensiv und nachhaltig prägen.

«Du bist ganz schön müde!»

Das denken Kinder darüber:
«Ich bin nicht müde. Aber meine Eltern hätten gern, dass ich müde bin, damit sie mich schnell ins Bett verfrachten können und ihre Ruhe von mir haben. Jetzt zeig ich ihnen mal ganz geschwind, wie hellwach ich noch bin. Turnen, klettern, hopsen – wer macht mit?»

Es gibt geschicktere Methoden, sein Kind Richtung Bett zu lenken. Was Eltern tun können, wenn Kinder nicht ins Bett oder nicht einschlafen wollen, erfahren Sie hier.

«Das ist kein Spielzeug!»

Das denken Kinder darüber:
«Nein? Das macht diesen Gegenstand gleich noch interessanter. Ich warte mal, bis die Eltern wegschauen und weg sind, dann nehme ich das Teil mal richtig unter die Lupe.»

«Da hat wohl jemand seinen Baby- und Kleinkindführer nicht gelesen – sonst wüssten Mama und Papa doch, dass für kleine Kinder alles Spielzeug ist», so Lisa Seelig. Korrekt und ehrlich müsste der Satz lauten: «Ich will nicht, dass du damit spielst!»

«Kann man dich nicht mal fünf Minuten alleine lassen?»

Das denken Kinder darüber:
«Das soll eine Frage sein? Nein, diese Frage ist ein einziger Vorwurf und dazu eine Beleidigung: ‚Was für ein Baby bist du, dass du nicht mal fünf Minuten ohne mich in dieser Welt zurechtkommst!‘ Und dazu ist sie noch ungerecht. Denn schliesslich bin ich durchaus gut zurechtgekommen. Wann sonst, wenn nicht dann, wenn ich alleine bin, kann ich endlich mal das ausprobieren, was sonst nicht erlaubt ist?»

Klar gibt es Regeln, die Kinder unbedingt beherzigen müssen, wenn sie alleine sind. Doch dass sie sich die eine oder andere Freiheit nehmen, wenn das elterliche Auge mal nicht über sie wacht, ist doch sonnenklar, oder? Wer ist als Kind nicht zum Süssigkeitenschrank gelaufen, kaum dass die Türe ins Schloss fiel?

«Jetzt werd mal nicht frech!»

Wer diesen Satz als Kind selbst zu hören bekam, erinnert sich sicher leicht an die Wut, die er auslöste. Was für eine Frechheit der Eltern! Da war man überzeugt, Recht zu haben und musste sich dennoch so abkanzeln lassen. Der Hintergrund war selbst Kindern klar: Die Eltern hatten keine Lust auf Auseinandersetzung.

Schön, wenn Eltern sich auf den Konflikt einzulassen und gemeinsam nach herzerfrischenden Lösungen suchen. Weitere Informationen zum Thema «Richtig streiten» finden sich hier.

«Du hast doch jemand Netteren verdient!»

Das denken Kinder darüber:
«Was interessieren mich andere, wenn das Herz nur für den einen schlägt? Und ganz abgesehen davon: Ich will überhaupt keinen netten Typen! Haben mir meine Eltern überhaupt zugehört?»

Den Satz können sich Eltern wirklich sparen, selbst wenn sie überzeugt sind, das Beste für den unter Liebeskummer leidenden Teenager zu wollen. Erinnern wir uns nur an unseren eigenen Liebeskummer. Am besten fahren Eltern ohne unerbetene Ratschläge und einem grossen Ohr zum Zuhören.

Weiterführender Link

Buchtipp: Die schönsten Sätze aller Eltern, die es nur gut meinen, hat Lisa Seelig in dem kleinen Buch «Da wächst du schon noch rein!» (Fischer) zusammentragen.

 

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